Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 755

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 755 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227440--40347-3257980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

755 Erfreulich ist es, daß das Ministerium dem von Rabbiner Schreiber in Krakau vorgelegten Musterstatut für die jüdischen Cnlturgemeinden die Genehmigung versagt hat. Wie es heißt, soll der Gesetzentwurf bezüglich der Regelung der jüdischen Gemeinde-Verhältnisse in der bevorstehenden Session dem Reichsrath vorgelegt werden; doch dürfte dies kaum vor April des nächsten Jahres geschehen. Pest, 29. Oktober. Vor einigen Tagen besuchten die Directoren der hiesigen Berlagsgesellschaft „Athenäum" Ludwig Kossuth in Turin. Im Lause des Gesprächs wurde auch der antisemitischen Bewegung gedacht. Kossuth sprach seinen tiefen Abscheu vor diesem in die Mode gerathenen Wahnsinn aus und bezeichnete die Bewegung als eine verwerfliche, social und politisch zwecklose. Wie in jeder anderen Confession gebe es auch in der jüdischen Individuen, die sich gegen Gesetz und Gesellschaft vergehen, und diese müßten einzeln gefaßt werden, wie die Anhänger anderer Confessionen, die ebenso geartet wären. Er kenne rührende Beispiele des Patriotismus jüdischer Ungarn aus der Zeit des Befreiungskrieges, und eines wollte er auch sofort anführen. Als die Ungarn im Jahre 1849 zur Offensive übergingen, handelte es sich eines Tages darum, der hart bedrohten Besatzung Komorns die Nachricht zu senden, daß ein Hilfscorps nahe. Guter Rath war theuer, wer mit dieser schwierigen Mission betraut werden könnte. Endlich fand sich ein Jude, dessen Name ihm entfallen, der sich bereit erklärte, Komorn zu erreichen. Kossuth schrieb auf ein Zettelchen die Worte: „Es kommt bald Entsatz. Kossuth." Dieser kleine Streifen Papier wurde in eine winzige Gummikapsel gesteckt, die der Jude unter der Zunge verborgen halten und im Augenblicke der Gefahr verschlucken sollte. Der Mann machte sich auf den Weg, da er jedoch nur des Nachts zu marschiren wagte, so verbrachte er die Tage im Schilf oder im Dickicht. Nach. drei Nächten unausgesetzter Wanderung erreichte er glücklich Komorn und übergab die Botschaft. Nach abermals drei Nächten erschien der Jude bei Kossuth, der zu ihm sagte: „Wären Sie Soldat, so würde ich Sie zum Offizier ernennen. Nun verlangen Sie einen andern Lohn, auf einige tausend Gulden soll es uns nicht ankommen." — „Herr Gouverneur," antwortete der Jude- „ich lasse mir meinen Patriotismus nicht bezahlen." Mit diesen Worten zog er ein Papier aus seiner Rocktasche, auf dem seine Baarauslagen verzeichnet waren. Diese ließ er sich vergüten, sonst nahm er nichts an. Als die Reaktion hereinbrach und es ruchbar wurde, welchen Dienst der Mann dem ungarischen Heere geleistet, fühlte er sich daheim nicht sicher, denn es drohte ihm der Galgen. Er flüchtete nach London, wo Kossuth und die Emigranten dafür sorgten, daß der Mann nach Australien auswandern könne. Seither ist keine Nachricht von ihm eingelangt. ' Pest, 31. Okt. Ungarn ist jetzt das Land, in welchem der Antisemitismus blüht. In Kaposvar fand gestern eine von 200 Geistlichen, Advocaten, Aerzten und Grundbesitzern des Somogyer Comitats besuchte Antisemiten-Bersammlung statt; man beschloß die Gründung christlicher Schutzvereine im Sinne der Dresdener Congreßbeschlüsse und Entsendete ein Comitö zur Ausarbeitung der Statuten; der Abgeordnete Emerich Szalay wurde zum ständigen Präsidenten aller zu gründenden Vereine gewählt; von Jstoezy traf ein Begrüßungs-Telegramm ein; viele Theilnehmer sprachen sich für eine Agitation innerhalb der Schranken des Gesetzes aus; die Ruhe blieb ungestört. Die Kaposvarer Juden hielten zu derselben Stunde in der Synagoge einen Trauergottesdienst für Arany ab. — Die Anwesenheit der Herren Geistlichen beweist, daß der Antisemitismus auch sein Maaß religiöser Feindschaft enthält; den Herren Aerzten und Advokaten ist die Concurrenz jüdischer Aerzte und Advokaten sehr lästig, und die Grundbesitzer wollen gern — ihre Schulden loswerden! In dieser sublunarischen Welt hat Alles seinen Grund und Zweck! Pest, 31. Oktober. (Privatmitth.) Die antisemitischen Excesse, deren Schauplatz vor einigen Wochen verschiedene Ortschaften des Preßburger und Wieselburger Comitats waren, finden von Zeit zu Zeit noch immer thätliche Fortsetzung. Es ist nicht wegzuleugnen, daß die Unduldsamkeit in jenen Gegenden latent fortglimmt, und es liegt eine ganze Serie von Fällen vor, in denen dieselbe erst neuestens wieder zu thätlichem Ausbruche kam. So sind in der berüchtigten Ortschaft Lomschütz in der Nacht zum 30.'October sämmtlichen Juden und zwar in systematischer Weise die Fenster zertrümmert worden; ebenso in dem' benachbarten Sorap und Ragendorf. Noch ärger und bedauernswerther sieht es in Zürndorf (Zurüny) aus. Die Krawalle haben dort solche Dimensionen angenommen, daß sich das Vizegespans-Amt dieses Komitats veranlaßt sah, für diese Gemeinde Militär zu requiriren, welches auch bereits (3 Oberoffiziere und 43 Mann) alldort angelängt ist. ' Im Wieselburger Comitat erreichten die Hetzen ihren Höhepunkt im Dorfe Nyulas, wo der Vicenotar abermals den Beweis lieferte, daß in der Regel die Ortsbehörden die meiste Schuld tragen, da er auf die Klage' wegen Bedrohung achselzuckend die Bemerkung machte: „Der Unschuldige muß eben mit dem Schuldigen leiden." In der folgendeu Nacht brach eine Rotte in das Haus detz Kaufmanns Steiner; plünderte, raubte und zerstörte die ganze Habe und erschoß die hochschwangere Frau. Jetzt erst schritt die Behörde ein, und verhaftete eine Anzahl Rädelsführer. Eine jüdische Deputation traf in Pest ein, um bei dem Ministerium Beschwerde zu führen, 46*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.