Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1882)
- Date
- 1882-11-21
- Page
- Seite 764 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fluch ihn wohl loszulösen vermochte von der Glaubensgemeinschaft, welcher er angehörte, nicht aber von dem Boden, dem er. durch Geburt und Erziehung eingepflanzt war. Das Äudenthum, sowie die ülttestamentlichen Schriften waren ihm im Laufe /der Zeit durchaus nicht gleichgiltig . geworden. 'Wäre dies der Fall gewesen, er Hätte sich über das Vorgehen des Rabbinats mit solcher Bitterkeit, wie es geschah, nicht ausgesprochen, er Hätte auch nicht nach einem langen Zwischenräume seine Jugendstudien für seine theologisch-politische Abhandlung verwerthet. Er hätte es für seine Pflicht gehalten, seine ganze geistige Kraft auf den wissenschaftlichen Ausbau und die Begründung seiner Weltanschauung zu verwenden. Wohl mögen wissenschaftliche Bestrebungen ähnlicher Art, wie sie das ReformätioNszeitalter innerhalb der christlichen Welt Herorgerufen hatte, Veranlassung gegeben haben, den gelehrten Kenner der rabbinischen Literatur zur Veröffentlichung seiner historisch-kritischen Bemerkungen auf dem Gebiete der alttestamentlichen Bibelexegese zu veranlassen, aber Spinoza theilte ja seine Jugendforschungen in erweiterter Gestalt mit, mußte sich also zu seinen Jugendstüdien zurückwenden. Das polemische Interesse hätte ihn sicherlich nicht bestimmt, Zeit und Kraft einem Gegenstände zuzuwenden, dem er wissenschaftlichen Werth absprechen mußte. Spinoza hatte sich reges Interesse für den Inhalt der biblischen Urkunden wie für die Behandlung derselben durch die großen Lehrer des jüdischen Mittelalters bewahr:. Er zeigte zuerst der christlichen Welt in allgemein zugänglicher Form, welche weiten Grenzen sich die Bibelkritik und Exegese bei einem Jbn Esta, Maimonides und deren Geistesverwandten stecken durste. , Hat Spinoza dem Geiste des Judenthums Achtung und Anerkennung nach dieser Richtung verschafft, so hat er es, nicht minder gethan durch sein philosophisches Hauptwerk, welches als „Ethik" unmittelbar nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Es war nach Grundgedanke wie Durchführung ein dem Zeitbewußtsein fremdartiger Gedankenbau. Dürfen wir uns wundern, daß es ein volles Jahrhundert kaum eine andere Beachtung und Beurtheilung erfuhr als die feindselige, christlicher Theologen und theologisirender Philosophen? , , Wie Lessing auf den verschiedensten Gebieten des Geisteslebens bahnbrechend geworden ist, so hat er auch kurz vor seinem Tode durch ein flüchtiges Gespräch mit dem Glaubensphilosophen Fr. Heinr. Jacobi die Aufmerksamkeit auf Spinozas philosophische Leistungen gelenkt. Ein lutherischer Prediger im Harz hatte bereits am Ausgang des 17. Jahrhunderts das Lebens- und Charakterbild Spinoza's mit gewissenhafter Treue gezeichnet; der deutsche Theologe Schleiermacher hat am Ausgang des 18. Jahrhunderts in begeisterter und begeisternder Weise die Person und Weltanschauung Spinoza's verherrlicht und durch seine scharfsinnige und eingehende Kritik seines Systems dazu besonders beigetragen, daß die gesammte Entwickelung der deutschen Philosophie seit Fichte an die Weltanschauung Spinoza's anknüpfte. Diese Weltanschauung konnte sich nur entwickeln in einem Geiste, der frei war von den Fesseln der kirchlichen Lehren, auf deren Boden sich die gesammte christliche Philosophie entwickelt. .Zwar hatte Cartesius im Prinzip diesen Boden verlassen, aber er hatte keinen Gedankenbau auf den Fundamenten aufgeführt, welche er zu errichten versuchte, und die philosophische Entwickelung innerhalb der christlichen Welt ist dogmatisch nicht nur der Form, sondern auch der Anschauungsweise nach geblieben, wenn sie auch in einzelnen Punkten den kirchlichen Boden verließ. Seit Fichte zeigt sich die deutsche Philosophie vom Geiste Spinoza beherrscht und selbst Hegel, der wohl gern den. Frieden mit den herrschenden Gewalten in Staat und Kirche pflegte, hat Spinoza's Weltanschauung als den allein möglichen Ausgangspunkt aller wahren Philosophie bezeichnet. . Sollen wir uns darum nicht mit Genugthuung eines Mannes erinnern, der seine Geistes- und Charakterrichtung inmitten des Judenthums empfing und dessen wissenschaftliche Leistungen, so weit sie bleibenden Werth in Anspruch nehmen, das Gepräge echt jüdischen Geistes an sich . tragen? Die Erinnerung an einen solchen Mann thut unserer. Zeit noth. Nicht als ob wir hoffen, damit jene Schmäh- und Hetzreden zu bekämpfen, welche den finstern Geist mittel- , alterlichen Glaubenshasses und blutiger Verfolgungssucht herauf zu beschwören den Zweck haben. Wie jene Schmäh-', und Hetzredner die Waffen des Geistes verachten, so verdienen sie auch nicht mit ihnen bekämpft zu werden. Aber stärken sollen wir uns in der Zuversicht, daß dem Rechte und der Wahrheit der Sieg nicht entgehen kann, wofern^wir uns nur selbst unablässig bemühen am Rechte und an der Wahrheit, festzuhalten, wie' sie durch den echten Geist des Judenthums' im Wechsel der Zeiten ihren Ausdruck gefunden haben. Insoweit als Spinoza ein echter und mannhafter Vorkämpfer dieses Geistes gewesen ist, hat ihn der Bannfluch des Rabbinerkollegiums dem Judenthum nidEjt entfremden können und insoweit darf ihn auch heut das Judenthum als einen seiner besten und edelsten Söhne für sich in Anspruch nehmen. Wer darüber noch im Zweifel sein könnte, den erinnern wiran die Art wie er den Bekehrungsversuch zurückgewiesen hat, welchen eim ehemaliger, später zur katholischen Kirche übergetretener Schüler ün ihm machte. Mit welcher warmen Begeisterung stellte er der Hinweisung auf das Alter und die . zahlreichen Märtyrer der katholischen.Kirche die Thatsache gegenüber, daß das Judenthum an Alter wie durch das bis ' in die Gegenwart hinabreichende zahlreiche Martyrerthum die katholische Kirche weit übertreffe!