Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1882)
- Date
- 1882-11-28
- Page
- Seite 789 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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im Munde führt, nicht immer als Richtschnur dient. So wurde durch die Verhandlung constatirt, daß es wahr sei, wie in der Brochüre behauptet, daß P. sich einen Büreaudiener Namens Adolf Schmidt hält, der eine Zeit lang als Verleger und verantwortlicher Redacteur der „Deutsche Reform" fungirte, während er auf dem Büreau den Namen Richter führte, welchem ferner Herr P. eine schriftliche Vollmacht ausgestellt hatte, worin Letzterer ermächtigt wurde, wenn er.in Geldverlegenheiten gerieth, den Namen „Adolf Schmidt" auf jede beliebige Anzahl von Wechseln als Acceptant zu setzen, obgleich Schmidt,, wie Herrn P. bekannt war, den Manifestationseid geleistet hatte. Uebrigens sind diese Wechsel von Herrn Pinkert prompt eingelöst worden, was jedoch den Gerichtshof nicht hinderte, in seinen Urtheilsgründen diese Manipulation als ein einigermaßen schwindelhaftes Gebah.ren zu bezeichnen. Herr P. beklagte sich ferner in seinen Auslassungen, daß ihn die Reformpartei nicht genug unterstütze, jeder Congreß ihm nur neue Arbeiten aufbürde, die Organisation der gesammten Deutschen Reform-Vereine ihm zur Last falle, er aus seinen Mitteln bereits über 20,000 Mk. geopfert und überdieß die Haftbarkeit für 15,000 Mk. Antheilsscheine übernommen habe, zur Herausgabe der deutschen. Reform gekommen sei, wie der. Hund zur Prügel u. s. w. u. s. w. P. behauptete ferner, daß er bereits als Handlungsreisender unter dem Namen „Walter Schmidt" für die Reformsache geschrieben habe. Rittner habe sich ihm gegenüber des größten Vertrauensbruches schuldig gemacht, weil derselbe sich der Titel „Kaiserlicher Strafanstalts-Direktor a. D. und Lieutenant v. d. Armee" bedient habe, P. beim Engagement geglaubt, einen Vertrauensmann vor sich zu haben, derselbe sei jedoch, wie er erst später erfahren, ohne Pension entlassen worden u. s. w. Ein großer Zeugenapparat war aufgeboten, um die Enthüllungen zu be- oder zu entlasten, der aber so gut wie nichts bekundete, so daß der Privatkläger Pinkert es vorzog, den Strafantrag gegen die drei Mitangeklagten Becher, Schacht und Spenner zurückzuziehen. Das Endresultat war, daß Herr Rittner zu 200 Mk. Geldstrafe resp. zu 20 Tagen Gefängniß und 8/io der Kosten, Herr Pinkert zu zQ Mk. Geldstrafe resp. zu 2 Tagen Gefängniß und zu 2/io ber Kosten verurtheilt wurde. Die hiesigen Reformer schließen ihre Berichte über ihre Versammlungen in der „Deutschen Reform" immer mit dem Passus: „Dieser Abend hat wiederum ein schönes Blatt in die Geschichte der Reform gewunden", wir aber meinen, daß der gestrige Tag dazu angethan gewesen ist, die vermeintlichen schönen Blätter allesammt zu verunzieren und die „Deutsche Reformbewegung" hierorts ihrem. Grabe um ein gut Stücknäher zu führen. . Aus Württemberg, 17. November. (Privatmitth.) Aus Anlaß einer Rechnungsabhör war Herr. Oberamtmann Schnitzler aus Rindlingen am Vorabend des letzten Versöhnungsfestes in Buchau und besuchte Abends, einer Einladung des Herrn Rabbiner Weimann folgend, den Gottesdienst zu Kol nidre. Die ganze Feier, besonders die weihevolle Predigt des Herrn Rabbiner und der Chorgesang mit! Orgelbegleitung, verfehlte nicht ihren Eindruck auf den Bezirksbeamten, und derselbe richtete nachstehendes, in unserer Zeit wohl der Veröffentlichung werthe Schreiben an Herrn Rabbiner Weimann: Ew. Ehrwürden habe ich für die freundliche Einladung und Einführung in die Synagoge am Vorabend des Versöhnungstages nachträglich herzlichst zu danken. Ihre Rede, der Gesang und die Andacht Ihrer Gemeinde haben mich nicht nur erbaut, sie haben mich gerührt. Mit Ihnen einverstanden, daß die wahre Humanität in dem friedlichen Zusammenleben aller Confessionen sich ausdrückt, verharre mit ausgezeichneter Hochachtung freundschaftlich ergebenster C. Schnitzler, Oberamtmann. Es ist kein rühmliches Zeichen für unsere Zeit, wenn man genöthigt ist, auf eine solche herzliche, aber an sich einfache Kundgebung Gewicht zu legen. Red. d. A. Z. d. I. Oesterreich-Ungarn. Wien, 13. November. Ueber den eigentlichen Charakter der^glücklicherweise verflossenen Straßenaufläufe sucht eine offiziöse Note einiges Licht zu verbreiten. Es heißt da: „Schon heute wird in den Bureaux der Polizei mit aller Kraft an dem Materiale gearbeitet, welches die Unruhen der letzten Tage geliefert haben. Sämmtliche Beamte wurden beauftragt, eingehende Referate über ihre Beobachtungen zu erstatten und auf Grund derselben werden Maßregeln für die Zukunft getroffen werden. Es ist bereits festgestellt, daß die Aufhetzung zu den Tumulten sowohl von socialistischen wie auch von antisemitischen Agitatoren ausgegangen ist. Die Polizei wird' nun ein genaues Verzeichniß solcher aufreizender Personen feststellen, und wenn dieselben nicht dem Gericht übergeben werden können und wenn sie nicht nach Wien zuständig sind, wird deren Ausweisung verfügt werden. Man hat nuch bereits einige von jenen Agitatoren, welche in den letzten Tagen antisemitische Vignetten und Zettel (an 25,000 Stück) zur Bertheilung brachten, eingezogen und befinden sich dieselben in Untersuchung. So hofft die Polizei durch die Ertödtung der Keime jede weitere Entwickelung und jede Wiederholung der tumultuösen Vorgänge zu verhüten. — Eine andere Corr., aber noch vom 11. d. lautet: „Den Tag, über durchschwirrten beunruhigende Gerüchte aller Art die Stadt. Es hieß, daß es Heute in den Bezirken 48*