Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1882)
- Date
- 1882-12-05
- Page
- Seite 808 (sequence 12)
- Language
- German
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Gerichtswächter, also ein dem Staatsanwalt dienstlich unterstehendes Organ, über jene Amtsmißbräuche protokollarisch verhören lassen. Der Gerichtswächter schilderte in Gegenwart zahlreicher Personen in detaillirter Weise die unerhörte Methode, welche Untersuchungsrichter Vary, unterstützt von einem Panduren-Kommissär, mit einem hydraulischen Apparat bei der Vernehmung der angeblichen „Leichenschmuggler" befolgt hatte. Am nächsten Tage besann sich jener Gerichtswächter eines Bessern und gab vor dem Referenten des Gerichtshofes zu Protokoll, Staatsanwalt Havas habe ihn zu seiner gestrigen Aussage gezwungen. Diese Angabe bildet den Ausgangspunkt der auf direkte Weisung des Justizministers gegen einen seit vielen Jahren im Dienste der Staatsjustiz stehenden Beamten von anerkannter Probität einzuleitenden Untersuchung. Um so merkwürdiger ist es, daß hinsichtlich der durch Todtschweigen keinesfalls widerlegten Mißbräuche des Untersuchungsrichters Vary und seiner Organe, Mißbräuche, hinsichtlich deren ein sehr positives Material von direkten und öffentlichen Klagen besteht, eine ebenso direkte Weisung schon vor Wochen erflossen ist, der gemäß „ diese Affaire" bis nach der gerichtlichen Austragung der Tißa-Eßlarer Kriminal- Angelegenheit in suspenso belassen werde. Zwischen dem antisemitischen Hetzer Berhovay und Abgeordneten Horanßky, einem der Bertheidiger der Tißa-Eßlarer Angeklagten, hat vorgestern ein Duell stattgefunden. Beide blieben unversehrt. — Nächstens wird das neue Wuchergesetz im Ungar. Reichstage zur Berathupg kommen. Um den Jstoczy's und Onody's von vorn herem das Maul zu stopfen, wird noch vor der Verhandlung eine Broschüre über den Wucher vom Liblisch-talmudischen Standpunkte aus, d. h. was Bibel, Talmud und Geschichte über den Wucher lehren, von Dr. Kayserling erscheinen, natürlich ungarisch, da sie sämmtlichen Reichstagsabgeordneten zugehen soll. Pest, 25. November. Wie im ganzen Ungarlande es toll hergeht, so auch im ungarischen Abgeordnetenhaus^ In der heutigen Sitzung bei der Verhandlung über eine Petition wegen Konfiskation antisemitischer Broschüren im Heveser Komitate kam es zu einer lebhaften Debatte. Der Referent erklärte, der Ausschuß billige vollkommen den bezüglichen Ministerialerläß. Ministerpräsident Tisza rechtfertigte die getroffenen Maßnahmen und erklärte, wenn der Friede und die Eintracht unter den Raeen und Konfessionen durch Auswüchse der Preßfreiheit ernstlich gefährdet sein sollten, werde er den Muth haben, durch gesetzliche Vorkehrungen solche Hindernisse der Ruhe und des Friedens im Innern wegzuräumen. Abg. Jstoczy brachte unter Ausfällen gegen die Juden und die jüdische Presse einen Antrag auf gesetzliche Lösung der Judenfrage ein. Die Debatte wurde abgebrochen und nach stürmischen und lärmenden Szenen für morgen eine Sitzung anberaumt, in welcher zunächst über deren Tagesordnung durch Namensabstimmung enschieden werden wird. (Näheres in nächster Nummer.) Bon der Donau, 17. November. (Privatmitth.) Es ist gerade nicht überraschend, aber immerhin ein betrübendes Zeichen der Zeit, daß auch unter der studirenden Jugend der österreichisch-ungarischen Hochschulen der Antisemitismus so stark grassirt. So kam es vor einigen Tagen in der deutschen Lesehalle an der Wiener technischen Hochschule durch die Antisemiten zu stürmischen Scenen. Eine. Partei, welche die Tendenzen Schönerer's verfolgt, gefiel sich in den Ruf „Juden hinaus!" Der Wortführer dieser Helden hielt eine Rede, welche von heftigen antisemitischen Ausfällen strotzte. Der Tumult wurde so arg, daß der Regierungskommissär sich genöthigt sah, die Versammlung aufzulösen. Die Wiener Burschenschaft Silesia wollte hinter den Technikern nicht zurückstehen; sie faßte den Beschluß, Niemanden in ihre Mitte aufzunehmen, welcher nicht den Nachweis liefern kann, daß er nicht im dritten Gliede von Juden abstammt. Auch in Prag wollte die deutsche Lesehalle zu ihrem ersten diesjährigen Kommers Herrn Schönerer feierlich einladen. Es wäre gewiß auch geschehen, wenn der Rektor Prof. Hering nicht entschieden erklärt hätte, daß er in diesem Falle vom Kommers fern bleiben würde. In Graz wurde vorgestern der Kommers der deutschen Studenten polizeilich aufgelöst, weil antisemitische Stimmensich vernehmen ließen. Und die Juristen an der Pesther Universität, welche schon im vorigen Jahre ihre Sympathien sür Jstoczy kund gaben, beschlossen, in das Arrangirungskomits ihres diesjährigen Balles keinen Juden zu wählen. In der Konferenz, in welcher diese Angelegenheit verhandelt wurde, fügte ein jüdischer Rechtshörer dem antisemitischen Rädels- ' führer eine thätliche Insulte zu. Nyireghhaza, 23. November. Die Frau des verhafteten Bettlers wurde heute Nachmittag enthaftet, da gegen dieselbe absolut nichts vorgebracht werden konnte. Der. Gerichtshof beschloß, sich dem Anträge der Staatsanwaltschaft anzuschließen und ordnete die Exhumirung der Tißa-Dadaer Leiche an. Als Untersuchungsrichter wurde M'egyeri, als Schriftführer Vary exmittirt, als Sachverständige wurden die Universitäts-Professoren Scheuthauer, Mihalkovich und Belki berufen. Der Zeitpunkt der Exhumirung wurde für Ende der nächsten Woche anberaumt. Oedenburg, 22. November. (Privatmitth.) In dem. nächst Kapuvar gelegenen Dorfe Himod sind arge Ausschreitungen vorgekommen. Drei dort ansässige Judenfamilien jagte man aus dem Orte mit Kind un Kegel unter Flüchen und Püffen hinaus, sodann zertrümmerten die Bauern Alles, was nicht niet- und nagelfest war. Panduren wurden eiligst hingesendet. In der Gegend von Csorna hat, , wie „Egy."