Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-28 · Heft 48 (28.11.1882) · p. Seite 792

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 48 (28.11.1882)
Date
1882-11-28
Page
Seite 792 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227442--40386-3258021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

7 , 792 Verantwortung für eine Verzögerung oder ein Bersäumniß in dieser Sache würde eventuell den k. Gerichtshof belasten, wenn jene Leiche in Ermanglung von Aufsicht durch verbrecherische Hände entfernt oder vernichtet werden solltet. Sicherlich wird über diesen ganzen Prozeß eine/ausführliche Schrift erscheinen, und diese wird die vorliegende umfängliche Beschwerdeschrift als eines der gewichtigsten Aktenstücke zu reproduziren haben. — Uebrigens bemerken wir schon hier, daß die Jntriguen den Prozeß zu verlängern und den Thatbestand zu verdunkeln noch lange nicht zu Ende sind. So wurde in diesen Tagen eine kopstose Leiche mit Kalkstücken bedeckt, durch die sie angeblich verbrannt werden sollte, aufgefunden und für die der Esther ausgegeben. Der genaue gerichtliche Befund erwies, daß es die Leiche einer älteren, im schwangeren Zustande befindlichen Frau war. Dann will man wieder den Bettler aufgefunden und inhaftirt haben, der nach der Aussage des wohlpräparirten Moritz Scharf die Leiche nach der Synagoge getragen haben soll. Jndeß sind doch alle diese Dinge durch den Eifer und die Entschiedenheit der Vertheidiger vor der öffentlichen Meinung in ein solches Licht gestellt worden, daß sie vor demselben Stand zu halten nicht vermögen. Italien. Ferrara, IQ. November. Aus der jüngsten Wahl zum Abgeordnetenhause gingen statt der früheren sechs Deputaten israelitischer Religion nur fünf hervor. Wiedergewählt wurden Luzzatti, Parenso, Romanin-Jacur, neugewählt Emil Morpurgo und Leopold Francheti. Morpurgo gehörte schon früher, einmal der Kammer an und war auch eine Zeitlang General- Sekretär des Ministeriums für Ackerbau und Handel. Er hatte sich vom politischen Leben zurückgezogen, um sich gänzlich seiner Lehrthätigkeit an der Universität Padua zu widmen, deren Rektor er seit mehreren Jahren ist. Francheti ist noch ein junger Mann, der ein großes Vermögen benutzt, um sich den öffentliche Angelegegenheiten zu widmen. Nicht wiedergewählt wurden Arbib zu Viterbo, Tano zu Mailand und Maurogonato in Venedig. Der letztere wird aber, da er eines außerordentlichen Rufes sich erfreut, wahrscheinlich bei einer Nachwahl durchkommen. Rußland. Köln, im November. In der hiesigen Buchhandlung M. du Mont-Schauberg ist so eben die Schrift eines Reisenden, des Herrn Wilhelm Joest von hier, erschienen: „Aus Japan nach Deutschland durch Sibirien." Derselbe, ein sehr gewissenhafter Schilderer, spricht sich über die Juden in Sibirien folgendermaßen aus: „Es ist im höchsten Grade auffallend, daß hier, im Herzen von Asien, russische undpoluische Juden die Vertreter des Deutschthums sind. Die russische Regierung protegirt die Juden einigermaßen in. Sibirien, so daß deren Zahl jährlich wächst. Es sind ehrliche, fleißige Menschen, Handwerker und Kaufleute, die durch ihre Intelligenz und Mäßigkeit selbst den Chinesen Konkurrenz machen und sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen." Man muß die Schilderungen des Verfassers von den Pagen, Offizieren und den Regierungskreisen lesen, um diese Aeußerungen über-die Juden zu würdigen. St. Petersburg,' 13. November. Der Kaiser empfing, wie der heutige „Regierungsanzeiger" meldet, vor einigen Tagen den Stifter des Kaiser-Alexander-Collegiums, Poljakoff, zu Galschina in längerer Audienz, ließ sich von demselben die Pläne für diese Stiftung zu Gunsten der Studirenden vorlegen, und sprach den Wunsch aus, daß auch in andern Städten solche Convicte für die studirende Jugend errichtet werden möchten. St. Petersburg, im November. (Privatmitth.) Haben auch die Verfolgungen und Mißhandlungen seitens des Volkes aufgehört, so ist doch darum die Lage der russischen Juhen eine sehr traurige, denn aus allen Ministerien fliegen die beschränkenden Reglements umher, welche die Fesseln noch fester anziehen, welche die Juden doch schon genugsam wund drücken. Sie haben bereits berichtet,, wie das Kriegs-Ministerium, das gegen die jüdischen Militärärzte so rücksichtslos. verfuhr, jetzt auch die jüdischen Rekruten von 1882 aus mehrfachen Corps ausgeschlossen hat. Es liegt darin offenkundig-das Mißtrauen ausgesprochendas es in die Redlichkeit der jüdischen Soldaten setzt. Nun ist bekanntlich die Bestechlichkeit eine Krankheit, die in Rußland so grassirt, daß es eine unsagbare Kunst wäre, wenn die jüdischen Soldaten sich darin besonders abzeichnen.sollten. Diese bis zum höchsten Grade gestiegene Corruption herrscht ganz besonders in allen den Kreisen, in welche der Jude niemals eindringt. Aber auch hier soll der Jude den Prügelknaben abgeben. Weil man sich vor dieser allgemeinen Verderbtheit nicht retten kann, will man doch etwas zu thun scheinen und schlägt auf die Juden los. Nicht minder werden vom Unterrichtsmini? sterium aus die jüdischen Studirenden in mannigfacher Art beschränkt, abgewiesen, ausgeschlossen,, so daß sie ihre Studien entweder gar nicht beginnen oder nicht zu Ende führen können. — Von den jüdischen Kolonisten aus der Provinz Ekatherinoslaw laufen sehr betrübende Nachrichten ein. Der Mißwachs dieses Jahres hat sie des Futters für ihr Vieh beraubt, daß noch dazu durch eine Epidemie sehr vermindert worden. Sie sind dadurch zum Theil außer Stande ihre Aecker zu bestellen. Dabei hat der Getreidehandel fast ganz aufgehört und das vorhandene Getreide hat keinen Werth. Hierzu kommt nun endlich noch, daß die Regierung die strengsten Maßregeln zur Einziehung der Steuern und Abgaben, die hoch genug, sind, gegeben hat, nach welchen den rückstän- —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.