Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1882)
- Date
- 1882-11-14
- Page
- Seite 760 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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von den durch den Tweed in ihm geweckten poetischen Erinnerungen. Eine warme gegenseitige Neignng entstand zwischen ihnen. Dieser Freundschaft verdanken wir den Charakter der Rebecca im „Jvanhoe". In einem ihrer vielen Gespräche über Persönliche und Familienangelegenheiten sprach Irving von seiner und Miß Hoffmanns geliebten Freundin Rebecca Gratz in Philadelphia! beschrieb ihre wunderbare Schönheit, erzählte die Geschichte ihres standhaften Festhaltens an ihrem Glauben, während die größte Versuchung, die es für ein Menschenherz gibt, an sie herantrat, und rühmte besonders ihren liebenswürdigen Charakter und ihre eifrige Philanthropie- Scott war tief ergriffen und lebhaft interessirt und faßte den Plan, das reine moralische Empfinden zu verkörpern, welches wie ein Silberfaden durch die Erzählung lief. Obgleich „Rob Roy" damals noch unvollendet war, trug er sich schon mit dem Plan und den Charakteren zu „Jvanhoe". Sofort entschloß er sich, einen jüdischen weiblichen Charakter einzuführen, und kraft Irvings lebhafter Beschreibung nannte er seine Heldin Rebecca. Mehr als selbst in Richard Löwenherz oder in dem Ritter Jvanhoe oder in einem der stolzen Templer und Barone, die in diesem Romane eine so große Rolle spielen, liegt sein Reiz und seine Stärke in der hingebenden unerwiderten Liebe des jüdischen Mädchens. In fast allen Scott'schen Romanen findet sich ein poetischer, um nicht zu sagen unmöglicher Charakter — eine Figur, die zu gut und engelhaft ist, als daß wir an sie glauben könnten— und mit der' wir doch so tief sympathisiren, daß sie uns als lebenswahr erscheint. In „Jvanhoe" ist Rebecca dies engelhafte Wesen und sie nimmt bis zuletzt unser Interesse in Anspruch. Sie ist bei weitem die schönste und romantischste Schöpfung von weiblichen Charakteren, die des Autors Phantasie entsprungen, und steht mit ’ den berühmtesten Gestalten der Poesie in einer Reihe. Miß Gratz, die Irving sofort aufgesucht hatte, als er nach Philadelphia zurückgekehrt war, um die Publikation seiner Werke vorzubereiten, war die Quelle dieses Charakters bekannt. Da sie aber vor jeder Oeffentlichkeit zurückscheute, so wollte sie die Thatsache nicht zugestehen, und wurde sie einmal mit Fragen bedrängt, so wußte sie ihnen geschickt auszuweichen, indem sie das Thema wechselte. Die Aehnlichkeit ist sehr groß in vielen Punkten, die der Leser des „Jvanhoe" selbst herausfinden mag. Um die Achtung zu illustriren, in.welcher Miß Gratz bei ihrer Familie stand, wollen wir noch folgende Begebenheit erzählen. Eine Tante von ihr hatte sich mit vr. Nicholas Schuyler aus Albany, der den Revolutionskrieg als Arzt mitgemacht hatte, einem Freund Washingtons und nahen Verwandten des Generals Schuyler, vermählt. Der Doktor war ein Christ und dieser Religionsunterschied machte die Heirath für den Vater der Braut zu einer sehr unerwünschten, wie groß auch die Hochachtung war, die er seinem Schwiegersohn zollte. Eine lange Entfremdung war die Folge und eine Versöhnung schien unmöglich. Während seiner letzten Krankheit wurde der Vater von seiner Enkelin, Miß Gratz, gepstegt, deren Sanftmuth und Geschick sie beständig im Krankenzimmer begehrt machten. Eines Tages rief er sie zu sich und fragte: „Mein Kind, was kann ich für Dich thun?" Sie blickte ihn mit ihren schönen, von Thränen erfüllten Augen an und sagte im Tone ernster Bitte: „Großvater, vergieb der Tante Shinah!" Der alte Mann suchte nach ihrer Hand, drückte sie und sagte, nachdem er. eine Weile geschwiegen: „Schicke nach ihr." Seine Tochter kam, empfing ihres Vaters Verzeihung und Segen, und als er einige Tage später seinen letzten Seufzer aushauchte, umfingen ihn die Arme seines langentbehrten Kindes, während Rebecca Gratz schweigend an seiner Seite saß. Vermischtes. Eine blutige Scene. Eine Correspondenz aus Numeau, dem Hauptorte der. französischen Colonie in Neu^Caledonien, wohin bekanntlich die Verbrecher deportirt werden, vom 2. Septbr. berichtet: , Der Commandant der Insel, Herr Cahen, hatte dem Direktor der Colonie auf dessen Wunsch einen Deportirten, Namens. Delahautemaison, zum Sekretär empfohlen. Derselbe Verbrecher trat in Abwesenheit des Commandanten in dessen Bureau ein, ergriff einen Revolver, der auf dem Pulte lag, , und schoß die jüngste der Töchter des Herrn Cahen, 1ö Jahre alt, nieder. Als die ältere Schwester sie verwundet sah, ergriff sie ein Doppelpistol und ihr Bruder einen Revolver, beide verfolgten den Mörder und schossen ihm fünf Kugeln in den Kopf. Der Mörder starb, Fräulein Cahen leidet viel an ihrer Wunde und der Arzt fürchtet, daß die Kugel dicht bei der Leber sich befinde. Aus staatlich ungesetzlicher Ehe. Eine intellectuelle (also nicht tatsächliche) Urkundenfälschung von allgemeinerem Interesse beschäftigte am Sonnabend die vierte Strafkammer des Landgerichts I. in Berlin. Angeklagt war der Handelsmann Isidor Rosenblatt, der sich gegen den Willen seines Vaters von einem durchreisenden russischen Rabbiner hat trauen lassen., Die standesamtliche Verheirathung mußte mangels der väterlichen Einwilligung unterbleiben. Am 24. Februar c. gebar ihm seine sonach nur rituell angetraute Ehefrau einen Knaben, den er am 25. Februar c. auf dem 9. Standesamt vor dem Standes-