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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-21 · Heft 47 (21.11.1882) · p. Seite 775

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 47 (21.11.1882)
Date
1882-11-21
Page
Seite 775 (sequence 13)
Language
German
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lassen und an die Rettung des eigenen Besitzes denken, das' thut kein russischer Jude; es würde auch nichts genützt haben. Das Feuer verbreitete sich mit solcher Schnelligkeit, daß im Verlaufe von l1/2 Stunden der Brand sein Zerstörungswerk, wenn auch nicht vollbracht, so doch schon alle die jetzt zerstörten Stätten ergriffen hatte. Die Häuser mit ihren Geräthen, Mobilien und Bor? räthen, die Läden mit ihren Maaren, die Läger mit ihren zum Export bestimmten Artikeln au Getreide, Leinsaat, Flachs re. waren verloren. Gerade der beste Theil der Stadt ist zerstört und viele ehemals nicht unvermögende Menschen sind jetzt bettelarm. Da in Dorbian außer den Abgebrannten noch etwa 200 Familien Israeliten wohnen, so suchte und fand jeder für den nächsten Augenblick ein Unterkommen bei seinen Glaubensgenossen, bis später das Comits, zu welchem auch die Behörden des Ortes und des Kreises gehören, die Verunglückten unter die Bewohner des Ortes wie etwa eine Einquartirung vertheilten, derart, daß mancher Besitzer eines großen Hauses bis vier Familien aufnehmen mußte. Verluste erleidet ein Jeder im ganzen Orte. Alle Erwerbsthätigkeit ist gestört und beim späteren Ausräumen und Retten der bedrohten Häuser ist sehr vieles verschleppt, zerstört und gestohlen worden. Die herzugeeilten Landbewohner haben sich angeeignet, was sie nur eben erlangen konnten. Der sehr humane Geistliche des Orts, der auch zum Comite gehörte, hat selbst von der Kanzel herab die Bauern zur Zurückgabe des unrechtmäßig sich angeeigneten "Gutes gemahnt; ob dir Ermahnung gewirkt hat, haben wir nicht erfahren können. Auf den Brandstätten der Bauern ist man schon in voller Bautätigkeit begriffen. Die Bauern sind nicht unvermögend, viel vermögender als die Juden, haben ihr Gefährt, ihre liegenden Gründe, haben teilweise eigne Wab düngen, haben Verwandte und Bekannte, die ihnen helfen und sie mit Bauholz unterstützen, auch Graf Tyszkiewicz hilft mit Bauholz aus seinen eignen Waldungen — schon in kurzer Zeit werden die Bauern wieder im Besitze ihrer Wohnungen sein. Mit den Juden steht es viel schlimmer, da dieselben zu einem Neubau auch noch nicht den leisesten Anfang haben. Es herrscht eine schwere Gedrücktheit und Mutlosigkeit unter den armen Menschen; Niemand weiß wo er und was er beginnen soll. Als wir uns nach Besichtigung der beiden Gotteshäuser nach unserem Absteigequartier begaben, kamen dahin mit dem gleichfalls verunglückten Rabbiner des Ortes ein großer Theil der brandbeschädigten Familienväter. Diese Menschen mit ihrer schlechten Bekleidung, mit ihren hohlwangigen Gesichtern, ihren Leidensmienen, ihrer schwerverhaltenen Ruhe, ihrer völligen Ergebenheit in das Gottesgeschick bot einen überaus traurigen Anblick, den man, einmal ausgenommen, nicht wieder los wird. Gegen zwei Uhr Nachmittags, nachdem wir noch dem Geistlichen einen Besuch gemacht, verließen wir'den Ott, der mit seinen ärmlichen Häusern, ungepflasterten, vor Schmutz fast unpassirbaren Straßen, unmöglich zu irgend einer Zeit einen freundlichen Anblick auch vpr dem Brandunglücke hat darbieten können. Gegen vier Uhr langten wir wieder in Crottingen und vor der Behausung des Grafen Tiszkiewicz an. Von zwei Bedienten wurden wir empfangen und zunächst in das Arbeitszimmer des Grafen gewiesen, woselbst uns dieser auf das Freundlichste empfing und in seinen Wintergarten geleitete. Begegnet man auch überall wohin man in diesem Palais gelangt einer vollendeten Pracht und Eleganz, so verschwindet doch alles Gesehene vor der Schönheit dieses herrlichen Aufenthaltes. Wir steigen von der ringsumlaufenden Gallerie hinab in den eigentlichen Garten, der sich in einem mächtigen, hochgekuppelten Glaspavillon befindet. Die Tropfsteinwände und Grotten mit Wasserfall, Bassin, Cascaden, Palmengewächsen aller Art bilden, obschon noch gar nicht einmal ganz vollendet, einen zauberhaften Anblick. Hier ließen wir uns nieder. Die Dienerschaft servirte einen vorzüglichen Thee mit Zubehör und in zweistündigen eifrigsten Unterhaltungen und Verhandlungen wurde die Angelegenheit-durchgesprochen, wie den Unglücklichen zu helfen, wie ihnen vorzugsweise mit Beihülfe des Grafen das Material zum Wiederaufbau ihrer Behausungen angeschafft werden könnte. Wir nahmen Abschied, hielten uns noch eine kurze Zeit in Crottingen auf und 'waren gegen sieben Uhr jenseits der Schlagbäüme wieder auf deutschem Grund und Boden. „Es freue sich wer athmet im rosigen Licht" der Frei-- heit und Civilisation. — Dort drüben im heiligen Rußland ist's fürchterlich. Wir waren zu vier zur Stelle gekommen,' Drei von uns waren aus. Rußland gebürtig, zwei Lewy (Mitvyrsteher der Synagogen-Gemeinde) und Wolfsohn, sind in der abgebrannten Stadt selbst geboren und haben bis zu ihrem Mannesalter daselbst gelebt; wir alle aber athmeten erleichtert auf, als wir die Schlagbäume hinter uns hatten und uns wieder auf dem freien und herrlichen Grund und Boden Deutschlands befanden. Das Elend dieser russisch-jüdischen Grenzbevölkerung, besonders aber in diesem - Gouvernement ist ein entsetzliches. Wann endlich, wird die Stunde der Befreiung und der Erlösung für diese Unglücklichen geschlagen haben? Vermischtes. Arabische Juden. Es sind letzthin in Jerusalem 26 Israeliten von Sanaa (Arabien) angekommen: sie haben eine kaffeebraune Farbe, sind wie arabische Bauern gekleidet und sprechen ein Hebräisch, das die europäischen Juden nur schwer verstehen. Nach ihren

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