Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1882)
- Date
- 1882-12-05
- Page
- Seite 805 (sequence 9)
- Language
- German
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die „ äußerste Linke," die sich hier „die reichstägige Unab-I Hängigkeits-Partei" nennt, ist, welche die antisemitische Hetzerei J befördert» natürlich aus Oppositionsmotiven gegen die Regie-. rung. Jndeß ist es doch nur ein Th eil dieser Fraktion, der sich dieses Vergehens gegen die eigenen Prinzipien der Partei schuldig macht. Es besteht deshalb ein Bruch in derselben, den sie vergebens zu verkleistern sucht. In der vorgestrigen Abendsitzung wurde nun ein Schreiben Ludwig Kossüth's verlesendas auf eine Entschließung der Partei dringt und aus welchem wir folgende Stellen herausnehmen: „In Sachen der „Judenfrage" (es ist eine Schmach und Schande, daß in Ungarn selbst eine solche möglich ist) bekomme ich Briefe zu Hunderten. Es giebt darunter auch ein Schreiben, in welchem „eine Gesellschaft" der paar Worte wegen, welche Csernatony über mich geschrieben hat, mir ihre Entrüstung darüber ausspricht, daß ich auf meine alten Tage „auch ein Jude geworden sei", und dekretirt, „nun sei es vorbei mit meiner Ehre". Es giebt ferner welche, die mir, und zwar mit Namensunterschrift bekannt geben, ich habe den Verdacht auf mich gezogen, daß ich bestochen. worden sei. Wieder andere verkündigen mir, ich habe die Achtung der Juden verscherzt, weil ich nicht zu ihrer Bertheidigung. das Wort nehme. Ihrer Hunderte liegen mir an, weshalb ich mich denn nichtendlich einmal ausspreche; und schließlich wieder andere gehen nicht einmal mich, sondern Ihre Partei an; ich schließe einen derselben zur Probe bei und bitte ihn mit meinem herzlichen Gruße Mocsäry als Ihrem Partei-Präsidenten mitzutheilen. Diese Korrespondenzen zeigen, daß die Wogen der aufgepeitschten Leidenschaften ungezügelt tosen in dem armen Lande. Es wird allem Anscheine nach so kommen, daß schließlich Ihre Partei diese Hetzen zu beklagen haben wird; denn Alles umsonst: Es ist eine unabweisliche Notwendigkeit, daß die Partei, als eine reichstäglich konstituirte Partei, in dieser Frage Stellung nehme; ich denke, sie hat damit schon allzu lange gesäumt, denn ich glaube nicht, daß das eine Sache sei , in welcher ihre Partei ihre Stellungnahme davon abhängig machen könnte, daß ihr konkrete Propositionen vorliegen. Eine solche Partei, wenn sie als ein aktiver Faktor angesehen werden will, darf nicht den Indifferenten spielen einer Bewegung von solcher Tragweite gegenüber, welche nicht mehr die Narrheit, die Divergation oder das Programm, nennen Sie es, wie Sie wollen, einzelner Menschen, sondern eine tief in das Leben der Nation eingreifende öffentliche Angelegenheit ist; in solcher Sache muß die Partei Stellung nehmen. Nun erachte ich es aber einerseits für eine politische und moralische Unmöglichkeit, daß Ihre Partei das Prinzip der Rechtsgleichheit ohne Unterschied des Stammes, der Sprache und der. Religion unterden Staatsbürgern verleugnen sollte; andererseits halte ich aber auch das für unzweifelhaft, daß dieses große Prinzip keine Sache sei, welche man für die Mitglieder der Partei als offene Frage erklären könnte, und wenn sich welche finden sollten, welche dieses Prinzip verleugnen würden, so glaube ich nicht, daß sie als Mitglieder der Partei betrachtet werden könnten. Die Sache hat zwei Seiten: Die eine ist die Überlieferung der Finsterniß des Mittelalters, der Judenhaß; die andere besteht in gewissen Wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Nebeln, welche jenem Haffe Nahrung bieten und zur Verschärfung desselben ausgenützt worden sind. Es ist nicht rathsam zu ignoriren, daß es den Herren Jstöczy und Comp, niemals gelungen wäre, durch ihre von den Deutschen importirten Agitationen solche Erregung zu schaffen, wenn jene wirthschaftlichen und sozialen Uebelstände die große Masse für die Hetzereien nicht empfänglich gemacht hätten. Das Volk empfindet das Elend, weiß sich aber von den Ursachen desselben keine Rechenschaft zu geben; da stellt sich denn, ä malaise spekulirend, der mittelalterliche Judenhaß ein und sagt: D.^<.rmes, elendes Volk, ich will es dir sagen, was die Ursache deines Elendes ist: der Jude ist's. Und nun erhebt sich natürlich das Echo: Haut den Juden! So steht die Sache. Die Praktische Politik darf das nicht ignoriren. ,. Was ist also der Beruf Ihrer Partei? Sie hat mit Bestimmtheit Stellung zu nehmen für die RechtsgleichK'st unter den Bürgern des Landes ohne Unterschied des Smmmes, der Sprache und der Religion. Rationalitäts- und wirthschaftliche Rücksichten können es und lassen es . auch rathsam erscheinen, daß Ungarn nicht allem hergelaufenen Abhub seine Thore offen halte. Die Pflicht der Selbsterhaltung erheischt, daß ein Zuströmen fremder Juden, gerade so wie fremder panslavistischer oder panromanischer Elemente nach Ungarn nicht gestattet werde; allein, daß von Denen, welche die der demokratischen Richtung huldigende Gerechtigkeit unter die Bürger des Landes ausgenommen hat, auch nur einer Seele die Rechtsgleichheit verkümmert werde, das kann die Unabhängigkeits-Partei nicht gestatten. Das Schreiben schließt: „Lenken Sie die Aufmerksamkeit der Nation auf praktisches Terrain und sehen Sie nicht mit verschränkten Händen thatlos zu, wie man das allgemeine Gefühl in die „Judenfrage" hineinhetzt, welcher außerdem, daß sie den Ungar des XIX. Jahrhunderts ins Mittelalter zurückstoßen möchte, auch noch der lächerliche Fehler anhaftet, daß sie absolut keinerlei mögliches Ziel hat, außer dem Schwelgen in Gehässigkeit und selbst dieses nach deutschem Muster; Wohl aber birgt sie andererseits die große Gefahr in sich, daß die fünf- oder sechshunderttausend Juden bis auf den letzten Mann unter die Fittige der Gewalt getrieben werden. Kossuth." .In derselben Sitzung wurde auch ein Schreiben von Adolf Groß in Arad verlesen, einem eifrigen Anhänger der