Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-21 · Heft 47 (21.11.1882) · p. Seite 774

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 47 (21.11.1882)
Date
1882-11-21
Page
Seite 774 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227441--40367-3258001
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jeuilleton. Lorrespondrn;. Memel, 1. November. Brand in Dorbian. Brandunglücksfälle, bei welchen russische Städtchen ganz, zum großen öder größten Theile zu Grunde gehen, sind wohl tagiägliche Vorkommnisse, was bei der Bauart dieser Städtchen garnicht zu verwundern ist. Die nur aus Holz bestehenden, mit Stroh oder Schindeln gedeckten Häuser und Baracken, gegen welche die schlechtesten Häuser der süd- und mitteldeutschen Dörfer wahre Paläste sind, bedürfen zur Ent. zündüng nur eines Funkens und zur Verbreitung des Feuers eines mäßigen Windes und ganze Stadttheile gehen in Rauch auf. Dieser Ausdruck ist hier wörtlich zu nehmen; denn schließlich bleibt auch vom besten Hause nichts weiter übrig als eine kahle, tiefschwarze von niedern Umfangsmauern begrenzte Brandfläche, innerhalb welcher nur noch der große thönerne Ofen mit Kamin und Schornstein, arg zerstört und verstümmelt emporragt. . Bor wenigen Tagen, in der Nacht vom 20. zum 21. October, ist das Städtchen D orb ia n, fünf Meilen von unserm Orte entfernt, zu einem guten Drittel niedergebrannt. 36 Häuser von jüdischen Handwerkern und Geschäftsleuten, 13 Häuser von christlichen Bauern mit allen dazu gehörigen sonstigen Wirthschaftsräumen wurden zerstört. 75 -israelitische Familien sind dadurch obdach- und besitzlos geworden. Das „ ständige Hülfs-Comitö für die Nothstände russischer Israeliten in Memel", zu welchem auch Schreiber dieses gehört, und welches bereits einige Hundert Rubel zur Abhülfe der augenblicklichen Noth dorthin gesandt hatte, beschloß zu genauer Jyfoynatipn und ernster Anregung den Besuch der Brandstätte. Gvnntag, den 29., Morgens 8 Uhr, befand sich unser von einem Dreigespann gezogener, mit Geläute versehener Wagen bereits an der Grenze. In Russisch-Crottingen wurde Halt gemacht und der hier seßhafte Graf Tyszkiewicz, der Grundherr von Dorbian, benachrichtigt, daß wir bei der. Rückfahrt bei ihm vorzusprechen gedächten. Es soll hier gleich erwähnt werden, daß der genannte Graf in hochanerkennenswerther Weise der Unglücklichen sich angenommen hat. Er kam nach Ausbruch des Feuers sofort zur Brandstätte, leitete mit fünfzig zur Stelle commandirten Kosacken, Graf Tyszkiewicz ist deren Chef, die Löschveranstaltungen, damit das Feuer nicht noch weiter um sich griffe, schenkte sofort 200 Rubel zur Abhülfe augenblicklicher Noth, berief auch ein Unterstützungs-Comits, welches Lebensmittel, Geld und Holz zum Wiederaufbau herbeizuschaffen gedenkt. Gegen 11. Uhr langten wir in Dorbian an.und waren bald von Hunderten von Menschen, Juden und Christen, letztere waren zumeist die ■ aus der ganzen Umgegend' zusammengeströmten Kirchengänger, umringt. Die Hauptstraße, von Südwest nach Nordost laufend, schließt in gerader Linie an den Weg an, welcher von Crottingen kommend dort einmündet. Auf einem freien, hübsch eingezäunten Platze links von der Hauptstraße, etwa in der Mitte der Stadt, liegt die große und schöne Kirche. Gar nicht weit' entfernt davon, rechts von der Straße, aber nicht unmittelbar an dieselbe anstoßend, liegt die Synagoge, sowie das neuerbaute noch garnicht fertiggestellte Bet- und Lehrhaus der israelitischen Gemeinde. Hier in der Nähe der Gotteshäuser hatte der Brand Halt gemacht. Der Kirche schräg gegenüber von Nordwest nach Südost laufend zweigt sich eine andere Straße ab, welche zumeist nur von einer, der rechten Seite bebaut ist. Hier wohnen oder wohnten die Bauern und hier war der Brand, man sagt durch das Umfallen einer Petroleumlampe beim Futterholen zum Ausbruch gekommen. Jedes dieser kleinen Gehöfte steht mit seinen schlechten Holzgebäuden mitten unter walddichten Bäumen und Sträuchern. Das Alles hat nicht verhindern können, daß das Feuer mit dem Windeszuge, der, gerade die Richtung dieser Straße genommen hatte, sich verbreite, zunächst die in dieser Richtung liegenden' Bauerhäuser verzehrte, dann hinwegspringend über eine Rasenfläche von über 100 Schritt die Häuser der Hauptstraße zu beiden Seiten ergriff, links bis fast zu den Synä-X zogen und der Kirche alle Gebäude in Asche legte und dann. rechts nach Nordosten, die beiden Häuserreihen immer weiter vernichtend, bis dem Brande Einhalt gethan. war. Wir schritten die Brandstätten^ nach allen Richtungen hin ab. Es sah so ziemlich eine aus wie die andere. Im Ganzen ein Bild grauenhafter, elementarer Zerstörung und dazwischen herumwandelnde zerlumpte, hohläugige, von Gram und Elend' verzehrte Männer- und Frauengestalten, welche, im Schutt wühlten, theilweise um aufzuräumen, oder aber hie und da einen Scherben oder Lumpen, der noch irgendwie verwendbar, aufzuspüren. Gerettet wurde so gut wie garnichts. Es war am Freitag Abend sieben Uhr, eben hatte die von den russischen Juden so unverbrüchlich streng gefeierte. Sabbathruhe begonnen, die erste und Hauptsabbathmahlzeit war beendet und die für die Winterabende des Sabbathbeginnes bestimmten Lieder (Semiros) wurden von der ganzen" Familie gesungen, da erscholl plötzlich der Feuerruf. Die Juden sahen die den Bauerhäusernzunächst liegenden Synagogen, welche sie eben erst besucht hatten,, um dort „den Sabbath zu empfangen", in größter Gefahr. Alles eilte dorthin um zu schützen und zu retten. Mandurfte doch das Gotteshaus und seine.heiligen Schätze nicht im Stiche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.