Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1882)
- Date
- 1882-12-12
- Page
- Seite 826 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227444--40422-3258059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nach dem trocknen Sommer nicht schwer zu passiren sein. Es half nichts, wir mußten die.Straße verlassen, und durch den Wald auf ungebahntem Wege und trotz des coupirten Terrains zum User des Flusses zu dringen versuchen. Wir thaten dies ohne Verzug, und unsre Pferde mußten wohl die Gefahr fühlen und fürchten wie wir, denn sie strengten ihre äußersten Kräfte an, um nach der neuen Richtung vorwärts tzü kommen. Aber , die Schwierigkeiten waren groß; wir trafen bald auf tiefe Löcher, aus denen wir nur mit Mühe uns wieder herausarbeiten konnten, dann wieder auf Sanbhügel, in die wir versanken, und da war es nicht zu verwundern, daß nach einer Viertelstunde unsre Kibitke umschlug und in Stücken zerbrach. Doch auch dies machte uns nicht rathlos. Wir lösten die Stränge, warfen von unsrem Gepäck das nothwendigste auf unsre drei Rosse, bestiegen diese und eilten weiter, dann allerdings nahte die Gefahr in Gestalt des furchtbaren Brandes immer schneller. Doch Gott war mit uns. Nach einer halben Stunde unsäglicher Arbeit unsrer Pferde, gelangten wir an den Fluß, durchritten ihn, sanken erschöpft auf dem Ufer nieder und ein „Gott hat uns geholfen! Sein Name sei gepriesen!" ertönte von unsren Lippen. Nachdem wir uns etwas erholt, setzten wir unsren Weg weiter fort, während die Nacht immer dunkler herniedersank und uns mit neuen Aengsten erfüllte. Doch auch diesmal glückte es uns. Wir erreichten den Saum des Waldes, wo eine' weite Lichtung sich ausbreitete, aus deren Mitte die schwachen Lichter eines Dörfchens uns entgegenfunkelten. Dort fanden wir Aufnahme in der Schänke eines Glaubensgenossen. In der Nacht strömte ein heftiger und andauernder Regen, herab, welcher der dürstenden Erde zum Segen gereichte, aber auch dem Waldbrand eine Ende machte. Wir vermochten sogar am anderen Morgen unser zurückgelasfenes, freilich sehr durchweichtes Gepäck . aufzufinden und gegen Mittag ging es auf einem neuen Wagen und mit frischen Pferden vorwärts. j Das war das Abenteuer unsres Freundes, das an sich in Rußland weder neu noch selten, doch durch die Anwendung des neuen Vernichtungsmittels gegen die Raubthiere des Waldes ein besonderes Interesse gewann.. Vermischtes. Professor Jäger und die Bibel. Es ist nichts Neues, daß die heilige Schrift zu allem Möglichen ge- und mißbraucht wird, - was gerade den Menschen in den Kram paßt. Wir sind schon zufrieden, wenn es sich dabei nicht um schwerwiegende, das Schicksal tausender bestimmende Angelegenheiten handelt, sondern wenn es in harmloser Weise geschieht. Aber auch da kann es dem Gewissenhaften nicht.gleichgültig sein, der Bibel untergeschoben zu sehen, was gar nicht darin enthalten ist, da hierdurch ihre Autorität nur geschädigt wird. Daß dies gerade in Deutschland so häufig geschieht, und zwar gerade von Männern der Wissenschaft ist nicht erfreulich. Der Stuttgarter Professor vr. Jäger, der eine „ Normalkleidung" aus purer Wolle erfunden hat und dafür agitirt, das er zugestandenermaßen auch aus Geschäftsrücksichten thut, hielt am 26. d. einen öffentlichen Vortrag in Berlin. Für das Wollregime führte er als Autorität Moses an, der im 5. Buche 22, 11 schreibe: „Du sollst dich nicht bekleiden mit Zeug von Wolle und Flachs nebeneinander." Orthodoxe Juden tragen, wie Jäger behauptet, deshalb auch -ausschließlich Wolle, eine Gewohnheit, welche die Ursache des langen Lebens der Juden sei. Wir brauchen unseren Lesern nicht zu sagen, daß alles dies falsch ist. Das mosaische Gesetz verbietet bekanntlich nur ijuy&y d. h. Zeuge, die aus Wolle und Flachs zugleich gewebt sind, wie die angeführte Stelle selbst und 3 Mos. 19, 19. besagt. Dagegen ist weder das Tragen von wollenem Zeuge empfohlen, noch von Leinenuntersagt. Gerade das Gegentheil; denn die Priesterkleidung und selbst das Unterkleid des Hohenpriesters waren von feinstem Linnen und was hierbei besonders bemerkenswerth, sie mußten „linnene Hüftkleider von den Hüsten bis an die Schenkel" tragen (2 Mos. 28, 42.), also gerade solche, die Prof. Jäger mit aller Macht bekämpft. Ist derselbe so bewandert in der Bibel, daß er sie für feine Wolle citiren konnte, so hätte er es wahrheitsgemäß thun sollen. Auch das ist eine Fiction, daß die orthodoxen Juden nur Wolle trügen, und wir möchten wissen, wer ihnen dies aufgebürdet. Die Ursache des langen Lebens der Juden wird also wo anders zu suchen sein. Nachtrag. Frankfurt a. Main, 4. Dec. (Privatmitth.) Am gestrigen Tage verschied der emerit. RabK vr. Leopold Stein, 72 Jahre alt. Im Jahre 1810 zu Burgproppach in Bayern geboren, wurde er nach Beendigung seiner Studien in Würzburg zum Rabbiner in Burgkunstadt gewählt (1835) und erhielt 1844 einen Ruf an die Gemeinde zu Frankfurt a. M7. Daselbst war er 1845 Vorsitzender der zweiten Rabbiner- Versammlung. Im Jahre 1862 gerieth er in Streitigkeiten mit dem Gemeindevorstande wegen der dem Rabbiner zustehenden Rechte und nahm seine Entlassung. Zunächst stand er einer Erziehungs-Anstalt vor und zog sich später ins Privatleben zurück, so daß er nur bisweilen in der sogen, amerikanischen Gemeinde predigte. Als Kanzelredner gehörte er zu den besten seines Standes und zeichnete sich besonders durch eine blühende Sprache aus.' Die Würdigung seiner literarischen Arbeiten werden wir an einer anderen Stelle geben.