Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 759

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 759 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227440--40351-3257984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

so besaß sie alles, was sie zur Ausübung humaner und sozialer Wichten befähigte. Sie war gewöhnt, den Sommer in Begleitung eines ihrer Brüder in dem Bade von Saratoga Springs zu verleben, wo sie der Mittelpunkt eines glänzenden Kreises von vornehmen und hochgebildeten Männern und Frauen aus allen Theilen des Landes war. Bei ihren Besuchen im Hanse ihres Bruders in Lexington, Kentucky, wohin ihr Ruf ihr vorausgegangen war, brachte man ihr förmliche Ovationen dar. Bei diesen Gelegenheiten wurde sie von Henry Clay, mit dem ihr Bruder eng befreundet war, besonders ausgezeichnet. Man erzählt, daß Rebecca als junges Mädchen von einem Mann von Charakter, Stellung und Vermögen glühend geliebt wurde und diese Liebe ebenso erwiderte. Die Verschiedenheit ihrer religiösen Ueberzeugungen — er war gläubiger Christ und sie orthodoxe Jüdin — bildete jedoch eine unübersteigliche Schranke zwischen ihnen. Sie blieb unvermählt. Daß sie, die an den Umgang mit Christen gewöhnt, von ihnen gesucht war und sich in ihren Kreisen wohl fühlte, dennoch dem Glauben ihrer Väter treu blieb, zeigt, wie sehr sie diesem . zugethan war, und ihre Festigkeit' in dem schweren Kampf zwischen Liebe und Wicht mag als Beweis ihrer Charakterstärke dienen. Selbstverleugnung und Gewissenhaftigkeit kennzeichneten ihr ganzes Leben, welches eine lange Kette edler Bestrebungen war. Es gab in ihrer Vaterstadt kaum eine mildthätige Institution, in deren Registern nicht ihr Name als thätiges Mitglied oder als Beratherin und Wohlthäterin verzeichnet stand. Schon in der frühen Periode von 1811 wat" ihr Name unter den Vorstandsmitgliedern der „Female-Association" aufgeführt. Sie gründete das Waisenhaus der Stadt und war länger als vierzig Jahre dessen Sekretär nnd wärmste Freundin. Sie gehörte zu den Gründern der „FemaleBenevolent Society", des „Förster Home", der „Fuel Society", der „Sewing Society". 1838 gründete sie eine Sonntagsschule für jüdische Kinder, wo von ihr selbst verfaßte Gebete im Gebrauch waren, und für die sie das Schreiben und Zusammenstellen der Textbücher besorgte. Diese Schule, soll die älteste Institution dieser Art in Amerika gewesen sein. Ein halbes Jahrhundert lang war sie so bei wohlthätigen Unternehmungen thätig und noch manches folgende Jahr eine geschätzte Rathgeberin in allen dahin zielenden Bestrebungen. Sie starb am 27. August 1869, im Alter von achtundachtzig Jahren, , Einer von ihres Bruders intimsten Freunden war Washington Irving, damals in der ersten Frische seines Literarischen Ruhmes. Als er nach Philadelphia kam, war er ein willkommener Gast des Hauses und die „große Stube" . ward ihm, wie er sagt, zum Schlafen eingeräumt. Rebecca's Schönheit und Charakter, sowie der Umstand, daß sie einer Rasse angehörte, deren Geschichte voll Romantik war, machten tiefen Eindruck auf ihn und legten den Grund zu einer herzlichen Freundschaft und Verehrung, die das ganze Leben dauerte. Der folgende Brief an sie, durch welchen Irving den Künstler Thomas Sully bei ihr einführte, drückte seine Verehrung und Hochachtung aus. „New-York, 4. Nov: 1807. Ich habe kaum nöthig, Ihnen den Ueberbringer, Mr. Sully, vorzustellen, da ich überzeugt bin, daß Sie sich seiner deutlich erinnern. Er beabsichtigt, den Winter in Ihrer Stadt zuzubringen, und da er ganz fremd im Lande ist, bitte ich Sie, sich seiner gütigst anzunehmen. Er ist ein Mann, den ich sehr schätze, nicht allein wegen seiner künstlerischen Befähigung, sondern auch wegen seines liebenswürdigen Charakters und einnehmenden Wesens. Ich glaube ihm keinen Dienst leisten zu können, für den er mir mehr danken sollte, als den, ihn Ihrem gütigen Wohlwollen und dem der Ihrigen zu empfehlen. Mr. Hoffmanns Familie ist wohl auf und Sie sind oft der Gegenstand des Gesprächs derselben. Bringen Sie mich allen Ihrigen in freundliche Erinnerung. Verzeihen Sie die Freiheit, welche ich mir genommen, und glauben Sie, daß ich bin mit wärmster Freundschaft Ihr ganz ergebenster Washington Irving." Miß Gratz verlebte viele ihrer jüngeren Jahre bei den Hoffmanns und anderen alten Familien New-Iorks, mit welchen sie auf vertrautem Fuße stand. Unter ihren damaligen Freunden befanden sich die geistreichen Literaten, die Irving in „Salmagundi" geschildert hat, und Mathilde Hoffmann, die erste und einzige Liebe Irvings, war ihre theuerste Freundin. Dieses durch körperliche und geistige Reize gleich ausgezeichnete Mädchen welkte früh und starb bereits im Alter von achtzehn Jahren im April 1809. Rebecca war während ihrer Krankheit beständig an ihrer Seite, dre Krankenpflege mit der Familie theilend, und hielt sie in ihren Armen als sie starb. Irving war damals sechsundzwanziz Jahre alt, aber obwohl er noch ein halbes Jahrhundert lebte, blieb er dem Andenken seiner Jugendliebe getreu. . Es war gegen Ende des Jahres 1817, als Scott und Irving einander zum ersten Mal sahen. Mit einem Empfehlungsbrief des Dichters Campbell, der Scotts Hochachtung für Irvings Talent kannte, besuchte der Letztere Abbotsford. Er wurde von Scott sehr herzlich ausgenommen, der, von seinem Lieblingshund begleitet, selbst nach der Gartenpforte gehinkt kam und Irving in einer Weise die Hand drückte, daß diesem zu Muthe ward, als ob sie bereits alte Freunde wären. Irving verlebte hier einige der schönsten Tage seines Lebens, von Morgens bis Abends in Berg und Thal herumstreifend, alten Geschichten lauschend, die erzählt wurden, wie nur Scott sie zu erzählen verstand, und entzückt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.