Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1882)
- Date
- 1882-12-05
- Page
- Seite 806 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Partei jüdischer Religion. Er erklärt im Namen der Parteimitglieder in Arad, „daß die Unabhängigkeits-Partei eine Antisemitenpartei geworden" und die Erklärung des Präsidenten Mocsäry hieran nichts ändere, so lange sie einen Menschen wie den Avg. Julius Verhovay und Genossen in ihrem Schooße dulde, die „unter der Firma den Unabhängigkeits- Partei ungestört den Antisemitismus betreiben, den, wie es scheint, lukrativen Verschleiß dieses privilegirten deutschrussischen Import-Artikels." Er sordert im Namen der jüdischen Parteigenossen Genugthuung. Das Schreiben schließt: „Ich rede aufrichtig und nicht mißzuverstehen. Ich erhebe ein Recht daraus, weil ich ein treues und selbstloses Mitglied der Unabhängigkeitspartei auch schon damals war, da Herr Verhovay in einem andern Lager, gegen geringe Gratifikation, in eben derselben unqualifizirbaren Manier die Unabhängigkeitspartei mit Schmutz bewarf, gleichwie er jetzt, unter einträglicheren Auspizien, die ungarischen Juden beschmutzt und beschimpft. In Niemandes Auftrag, blos in eigenem Namen, äußere ich mich; aber ich bin überzeugt, treu zu verdolmetschen die Gefühle meiner Glaubensgenossen; ich Lin überzeugt, daß es von der Entschließung der geehrten Partei abhängt, ob die Bürger jüdischer Religion auch fernerhin als Anhänger dieser Partei sich betrachten dürfen oder nicht? Wir hoffen und erwarten eine Genugthuung, . da wir, im Falle sie verweigert würde, wahrlich nicht das geringste Maß von Selbstgefühl besäßen, wollten wir uns auch dann noch jener Partei aufdrängen, deren Mitglieder nicht nur die Bürger, sondern auch die Menschenrechte uns verweigern wollen. Auf die Verlesung dieses Briefes folgte eine lange, lebhafte Debatte über die Judensrage. Ein Beschluß indessen wurde nach keiner Richtung hin gefaßt. Zu diesem Behufe findet in den nächsten Tagen eine Conferenz statt. Daß auf diese beiden Schreiben noch eine lange Debatte und noch dazu ohne Beschlußfassung stattfinden konnte, ist charakteristisch genug. — Der „Pester Lloyd" enthält, datirt vom 18. November, eine Zuschrift des vr. Rudolf Dell' Adami (Christ), eines der geachtetsten Advokaten von Pest, in welcher dieser sich über den Antisemitismus äußert. Das Schreiben macht allgemeines Aufsehen, und wollen wir deshalb etwas näher darauf eingehen. Es knüpft an die jüngste Denkschrift der Vertheidiger an, und sagt: „In allen Juristenkreisen, welche der Gegenstand lebhaft beschäftigt, harrt man gespannt darauf, zu welcher That sich der Minister des Königs für Justiz nun endlich aufraffen werde, um das erschütterte Vertrauen in die Rechtspflege des königlichen Gerichtes wieder herzüstellen. Es handelt sich aber um weit mehr und Anderes, als was eine Gerichts-Delegation oder Disziplinar-Untersuchung zurechtmachen könntet In jedem Lande, wo' warmer Sin'n für den höchsten Maßstab des Werthes oder Unwerthes eines staatlichen Organismus, für die Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit seiner Justiz vorhanden ist, wäre längst der allgemeine Unwille darüber zum Ausbruche gekommen, daß solche Anklagen, solche Verfolgungen möglich , gemacht wurden, daß man es wagt, mit dieser Hexengeschichte den Wunderglauben aller Einfältigen nun schon so lange zu narren." Herr Adami macht es den Juden und den Christen zum herben Vorwurf, nicht von vornherein und ällesammt gegen die ganze Affaire protestirt zu haben, und fährt fort: >,Nun, wir wiederholen es, wir billigen den Rückhalt in dieser Sache, die das Akutwerden einer nationalen und sozialen Frage bedeutet, keinerseits. Die Juden hätten sollen und sollten offen und einmüthig Partei ergreifen, nicht nur in ihrem eigenen Gesammtinteresse, nicht nur im Namen ihres guten gesetzlichen Rechtes, sondern auch im Namen der Menschlichkeit und gesunden Vernunft, als man eine Anklage, eine Beschuldigung nicht gegen die Tißa-Eßlärer Schächter, die nur passive Statisten bilden, sondern gegen die jüdische Religion erhob und Menschen auf Grund eines Verbrechens einkerkerte, das nicht existirt. Und Nichtjuden, welche nicht das schmutzige Geschäft von Professions-Agitatoren fördern und unwillkürlich der „sozial-konservativ" benamsten politischen und wirtschaftlichen Reaktion Vorschub leisten wollen, sie hatten und haben alle Ursache, diese Sache' der Juden, als Sache der Rechtsgleichheit, der Freiheit des Eigenthums und Verkehrs, des ökonomischen und kulturellen Fortschritts, zu ihrer eigenen zu machen." „Denn man täusche sich nicht über die historischen Ursachen, Ziele und. Folgen, die hier eigentlich in Frage kommen. Der engherzige Druck, den man jetzt auf eine erwerbende, prosperirende Volksklasse als wie auf einen feindlichen Eindringling ausübt, er kann nicht dem magyarisch-nationalen Wohlstände, sondern nur Jenen zu gute kommen, denen das an Vermögen, Bildung und Macht erstarkende moderne Bürger-Element, welches durch das industrielle und kommerzielle Judenthum in Ungarn in erster. Reihe repräsentirt wird, ein Dorn im Auge ist und die am liebsten alles Volk wieder als hörige Bauern unter väterlicher Patrimönialjustiz „beschützen" möchten. Die blinde Leidenschaft, welche jetzt diese eine Errungenschaft der Aufklärung, das Recht des Menschen antastet und wieder Privilegien der Bürger fordert, sie führt zur feudalen Kastenherrschaft, mit ihr zum zelotischen Sturme gegen die staatliche Volkserziehung und zu alledem zurück, was die Revolution über den Haufen geworfen hat. / Die Solidarität der Sache der Juden mit allen Errungenschaften unserer Revolution, die mögen sich alle guten Patrioten und Achtundvierziger vor Augen halten."