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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-12 · Heft 50 (12.12.1882) · p. Seite 823

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 50 (12.12.1882)
Date
1882-12-12
Page
Seite 823 (sequence 11)
Language
German
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kann sich beruhigen. Außerhalb Czernowitz und seiner Umgebung hat die Broschüre nicht die geringste Aufmerksamkeit erregt, und, so viel wir wissen, gar keine Beachtung gefunden. Ihre Oberflächlichkeit, ihre offenbaren Widersprüche mit sich selbst, da sie z. B. einerseits behauptet, die Religion verliere immer mehr ihre Einwirkung und doch wieder von der Religion einen dauernden feindlichen Einfluß erwartet, und der frivole Geist, der in ihr herrscht und der alles Glaubens und aller Treue spottet, treten dem Leser zu schnell entgegen, als daß er die Schrift nicht mit Unwillen von sich weisen müßte. Es ist bemerkenswerth, daß gerade aus jenen östlichen Ländern, in welchen die jüdische Orthodoxie noch unberührt obwaltet, uns jüngst in zudringlichster Weise, wie schon der Titel dieser Broschüre erweist, Schriften aufgehalst werden, welche die bodenloseste Religionslosigkeit Predigen. So jene Schrift eines russischen Juden, welche wir jüngst besprachen, und. jetzt die eines Bukowinaer Juden. Eine weitere Besprechung der letzteren Hallen wir für völlig überflüssig. Frankreich. Paris, 3. Decbr. (Privatmitth.) Es wäre eine Täuschung, wenn man der Meinung wäre, daß nicht auch in Frankreich der Antisemitismus die möglichsten Anstrengungen mache, um sich vernehmbar zu machen. Er wählt hierzu die mannichfaltigsten Mittel.. So enthielt jüngst der nur und echt Pariser „Figaro" einen dreispaltigen Artikel, der sich den Anschein giebt, für die Juden einzutreten und feindseliger ist, als alle direkten Angriffe. Unter der Maske eines deutschen Diplomaten und einer russischen Fürstin führt er Alles auf, was man in Deutschland und Rußland gegen die Juden vorgebracht hat, läßt jedoch seinen Diplomaten sich dahin äußern, daß alle Bemühungen der Antisemiten vergeblich seien, weil ganz Europa -schon jüdisch geworden, im Geiste, in der Praxis, wenn nicht dem Herzen nach, und schließt mit den Worten: „Dem Juden den Prozeß machen, heißt dem ganzen Jahrhundert den Prozeß machen." Im Sinne des Figaro, der bekanntlich legitimistisch und clerikal gesinnt ist, müßte dieser Satz wohl umgedreht werden: Man müßte dem Jahrhundert den Prozeß machen, dann mache man ihn von selbst den Juden." Diesen allein zu bekämpfen habe keinen Erfolg. — Die vielen und bedeutenden Kirchendiebstähle, die jüngst in Frankreich vorfielen, fangen an, sich auch auf die Synagogen auszudehnen. Zuerst kam der Tempel zu Neuilly an die Reihe; jetzt das Bethaus in der me de la Boule Rouge. Die Werthstücke, die aus dem letzteren entwendet wurden, und das aus den erbrochenen Büchsen genommene Armengeld wird, wohl übertrieben, auf 10,000 frcs. geschätzt. —. Für die Statue,- die dem Abbs Grchoire, dem Bertheidiger der Juden im Jahre 1789 errichtet werden soll, soll jetzt, da die Beiträge die genügenden Mittel bieten, ein Concurs ausgeschrieben werden. Ein jüdischer Bildhauer hat sich bereits darum beworben. Rußland.. Petersburg, im November. Obschon nach Kiew viele jüdische Auswanderer wieder zurückkehren, hat sich die Bevölkerung dieser Stadt doch um 4500 Familien vermindert. Die jüdische Bevölkerung beträgt gegenwärtig 3500 Familien. So die „Polit. Corr." und der „Czas". — Mit der Zeit und mit den nöthigen Anstrengungen, indem nämlich die den Gegenstand betreffenden Nachrichten möglichst veröffentlicht werden, wird sich die allgemeine Meinung davon überzeugen, wie unwahr die vielverbreitete Ansicht ist, daß die jüdische Bevölkerung in Rußland nur aus Krämern, Branntweinschänkern u. s. w. bestehe. Aber das Gegentheil ist wahr. Die große Mehrheit der Juden besteht aus Handwerkern und Arbeitern. Aber den letzteren wird das Leben sehr sauer gemacht, indem die meisten Fabriken grundsätzlich alle jüdischen Arbeiter ausschließen. Die Papierfabrik Goldstein und Baratz in Odessa hat jüngst angefangen auch jüdische Arbeiter anzunehmen, und seit kurzer Zeit besteht die Mehrheit der Arbeiter aus Juden. Die jüdischen Arbeiter arbeiten nicht schlechter als die anderen, aber sie, haben den großen Vorzug der Mäßigkeit. Sie haben keinen „blauen Montag" und verbringen die Abende und Nächte nicht in den Wirths- Häusern. Darum können sie auch etwas besser leben als -die anderen. Wirft man einen Blick in die Wohnung eines jüdischen Arbeiters, so findet man immerhin die Anzeichen einigen Comforts, wie Federbetten u. s. w. Der jüdische Arbeiter erzieht seine Kinder gut, unterrichtet und kleidet sie. Leider sind die meisten Fabriken in Odessa den Juden verschlossen und man sieht sie vergebens die Thore der Fabriken umlagern und um Arbeit flehen. (Ruski Eyr.) Bekanntlich haben auf den russischen Universitäten Charkow, Kasan und Petersburg Studentenunruhen stattgefunden.. Die Köln. Ztg. schreibt nun über die in Charkow: In, Charkow hatte ein jüdischer Student auf offener Straße eine Dame beleidigt. Als er vom Professoren-Eollegium deshalb, relegirt wurde, demonstrirten seine jüdischen Commilitonen gegen diese Strafe, während die russischen Studenten , fürdie Verhängung der Strafe eintraten. Die Reibungen, die.übrigens auf allen Universitäten zwischen Juden und Russen herrschen, wurden hier durch schleunige Bestrafung-der. Haupträdelsführer bald beendet. . In Warschau ist aus mehreren Grenz-Gouvernements, namentlich aus Kamienec-Podolski, die Meldung >eingetroffen, daß die Behörden Anstalten treffen, die veraltete, aber formell noch nicht aufgehobene Verordnung, wonach Juden nur in einer Entfernung von HO Werst von der Grenze die Nieder-

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