Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1882)
- Date
- 1882-11-21
- Page
- Seite 765 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' Wer bei solcher Veranlassung so schreibt, wie Spinoza fast am Ende seines Lebens gethan hat, der brauchte seine Wiederaufnahme bei dem Rabbinatskollegium nicht nachzusuchen und er hat sich demnach voll und ganz'zu dem Geiste wieder bekannt, welchen er durch seine Jugenderziehung und Jugendbildung in sich ausgenommen hat, Ein langer Läuterungsprozeß hatte sich in dem philosophischen Denker vollzogen, welcher ihn nicht ein Sündenbekenntniß, wohl aber ein Glaubensbekenntniß ablegen ließ, welches würdig war des Begründers einer neuen, seine Zeit weitüberragenden Weltanschauung. *) Petersburger Briefe. XVI. St. Petersburg d. 3. November 1882. In seiner letzten Nr. hat die „Wochen-Chronik" des „W'schod" ein Document veröffentlicht, welches vom „Golos" reproducirt, jetzt in der russischen Presse die Runde macht. Dieses Document, das wir hier in deutscher wortgetreuer Übersetzung folgen lassen, verdient in die Annalen des Judenthums eingetragen zu werden. Denn es beweist,^>aß nicht blos der Druck und die Verfolgung, welche in letzter Zeit auf die russische Judenheit von allen Seilen einbrechen, nicht vermochten, die Selbstachtung und das jüdische Bewußtsein im Herzen der russischen Juden zu unterdrücken, sondern auch, daß der immer mehr und mehr um sich greifende und demoralisirende Einstuß des Nihilismus und Materialismus der russischen Schule und Gesellschaft nicht im Stande war die ideale,Ritterlichkeit und das edle Martyrium, welche so vortrefflich das jüdische Mittelalter charakterisiren, im Busen r der russischen Juden auszulöschen. Doch mögen die gesch. Leser über dieses Document selbst urtheilen. Es ist der Abschiedsgruß eines Militärarztes mosaischer Eonfession, welches folgendermaßen motivirt ist. „Das Circular des Kriegsministers, betreffend die Militärärzte mosaischer Eonfession, hat diese sowohl in Bezug auf ihre unmittelbaren Vorgesetzten und Collegen, als auch auf die ganze Gesellschaft in äußerst schwierige und falsche . Lageversetzt. Das genannte Circulär hat einer Corporation, die bisher die Achtung und die Sympathie der Gesellschaft genoß, eine tiefe Beleidigung zugefügt. Es hat ihre Men- 1) Es war zum 24. November 1832, um zur Feier des 200sten .Geburtstages Spinozas aufzufordern, daß wir unser Schristchen: „Benediktus Spinoza als Mensch in seinem Leben und Charakter Largestellt" (Leipzig, 1832) Herausgaben; und so freuen wir uns, nach 50 Jahren Durch obigen Aufsatz aus bewährter Feder den denk- . würdigen Tag zu begehen. In. dieser Broschüre ist u. A.'auch der Brief an Albert Burgh vollständig übersetzt.(S. 63), auf welchen sich der Vers, des Artikels bezieht. Dieser fehlt in dem Wiederabdruck jenes Schriftchens in dem „Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums" Bd. II. 189 ff. Redaktion. scheuwürde erniedrigt, indem es sie ohne Grund der gewissenlosen Vernachlässigung ihrer Pflichten beschuldigt und auf diese Weise ihr das einem jeden intelligenten Menschen ohne Unterschied der Nationalität innewohnende Pflichtgefühl abspricht. Der Arzt mosaischer Eonfession ist doppelt beleidigt als Arzt wie als Mensch und Jude. Natürlich ist nach diesem für jeden, der sich selbst nur einigermaßen achtet, ein weiteres Verbleiben im Militärressort undenkbar. Wo die Menschenwürde erniedrigt, wo an der sittlichen Kraft eines Mannes gezweifelt wird, da ist auch sein längeres Verweilen nichts anderes, als eine entsetzliche Folter. „Nach reiflicher Ueberlegung und nach schwerem innerem Kampfe bin ich als einer von den vielen, deren Haupt jene Beschuldigung des Kriegsrefforts getroffen hat, und die doch weder ihre Gesundheit noch ihr Leben geschont haben, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, zu folgendem Entschluß gelangt: 1) Da die Beschuldigungen, welche gegen die Aerzte mosaischer Eonfession vom Kriegsministerium erhoben worden, bisher durch keine thatsächlichen Beweise erhärtet sind und folglich auch nur als ein Resultat von Mißverständnissen oder möglicher Weise jener Stimmung erscheinen, welche einen bekannten Theil der russischen Gesellschaft in der letzten Zeit ergriffen hat, so ist auch jede weitere Minute, welche die Aerzte mosaischer Eonfession, so lange nicht jener auf sie so schonungslos geworfene Schatten entfernt ist, in diesem Ressort zuzubrmgen, für sie nur eine Schmach. Die Menschenwürde verbietet es ihnen länger zu verweilen, wo sie verabscheut werden. 2) Selbst zugegeben, daß einige unter den jüdischen Aerzten, welche im Militärreffort dienen, ihrem Beruf nicht ganz entsprechen und darüber thaisächliche Beweise vorliegen, so heißt das doch jeder Gerechtigkeit und Logik Hohn sprechen, wenn das Kriegsministerium diese alleinstehenden Daten verallgemeinert und auf alle, im Militärressort dienenden Aerzte mosaischer Eonfession ausdehnt. Niemandem ist es eingefallen, an dem moralischen Grundsätzen der Militärärzte en masse zu zweifeln, als durch den bekannten Prozeß des Generalstab-Doktors Busch die moralische Verkommenheit vieler .Marineärzte aufgedeckt wurde. Natürlich bleibt bei einer solchen Anschauung des Militärressorts ein weiteres Verbleiben der Aerzte mosaischer Eonfession im Dienste des Militärressorts eine anomale Erscheinung, und können sich nur. schwache und niedrige Naturen mit einer derartigen Lage zufrieden erklären. 3) Wenn trotz dieser unlogischen Ansicht über die Aerzte mosaischer Eonfession, trotz dieser Beschuldigung einerganzen Korporation seitens des Militärressorts, diese doch so großmüthig ist, 5 Prozent dieser moralisch untauglichen Menschen zum Dienste in seinem Ressort zuzulassen, so dürfen doch die