Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1882)
- Date
- 1882-12-12
- Page
- Seite 821 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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821 Dieser Vorschlag fand allgemeinen Anklang und mii Ausnahme derjenigen, die bereits selbständig auf eine jüdische Zeitung abonnirt waren und es bleiben wollen, haben fast sämmtliche Mitglieder des Vereins demselben Folge geleistet, so daß gegenwärtig die jüdischen Blätter bereits in Circulation sind. Man ersieht daraus, daß der jüdische Sinn, selbst da, wo man es vermuthet hätte, doch nicht ganz erstorben ist und daß es nur der richtigen praktischen und unermüdlichen Anregung bedarf, um ihn zu wecken. Denn immerhin dürfen wir uns so manchen für die religiöse Gesinnung günstigen Erfolg davon versprechen, wenn in jüdischen Häusern, wo man bisher von den Vorgängen innerhalb des Judenthums nur durch zufällige, oft genug boshafte Notizen der politischen Blätter erfuhr, allwöchentlich auch eine jüdische Zeitschrift gelesen wird. Wir wünschen nur, daß das Vorgehen unseres Vereins auch in andern größern und kleinern Gemeinden Nachahmung finde. Bamberg, 28. November. (Privatmitth.) Trotzdem so viele Kirchenfürsten sich gegen die Lügenfabel der Blutbeschuldignng erklärt haben, wie jüngst der Bischof von Fulda, fahren die ultramontanen Blätter, namentlich die kleineren der Hetzkapläne fort, die Tißa-Eßlarer Affaire im gehäßigsten Lichte darzustellen, und zeichnet sich hierin ganz besonders das hiesige „Volksblatt" des Kaplans Schmitz' aus. Dasselbe erfrechte sich sogar, eine durchaus lügenhafte Erzählung von der Damasker Geschichte zu bringen, nach welcher Sie dortigen Juden wirklich den Pater Thomas getödtet hätten. Das „Bamberger Journal" tritt diesem Unfug mit aller Energie entgegen, und brachte in seiner Nummer vom 26. d. eine Wiederlegung aus den gerichtlichen und diplomatischen Berichten, namentlich aus dem Archiv des K. K. Ministeriums des Aeußeren in Wien. In seiner Nr. vom 25. d. sagt das „Bamb. I." unter Anderem Folgendes: „Das „Bamb. Volksbl." bringt in seiner Samstagsnummer zur Rechtfertigung seiner Haltung in der „Tißa-Eßlarer"-Affaire einen Artikel, der — anstatt das Schuldbewußtsein eines Menschen zu dokumentieren, dessen Handlungsweise von einem Bischof als Sünde und Frevelthat erklärt worden ist — noch in frechster Weise „Bauer komm heraus" macht und am Schluffe die Frage enthält: Was sagt man denn hierzu? Wir sagen einfach dazu, daß das „Volksbl." und seine Hintermänner in dieser Frage im allgemeinen wie im speziellen perfidest manipulieren und lügen!" „Es berührt uns durchaus nicht, von dem „Volksblatt" ob unserer Parteinahme geschmäht zu werden; wir schreiben im Dienste der Demokratie, der Freiheit und Gleichheit und nehmen uns stets der ungerecht Unterdrückten und Verfolgten an, seien es Katholiken, Protestanten oder Juden — und wie wir im preuß. Culturkampf auf Seiten der Katholiken stehen, soweit sie in ihrem Gewissen, in der Ausübung und im Genüsse der kirchlichen Gebräuche und Vorschriften be drängt sind, so nehmen wir uns hier auch unserer jüdischen Mitbürger an, die heute von einer wilden Kohorte des finstersten Glaubenshasses verfolgt und bedrängt werden! Wir thun das als Demokraten, Menschen und Christen, die ihr Christenthum rein erhalten wollen von dem Gifte des Antisemitenthums, rein erhalten wollen gegenüber der Thätigkeit eines Priesters Schmitz und Konsorten — jener Gesellschaft, die, anstatt die Liebe, die der Stifter der christlichen Religion gepredigt hat, zu verbreiten, Orgien des Hasses täglich feiert!" „Wenn ein Bischof in humanster und erleuchtetster Weise, und wenn auch nur als „persönliche Anschauung", etwas ausspricht, so hat dies für uns und die christliche Welt mehr Werth, als wenn ein — „Volksbl." im Dienste der geistigen Finsterniß und des Glaubenshasses lügt, hetzt und verleumdet!" — (Diese kleinen ultramontanen Blätter können andere, protestantische Zeitschriften, zum Vorwände nehmen, die in ähnlicher Weise verfahren, und zwar selbst solche, welche „hohe Politik" zu betreiben sich den Anschein geben. So enthielten die antisemitischen „Grenzboten" einen Artikel über den Tißa-Eßlarer Prozeß, der mit jener verabscheuungswerthen Kunst, die aus schwarz weiß und aus weiß schwarz macht, abgefaßt ist, und mit Einfügung erdichteter Thatsachen, so wie mit Uebergehen der konstatirtesten Fakten die Schuld der Juden sonnenklar erweist. Was fragen diese Skribenten darnach, daß die Ergebnisse des Prozesses sie nach kurzer Zeit Lügen strafen werden. Haben doch dann ihre teuflisch znsammengeschmiedeten Artikel die momentane Wirkung gethan. Redaktion.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 1. Dez. Die früher einmal durch tumultuirende Haufen gestörte Wählerversammlung, welche die Abgeordneten des ersten Bezirks der Stadt Wien berufen hatten, ist heute in bester Weise verlaufen. Unter diesen Abgeordneten befinden sich die Herren Kuranda und Jaques. Namentlich der letztere hielt eine glänzende Rede. Die Versammlung gab in einer Resolution einstimmig ihre Uebereinstimmuug mit den Abgeordneten zu erkennen. Pest, 28. November. (Privatmitth.) Der Gerichtshof von Nyiregyhaza hat zufolge der seitens der Vertheidiger der des Mordes beschuldigten Josef Scharf und Genossen überreichten Eingabe, betr. die Ausgrabung, Exhumirung und Untersuchung der angeblichen Esther Solymosi nach Anhörung des k. Staatsanwaltes beschlossen: „Die neuerliche Ausgrabung (Exhumirung) der zwischen Lök und Dada aus der Theiß herausgefischten und am 19. Juni l. I. durch gerichtliche Sachverständige untersuchten und zu Eßlar begrabenen Leiche, und die auf die ergänzungs- 50