Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1882)
- Date
- 1882-11-28
- Page
- Seite 793 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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, ' 793 digen das Letzte, was sie besitzen, genommen werden soll.— Die Beschränkung der jüdischen Stadträthe auf ein Drittel des Städtraths überhaupt auch in den Städten, wo die jüdische Bevölkerung die Mehrheit, bisweilen überwiegend, bildet, bringt für die Juden dieser Städte viele Mißstände mit sich, da sie der Willkür der christlichen Zweidrittelmajorität, namentlich was die städtischen Ausgaben betrifft, ausgesetzt sind. In Kischinew, wo ca. 30,000 Juden wohnen, ist ein vieljähriger Betrug in der Verwaltung aufgedeckt und untersucht worden, der darin bestand, daß die Beamten bei der Rekrutirung gegen gute Belohnung junge Leute statt zur Armee, zur Miliz stellten. Bei der Untersuchung fand es sich, daß zu diesen jungen Leute kein einziger Jude gehörte. Die Antisemiten gaben sich viele Mühe, diese ihnen so herbe Wahrheit zu verdunkeln, was ihnen jedoch nicht gelang. Odefta, im Oktober. Man schreibt aus Ananiew: Am 24. September um 6 Uhr Abends kam S. E. der Generalgouverneur von Odessa I. W. Gourkp in unserer Stadt an und besuchte den neuen Klub, wo ein splendides Souper, das bis 2 Uhr Morgens dauerte, für ihn und sein Gefolge hergerichtet war. Eine Deputation der Christen der Stadt erschien vor dem Generalgouverneur, der an die Deputirten eine Ansprache hielt, in der er ihnen anrieth, in Frieden zu leben und ihnen ihr schlechtes Betragen gegen die Juden der Stadt vorwarf. Auch eine israelitische Deputation erschien vor Seiner Excellenz und erhielt ebenfalls den Rath, mit der christlichen Bevölkerung in'Frieden und guten Beziehungen zu leben. Unter anderen Fragen richtete Seine Excellenz auch folgende an die Juden: „Wie viele seid Ihr in Ananiew?" Diese erwiderten, daß 300 jüdische Familien in der Stadt wohnten. „Und was treibt Ihr?" — Getreidehandel, Manufaktur u. s. w. — Gott gebe Euch Erfolg, sagte zuletzt der Generalgouverneur. Lebt friedlich und ohne Lärm: früher sagte man, daß die Russen die Juden mit Faustschlägen hauen, und die Juden treffen die Russen mit Rubelschlägen. Unsre Stadt hat auf den Generalgouverneur einen guten Eindruck hervorgebracht. Alle Etablissements, die er besuchte, waren in gutem Zustande und gefielen ihm, besonders beide Gymnasien und das Bezirkshospiz. Die Juden waren viel befriedigter von seiner Anwesenheit als die Juden von Balta. Bonn, 19. November. (Notizen.) Man schreibt aus Breslau: Frau Rosalie Reiter aus Breslau, erste Lehrerin der jüd. Industrieschule für arme Mädchen, hat mit ihrem Manne eine Anstalt für Kunststickerei angelegt, in welcher das seltene Ereigniß vorgekommen, daß der Mann, der früher Kaufmann war, von seiner Frau die Kunststickerei erlernte und ebenso wie sie wahre Meisterwerke vollbringt. Der österreichische Hof hat schon mehrfache Bestellungen in dieser Anstalt für Kunststickerei gemacht und die Firma zum Hoflieferanten des Kronprinzen Rudolf und seiner hohen Gemahlin ernannt. Bei Anwesenheit des östr. Kronprinzenpaares in Breslau sind demselben von dem Reiter'schen Ehepaare mehrere kunst- und sinnvolle Gegenstände in Gold-, Silber¬ und Seidenstücken überreicht worden, wofür ihnen ein Schreiben allerhöchster Anerkennung für vorzügliche Leistungen auf dem Gebiete der Kunststickerei wurde. Frau Reiter ist Schülerin der Industrieschule gewesen, der sie ihre ganze Ausbildung verdankt. Diese Schule ist schon im Jahre 1801 von Wöhlthätern ganz im Prinzip unsrer jetzigen Arbeitsschulen begründet worden.— Aus Paris schreibt man: Cohn (Sohn des sel. Albert Cohn), Präfekt des Departements Loir et Cher ist zum Präfekten des Departements der Somme ernannt worden. — Der Oberstlieutenant Nathrniel Fix, Professor an der höheren Kriegsschule, ist zum Obersten, der Bataillonschef Herz zum Oberstlieutenannt ernannt worden. I e u i i 1 e to n. Franz Liszt und die Juden. Das „Deutsche Familienblatt" Nr. 43 berichtet aus zuverlässiger Quelle Folgendes aus der Knabenzeit des Herrn Franz Liszt: Zu den vornehmsten und reichsten Mitgliedern der ungarischen Judengemeinde Lackenbach zählte einst Herr H., dessen Haus einen Mittelpunkt für die Intelligenz des Ortes und der Umgebung bildete. H. empfing die Beamten des Fürsten Esterhazy, dem das Dorf angehörte, häufig als Gäste.. Einer der häufigsten war Herr Liszt, fürstlicher Rentmeister in Raiding, einem nur eine Stunde von Lackenbach entfernten Dorfe. An einem Oktobertage des Jahres 1818 hielt eine Kutsche vor dem geöffneten Thore des H.'schen Hauses. Ein Diener eilte herbei und öffnete den Wagenschlag, und Herr Liszt mit einem schmächtigen Knaben von etwa sieben Jahren sprang heraus. Der muntere, fast kecke Knabe wurde von allen Seiten umringt und erhielt Glückwünsche zu seinem Geburtstage. „Ich werde nur Fräulein F. bitten", sprach Herr Liszt, „meinem Sohne Franz das Klavier zu zeigen, denn der Junge hat Neigung zur Musik, und eben darum erkenne ich wieder mein eigenes Blut.. Wenn Sie ihm, liebes Fräulein, den heutigen Tag unvergeßlich machen wollen, so spielen Sie ihm etwas vor." Fräulein F. ließ sich die Aufforderung nicht wiederholen. Sie nahm den Knaben an der Hand, führte ihn ins Zimmer und setzte sich an das Klavier. Fräulein S. war Meisterin des Instrumentes. „Wollen Sie mich hinüberbegleiten", sprach Herr Liszt zu den Hausleuten, „ich y