Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1882)
- Date
- 1882-11-28
- Page
- Seite 788 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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anderer Forscher die subjektive Berechtigung nicht absprechen will. Das Wort „freventlich" kann also nur auf eine unzulässige friedensstörerische Ausbeutung dieser historischen Frage gerichtet sein. Wenn Jemand auf Grund fcer Acta Sanctorum und anderer Berichte zu der ernsten Ueberzeugung gelangt, daß doch im Laufe der Jahrhunderte irgendwo einmal Christenblut von abergläubischen Juden zu rituellen Zwecken benutzt worden sei, so wird der Herr Bischof diese mit seiner Meinung nicht harmonirende Ansicht gewiß nicht als „freventlich" bezeichnen wollen." Der Herr Bischof nimmt eben an, daß durch das Studium der Geschichte Niemand zu der „ernsten Ueberzeugung" gebracht werden kann, als ob die Juden Christenblut gebrauchten. Wir fügen hinzu: Man sieht an diesem Beispiele, wie die^ ultramontanen Journalisten, wenn es in ihren Kram nicht paßt, auch die Autorität der Bischöfe, selbst wenn sie sich, wie in diesem Falle, auch auf päpstliche Bullen und Erklärungen stützen, nicht unbedingt als maßgebend ansehen. . — Die öftere Erwähnung des Zerboni di Sposeti in Ihrem und in anderen Blättern als eines antisemitischen Agitators, der in Wien sein Wesen treibt und sich auch auf dem Dresdener Kongresse bemerklich machte, und welcher jüngst vor dem Wiener Schwurgerichte die Aufzählung seiner Vergehen und ^ihrer Bestrafungen anhören mußte, erinnerte mich daran, daß ein Zerboni di Sposeti auch schon in Preußen in einen Prozeß verwickelt war, allerdings 1797, '.da er der Theilnahme an einem Geheimbunde u. dgl. mehr angeklä'gt war. Derselbe war zu Breslau geboren und Kriegs- und Domänenrath daselbst. Allein dieser Vorfahr des jetzigen Ritters von der traurigen Gestalt war ein ehrlicher, für das Wohl des Staates eifriger Mann und wurde nur ein Opfer der Kabinetsjustiz durch einen vor den Enthüllungen des Angeklagten zitternden Ministers. Jndeß der Apfel fällt bisweilen recht weit vom Stamm. Wer die interessanten Thatsachen Nachlesen will, findet sie in Martin Philippson's „Geschichte des Preußischen Staatswesens u. s. w." Bd. II, S. 292 ff. Dresden, 16. November. Wir erhalten folgenden Bericht: Die deutsche Reform (bekanntlich nennen sich so die Antisemiten) im Kampfe mit sich selbst, dieses bemitleidenswerthe und doch sehr , interessante Drama spielte sich am gestrigen Tage in einer achtstündigen öffentlichen Sitzung vor dem hiesigen Schöffengericht ab, über deren Verlauf ich Ihnen einen leider freilich nur dürftigen Bericht sende, da dies mir innewohnende Anstandsgefühl verbietet, die ganzen zur Sprache gekommenen „faulen Sachen" niederzuschreiben; es wird ohnehin noch genug verbleiben, was den Beweis liefert, daß die Reformer ihre eigenen Kinder verspeisen. Der bekannte Herausgeber der Zeitung „Deutsche Reform", Herr Alexander Pinkert alias Egon Waldeg hatte gegen 4 seiner besten früheren Gesinnungsgenossen eine Verleumdungsklage angestrengt, die ganz interessante Momente zu Tage förderte darüber, welch' moralische Prinzipien so Manchem unter ihnen eigen sind. Der Thatbestand ist kurz folgender: Herr Pinkert hatte für sein Juden-Hetzblatt im Oktober v. Jahres den kaiserlichen Strafanstaltsdirektor a. D. und Lieutenant v. d. Armee Rittner aus Lübeck als Redakteur engagirt und. demselben kurz nach seinem Eintreffen auch die angenehme Pflicht für die Verantwortlichkeit des sich durch seine blumenreiche Sprache auszeichnenden Blattes übertragen. Der engagirte Mitarbeiter muß in Herrn Pinkert bald das demüthigende Gefühl erweckt haben, daß ihm der Novus geistig über sei und Geister wie Herr Pinkert können keine Rivalen neben sich, sondern nur unter sich vertragen, insbesondere wenn sie noch ohnehin, wie in der Verhandlung constatirt, und von Herrn Pinkert selbst zugestanden wurde, wenn man es nicht schon längst aus der „Deutschen Reform" herausgelesen hätte, so erregbare Charaktere sind, als dies bei Herrn Pinkert der Fall ist. Genug, die beiden Redacteure lagen einander schon Ende Dezember energisch in den Haaren und regnete es eines schönen Tages auf beiden Seiten Beleidigungen in Hülle und Fülle und. der Gesellschaftsvertrag zwischen ihnen wurde gewaltsam aufgelöst. Herr Rittner, der nebenbei auch Schriftführer des hiesigen deutschen Reform-Vereins war, wurde auf Antrag des Vorsitzenden, Herrn Pinkert, aus dem gedachten Vereine ausgeschlossen, und mit ihm ging auch der stellvertretende Vorsitzende,' Herr Baumeister Becher. Die deutsche Reform brachte über diese Vorgänge Anfang Januar d. I. mehrere Herrn Rittner angreifende Artikel und letzterer revanchirte sich nun, da ihm ein anderes Preßorgan nicht zur. unentgeltlichen Verfügung stand, indem er Ende Februar eine Brochüre „Zur Abwehr" gegen Herrn Pinkert vom Stapel ließ, die die seltsamsten Enthüllungen aus dem Redaetionsbureau der Reform und aus dem Privatleben Herrn Pinkerts und auch einiges aus den Vorgängen des Reformvereins selbst brachte. Herr P. glaubte solch' ein „rachsüchtiges Gebühren" nicht, ungerochen hingehen lassen zu können und ging nun.gegen Herrn Rittner wegen Verleumdung und Beleidigung, gegen die Herren Baumeister Becher, Baumeister Schacht, und Restaurateur Spenner wegen Verbreitung der Brochüre klagbar vor, während die Herren Rittner und Becher Gegenklage erhoben. Inwieweit nun der Inhalt der Brochüre wahr oder nicht wahr, beleidigend oder nicht beleidigend sei, inwieweit sich die gegenseitigen Beleidigungen compensirten, dies klar zu stellen, war nun im Wesentlichen heute Aufgabe der Verhandlungl Was hierbei zur Sprache kam, war ganz dazu angethan, zu constatiren, daß christliche Liebe und Brüderlichkeit den Führern der hiesigen Reformpartei, die doch stets das „Praktische Chrrstenthum" und „ehrlichen Geschäftsbetrieb"