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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-12 · Heft 50 (12.12.1882) · p. Seite 814

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 50 (12.12.1882)
Date
1882-12-12
Page
Seite 814 (sequence 2)
Language
German
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ober in Freudenchören der Dankeshymnen zum Ausdruck -brachten, was ihxen Geist und-ihre Herzen bewegte, das Alles hier mumifizirt und eingesargt ist; und zwar in zierlich gemeißelten Sarcophagen abgezirkelter Begriffe. Die Theorie der Entwickelung, wie sie hier angewendet wird, unterscheidet sich wesentlich von der, welche gegenwärtig von der Naturwissenschaft aufgestellt wird. Alle Perioden der Erdbildung, wie sie die Paläontologie an der Hand der Geognosie oder diese an der Hand jener uufstellt, von der ältesten bis zur Gegenwart, weisen, bei aller Verschiedenheit der Entwickelung in der Organisation und den Dimensionen, doch denselben Typus, die Gleichartigkeit der Organe, die Identität des Gesetzes in allen Organismen der Pflanzen- und der Thierwelt auf. Es ist wie ein Bleibendes, wie ein Ewiges, das in allen diesen Organismen, den unvollkommeneren und vollkommeneren, den einfacheren und entwickelteren vorhanden, ein und dasselbe Leben, ein und dasselbe Gesetz in Gestaltung und Funktion. Ganz Anderes ergiebt sich aus den Operationen der religionsgeschichtlichen Philosophen. Bei diesen ist alles Vorhergegangene nichts als Jrrthum, Einseitigkeit, Beschränktheit bis zur Aus- und Entartung. In ihnen, auf ihren aussteigenden Stufen war, nach diesen Philosophen, nichts Bleibendes, keine ewige Wahrheit, kein als ein dauerndes Erbgut den zukünftigen Geschlechtern zu Ueberlieferndes, sondern nur Wahn- und Irrung, Todtgeborenes, so daß die Geschichte der Religionen nur wie ein Conglomerat abgestorbener Sedimente erscheint. Warum dies? Sehr einfach. Weil jeder dieser Herren „eine Religion der Zukunft", „eine Religion des Geistes" in der Tasche hat', die er, sobald die Religionen des Alterthums, des Mittelalters und der Neuzeit abgethan sind, der Welt übergiebt und als das Produkt der Geschichte anzupreisen nunmehr freie Hand hat. Aus dem Umstande, daß bei dem eminenten Entwickelungsprozesse, in welchem die civilisirte Welt seit einem Jahrhundert sich befindet, auch die bestehenden positiven Religionen in Bewegung gerathen sind und sich innerhalb derselben Parteien gebildet haben, welche eine gewisse Umbildung derselben erstreben oder bekämpfen, ziehen diese Männer den Schluß, daß jene in „Zersetzung und Auflösung" begriffen sind, und wollen deshalb auf deren Ersatz aus eigenen, d. h. der Philosophen Mitteln bedacht sein. Daß die Philosophie selbst in einer solchen anscheinenden Zersetzung und Auflösung begriffen ist,-und daß sie, die Philosophen, hierfür selbst den Beweis liefern, kommt ihnen bei ihren neuen Religionsschöpfungen nicht in den Sinn. Jndeß ist bei einer solchen Bewegung weder der Philosophie,, noch der Religion die Zukunft ungewiß oder gar das Ende vorauszusagen. Beide sind unsterbliche Wesenheiten des Menschengeistes. — In der letzten Zeit sind wir nun mit so zahl- und bändereichen Kritiken, bald als Kulturhistorie, bald als Religionsgeschichte, bald als Philosophie der Religionsgeschichte, und zwar in allen Sprachen der civilisirten Welt überschüttet worden , daß es unmöglich ist, jedes dieser Werke einzeln zu verfolgen, die darin aufgestellten Theoreme zu prüfen und zu beurtheilen. Es ergeht denselben wie allen Kindern der Revolution: sie verschlingen einander selbst, während die Menschheit in fortgesetzter ruhiger Geistesarbeit weiterschreitet, das Abgestorbene beseitigt und das Lebendige mit neuer Kraft verjüngt. Auch dem neuen Werke Eduard v. Hartmann's gegenüber müssen wir uns so verhalten, da es eines ebenso starken Bandes bedürfte^ ihm in die Einseitigkeit seiner Betrachtungen und in die Oberflächlichkeit seiner Kenntnißnahme von dem wirklichen Leben der Erscheinungen kritisch zu folgen. Wir lassen uns deshalb nicht einmal, verleiten, seine Expektorationen über das Judenthum, dem er beinah 200 Seiten widmet, näher in Betracht zu ziehen. Er....spezialisirt dasselbe in den „naturalistischen Henotheismus des alten Israel", die „monotheistische Reform der Propheten", die „Religion der Heteronomie", nämlich den Mosaismus und das Judenthum. Es ist Schade, daß der Talmudismus einer so bestimmten geschichtlichen Periode angehört. Sonst würde gewiß der Mosaismüs, wie nach den Propheten, so auch nach dem Talmud als ein Reformversuch des letzteren von diesen Herren Kritikern gestellt werden, und sicherlich die fünf Bücher Moses als später aus den Stellen des Talmuds, wo sie citirt werden, zusammengesetzt, ausgegeben werden. Wir wollen uns vielmehr nur das vergegenwärtigen, was Hartmann über das Judenthum unsrer Zeit sagt, über das „Reformjudenthum". Ja, das Reformjudenthum! Das ist der Stein des Anstoßes für Alle. Im Hasse gegen dasselbe begegnen sich die Missionäre und die Radikalen, die Ultramontanen, die Pietisten und die Antireligiösen. Das Merkwürdige dabei ist, daß die letzteren, nachdem sie ihm allen wesentlichen Inhalt abgesprochen, es . dennoch als überaus nützlich, ja nothwendig für „ihre Religion der Zukunft" halten! So Renan in feiner französischer, Hartmann in grober deutscher Manier, denn auch dieser schließt damit, daß das Reformjudenthum „die Vorstufe zur Religion des Geistes" bilde. Es ist dies ein Widerspruch, aber über einen solchen kommt ein Philosoph schnell hinweg. - Auch Hartmann spricht (S. 533) von der „geistentleerten Dürre talmudischer Dialektik" und daß „der lebendige Geist dem nachchristlichen Judenthum abhanden gekommen". Aehnliches hat ja auch Renan gesagt, aber nachher offen zurückgeyommen. Von Hartmann dürfen wir uns dessen nicht versehen, denn Renan, der semitischen Sprachen kundig, konnte sich des Besseren belehren. Diese Herren bilden sich wirklich ein, daß die Geistesthätigkeit der Juden sich auf den talmudischen Pilpul beschränkt habe, der Juden, welche doch die Vermittler der griechischen Philosophie und Wissenschaft

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