Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1882)
- Date
- 1882-12-05
- Page
- Seite 800 (sequence 4)
- Language
- German
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u. dgl., ohne jedoch die gegebene Lehre anzutasten. Dies war so sehr der Natur und dem Bedürfniß dieses Volkes entsprechend, daß man, nachdem die Institution der Prophetie anfgehört hatte, seine Zuflucht zur Bath Kol, d. h. zu einer himmlischen Stimme nahm (Jom. 9, 2.), welcher z. B. die Entscheidung zwischen der Schule Hillel's und Schamai's zugeschrieben wurde, nach welcher die Halacha nach den Bestimmungen der ersteren gelten sollte. Selbstverständlich brachten dennoch die großen Probleme des menschlichen Lebens den Zweifel hervor. Aber in den Büchern der h. Schrift, in welchen diese Probleme behandelt werden, wie in Koheleth, Hiob und einigen Psalmen, tritt dieser Zweifel niemals über beit Gottglauben hinaus und wird nur durch eine Ausgleichung mit diesem gelöst. Deshalb war auch, wie der Verf. richtig auseinandersetzt, die Alexandrinisch-jüdische Philosophie weder ein Sproß des echten Judenthums, noch übte sie irgend welchen Einfluß auf dasselbe. Ihre Methode, den Inhalt der Schrift durch Allegorisirung jeder thatsächlichen Bedeutung zu berauben, und daraus ein mystisch-ethisches Bild in den schwankendsten Umrissen und Zügen zu machen, mußte schließlich zu einer Auseinanderfasernng und Zersetzung führen,, die dein Original allen festen Gehalt und jede sichere Verwerthung entzog. Erst ein Jahrtausend später erstand die jüdische ReligionIphilosophie, als deren Schöpfer Saadia anerkannt werden muß und die sich durch die großen jüdischen Denker des Mittelalters zu einer reichen Blüthe entfaltete; Dies macht denn auch den besonderen Werth des geistvollen Gaon aus und begründet die Berechtigung, seine Ansichten in so ausführlicher und erschöpfender Weise darzustellen, wie es in dem vorliegenden Werke geschieht. Saadia war 892 der gew. Zeitr. geboren und starb im Jahre 942. Es lag daher unsrem Verf. die Frage nahe, wodurch Saadia, nach der langen geistigen Erschlaffung, welche nach dem Abschluß des Talmuds eingetreten war, zur Schöpfung dieses inner-! halb des Judenthums neuen Zweiges der Denkthäigkeit bewogen wurde? Zur Beantwortung weist der Verf. auf den heftigen Kampf hin, der durch das Erstehen des Karäismus eutbrannt war, durch den das Geistesleben des Judenthuins kräftig aufgerüttelt wurde, wenn es sich auch in ihm nicht um die eigentlichen Glaubenslehren handelte, in denen-Rabbinismus und Karäismus übereinstimmten. Hierzu kam der Einfluß der unter den arabischen Theologen wA verbreiteten Philosophie der Mutazila, und endlich, daß damals durch die Uebesetzungen ins Arabische die griechische Philosophie wieder erwacht und zu allgemeiner Kenntniß gekommeu war. Diesen drei Faktoren gegenüber mußte sich auch das Judenthum aufgefordert und genöthigt sehen, den Standpunkt des talmudischen Judenthums in rationeller Weise zu begründen und durch eine zusammenhängende Darstellung der jüdischen Religionslehren über den eigenen Glaubensbestand zur Klarheit zu gelangen. Dies ist es, was Saadia unternahm und vollbrachte. Es versieht sich, daß er hierbei dem Einflüsse jener, drei Faktoren, denn auch von den griechischen Philosophen hatte er sich eine tüchtige Kenntniß erworben, ausgesetzt und überhaupt von den Ansichten und dem Wissen seiner Zeit, namentlich auf naturhistorischem Boden geleitet war. Aber wir haben, abgesehen von seinen mehr individuellen Meinungen und den Jrrthümern des damaligen Wissens und Meinens, bei ihm den Grundstock einer systematischen und rationellen Bearbeitung des jüdischen Glaubensschatzes zu finden, wenn dieser auch in der Folgezeit sich vielfach vertiefte und erweiterte und von der Beschränkung loslöste, in welcher er noch bei Saadia erscheint. Um diesen einfach zu charakterisiren, können wir sagen, daß er, streng auf dem Boden des biblischen und talmudischen Denkkreises stehend und in der Auslegung der Schrift selbst die traditionellen Grenzen nicht überschreitend, die Lehren rationalistisch zu begründen, die entstandenen Fragen rationalistisch zu lösen sich bemühte. Wer dies nun genauer kennen zu lernen wünscht, findet in der Darstellung des Verfassers die vollständigste und sorgfältig bereitete Befriedigung. Denn derselbe hat die richtige Methode befolgt, die Meinungsäußerungen Saadia s nicht etwain allgemeiner Weise, sondern vielmehr möglichst in den Ausdrücken Saadia's selbst dem Leser vorzuführen, so daß er uns die Ansichten dieses ersten jüdischen Religionsphilosophen in dessen eigenster Weise darlegt. Hierzu bediente er sich zwar der trefflichen Jbn-Tibbon'schen Uebersetzung, verglich diese aber durchgehends mit der arabischen Originalausgabe von Landauer, wozu ihm Rabb. vr. Simonsen in Kopenhagen die bereitwilligste Hilfe leistete. Wir sagen ihm daher - für diese werthvolle-Arbeit den nachdrücklichsten Dank. Wir betrachten sie als die Einleitung und Grundlage zu einer umfassenden Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, die gerade für unsre Gegenwart einen so hohen Werth besitzt, weil diese den seit Jahrhunderten verlassenen Weg unsrer großen Borvordern wieder beschritten hat. — Das rituelle Schächtender Israeliten im Lichte der Wahrheit von Dr. Wilh Landsberg, Bezirksrabbiner. (Kaiserslautern, Crusius, 1882.) Auch in der Pfalz hatten sich Stimmen im Thierschutzverein gegen das Schächten erhoben und ein gewisser - Bauwerker hatte einen Vortrag darüber erscheinen lassen. Eine Kritik und Widerlegung desselben giebt die vorliegende Broschüre. In Wirklichkeit haben sich an manchen Orten Mißbräuche hinsichtlich der Vorbereitungen zum Schächten des Thieres eingeschlichen, Mißbräuche, welche bereits durch/ rituelle Vorschriften vermieden wurden, welche letztere aber als weniger das eigentliche Schächten betreffend, nicht genug beachtet werden. Es ist daher Sache der Aufsichtsbehörden, z. B. des Bezirksrabbiners, die Schächter darüber zu bebelehren und zu warnen. Aehnliche Mißbräuche finden übri-