Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1882)
- Date
- 1882-11-21
- Page
- Seite 766 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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766 jüdischen Aerzte schon der Solidarität wegen von dieser unverständlichen Großmuth keinen Gebrauch machen. Diese Großmuth ist für die Aerzte mosaischer Konfession viel beleidigender als das absolute Verbot ihres Eintrittes in den Militärdienst. '4) Wenn das Gefühl bürgerlicher Pflicht oder gewisse Umstände und Motive bisher die jungen Aerzte mosaischer Konfession bewogen, in den Militärdienst zu treten, so befreit sie doch jedenfalls das genannte Eirculär, so lange wie seine gegenwärtige Gestalt bestehen bleibt, von der Verantwortlichkeit für jede Pflichtverletzung, denn es existirt kein Gesetz, welches einem Beleidigten gebietet, noch länger da zu verbleiben, wo man ihm Beleidigungen znfügt. Mit Rücksicht hierauf, bin ich, nicht in Folge vorübergehenden verletzten Ehrgefühls, sondern nach' längerer und reiflicher Ueberlegung und trotz meines aufrichtigen Wunsches, dem Militärreffört noch länger meine Arbeit und Kenntnisse zu widmen, zu dem Entschlüsse gelangt, daß mein längeres Verbleiben im Dienste dieses Ressorts mich nicht nur in den Augen meiner College» und der Gesellschaft herabsetze, sondern auch die Jnstitütion selbst, welche mich länger bei sich dulde, erniedrigen würde. Wenn ich in der That jene moralischen Eigenschaften nicht besitze, die von einem Menschen und Arzte, wenn auch nur Militärärzte, gefördert werden, welches Recht habe ich dann, noch länger in dem genannten Ressort zu dienen und vvn diesem, wenn auch nur als einer der fünfprozentigen geduldet zu werden. ' Ich ersuche daher Ew. Excellenz, mein Entlassungsgesuch zuständigen Ortes vorzüstellen, da ich unter den obwaltenden Umständen nicht länger im Dienste des Militärressorts verbleiben kann und darf. „Was meine Schuld der Krone gegenüber anlangt, so bin ich bereit, sie nach gegenseitiger Übereinkunft zu bezahlen". Dieses Document wird dann besonders gewürdigt werden, wenn man bedenkt, daß sein Verfasser ein völlig unbemittelter junger Mann ist, der erst vor 2—3 Jahren sein Studium absolvirt hat, und dessen einzige Erwerbsquelle — wie Schreiber dieses versichern darf, — seine Kronenstelle als Militärarzt war. Es wird hier ernstlich befürchtet, daß besagter. Petent durch sein obiges Abschiedsgesuch sich üble Folgen zuziehen dürfte, was ihm aber durchaus kein Geheimniß war, als er das Gesuch an zuständigem Orte erreichte. Uebrigens ist dieser wackere Medicus nicht der einzige, der in Folge des berüchtigten Circulärs des Kriegsministers betreffend die Beschränkung der Aufnahme der jüdischen Aerzte in diesem Ressort auf 5 Prozent mit der ausgesprochenen Motivirung, wegen gewissenloser Vernachlässigung der Dienstpflichten und schädlichen Einflusses auf den sanitären Zustand . . ." sein Abschiedsgesuch eingereicht. hat; es sollen schon vor ihm nach Mittheilungen verschiedener Blätter, die jüdischen Militärärzte zu Moskau, aus demselben Grunde, um ihre Entlassung eingekommen sein. Unser Kriegsministerium begnügte sich nicht mit der tiefen Beleidigung, die es in so brutaler Weise den jüdischen Militärärzten zugefügt hat, es sollte durch eine noch tiefere Beleidigung, die es gegen die gesammte russische. Judenheit, in einer noch weit brutaleren Weise richtete, ihren antisemitischen Charakter offenbaren, und ließ im „ Regierungsboten" folgendes lakonische Cirkulär betreffend der bevorstehenden Rekrutenaushebung für das Jahr 1882 publiciren: „Rekruten jüdischer Abstammung dürfen in keiner Weise in die Festungs-Artillerie bestimmt werden. Es dürfen nicht Rekruten jüdischer Abstammung in die Flotte in die Grenz- und Quarantin-Wache, in die reserven und lokalen Batallione und Commando (die einzelnen Eadres der Reserve-Batallione) bestimmt werden." Diese neue „Gseira raa" bedarf wohl keines Commentars. Und da ist man noch ungehalten, wenn Juden nicht immer die ganze; für sie (wie bereits mehrmals erwiesen,) dem Prozentsatz gemäß weit übertriebene Anzahl Rekruten stellen! Uebrigens steht im antisemitischen Bestreben unser Kriegsministerium nicht allein. Das Ministerium der Wege-Communikation steht hinter ersterem durchaus nicht zurück. Nur macht dasselbe es geräuschloser, dafür aber auch energischer und, haben auf seine entschiedene Verordnung sämmtliche russische Eisenbahngesellschaften alle jüdischen Beamte aus ihrem Dienste entfernen müssen, obgleich der weit größere Theil der russischen Eisenbahnen von Juden erbaut sind, und meist auch Juden gehören. Auch das Ministerium des Innern hat sich ausgezeichnet. Es hat auf Anfrage des 1. Departements des regierenden Senats die Entscheidung getroffen, den jüdischen Provisoren zu verbieten, in Petersburg Apotheken zu besitzen und zu arendiren. Diese Entscheidung hat uns um so schmerzlicher überrascht, als wir von diesem Ressort am meisten' Gerechtigkeit erwarten, da es doch einen Mann wie den Grafen Tolstoj zu seinem Chef hat. Leider scheint es, haben wir Juden uns auf Niemanden hier zu Lande mehr zu verlassen und bleibt unsere Lage schwankend und unsicher wie zuvor> bis endlich die Commission zur Durchsicht der Gesetzgebung betreffend die Juden, welche nach der „Moskauischen Zeitung" des Herrn Kattkow, die meist gut unterrichtet ist, binnen zwei Jahren ihre Arbeit vollenden wird. Hoffen wir, daß dann schließlich die Lage der russischen Judenheit' ein für alle Mal geregelt sein, und nicht mehr von allen möglichen zufälligen Strömungen und Richtungenverschiedener Parteien abhängen wird.