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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 756

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 756 (sequence 12)
Language
German
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756 Pest, 3. Nov. Die Staatsanwaltschaft beantragt, die Tisza-Eszlarer, des Mordes an der Esther Solymossi beschuldigten Juden in Anklagestand zu versetzen. Dieselbe wollte die Einstellung des Prozesses beantragen, der Justizminister wies dieselbe jedoch an, den obenerwähnten Antrag zu stellen, damit der Prozeß öffentlich verhandelt werden könne. Nachdem die Vertheidiger gegen die Versetzung in den Anklagestand nicht zu appelliren gewillt sind, wird die Schlußverhandlung in diesem sensationellen Prozesse im Monat December stattfinden. (Man kann mit dieser öffentlichen Prozedur unter den obwaltenden Verhältnissen nur einverstanden sein, obschon die armen Opfer noch anderthalb Monate mehr im Kerker verbringen müssen. Anzuschuldigen sind nur diese ungarischen Zustände, in welchen man anklagen muß, wo man eingesteht, daß Niemand anzuklagen ist. Die Consequenz würde nunmehr fordern, daß die Staatsanwaltschaft selbst auf Freisprechung antrüge.) Pest, 5. Nov. (Privatmitth.) Der in der Tißa-Eßlarer Affaire der Theilnehmung am Morde betheiligte Philipp Braun lag, wie drei Zeugen übereinstimmend bestätigen, an dem Tage des angeblichen Mordes zu Hause krank; in gleichem Sinne deponirten auch noch andere Zeugen in Tißa-Eßlar, die dem kranken Braun an jenem Tage Erfrischungen ins Haus getragen haben. Der inhaftirte Vogel ist nur mehr ein förmliches Knochengerüste; laut ärztlicher Meinung leidet er an Abzehrung. (Und solche Unschuldige hat man 5 Monate im Kerker schmachten lassen! Dies unter dem Justizministerium des Herrn vr. Pauler! Redakt.) Die gerichtsärztliche Analyse der angeblichen Blutflecken au den Kleidern der in der Theiß aufgefischten Leiche constatirt, daß es sich unbedingt um Leichenflecken handelt. — Nicht unvermerkt wollen wir lassen, daß in Nyulas, als die Frau des Kaufmanns Steiner von den Missethätern verfolgt und erschossen wurde, ein christlicher Mann, der sie vertheidigte, schwer verwundet ward. — Preßburg, 29. October. (Privatmitth.) Anton Windisch, der Redacteur und Miteigenthümer der hier erscheinenden „Westungarischen Grenzboten", welche seit mehreren Jahren die Judenhetze systematisch betreiben, wurde wegen großer Wechselfälschung gestern verhaftet. Wie wir erfahren, wird sich die Untersuchung auch darauf erstrecken, was Windisch, der der Fälschung bereits geständig, mit dem vielen Gelde gethan. Die Redaction der Grenzboten führt jetzt der bekannte Ivan Simonyi. — In dem Oedenburger Comitat sind Exceffe gegen die Juden ausgebrochen, so daß Militär requirirt werden mußte. (Zu der obigen Nachricht fügen wir hinzu, daß es sich bei den Fälschungen des Windisch um 24,800 Gulden handelt. Sein Nachfolger Simonyi hat sich dieser Tage durch eine Schlägerei auf offener Straße, die er selbst angefangen, ausgezeichnet. Brody, 29. Oct. Die vielen Tausende jüdischer Flüchtlinge haben nun, bis auf einen Rückstand von etwa 360 Personen, unsere Stadt verlassen. Die letzteren sind größtentheils junge ledige Leute, und die wenigen verheirateten haben nur eine geringe Zahl von Kindern. Alle behaupten, nicht nach Rußland zurückkehren zu können, weil sie sich dort der Militärpflicht entzogen und deshalb Strafe zu befürchten hätten. Es liegt aber der anscheinend begründete Verdacht vor, daß mehrere diese Angabe nur machen, weil sie keine Lust haben, sich wieder in ihre alten Verhältnisse zurückzubegeben. Es schweben deshalb Ermittelungen, welche event. die „Abschiebung" dieser widerwilligen Individuen über die russische Grenze zur Folge haben dürften. Die wirklichen Heeresdienstflüchtigen werden, einer von dem Vertreter der „Alliance israflite“, Herrn Benetiani, aus Paris hier eingegangenen Zusicherung zu Folge, in Frankreich und England untergebracht werden. Eine Anzahl von Flüchtlingskindern, etwa 36, hat Herr Makower behufs ihrer Erziehung schon vor , längerer Zeit nach Berlin mitgenommen. Das bisher hier in Thätigkeit gewesene Hilfskomite hat sich aufgelöst, die etwa noch erforderlich werdenden Maßnahmen wird der hiesige Vertreter der Wiener „Alliance israelite“ treffen. Frankreich. Paris, im November. Mittwoch den 1. d. wurde in der Synagoge der Rue de la Yictoire ein durch das Central- Comitö der Alliance veranstalteter Trauergottesdienst zum Gedächtniß von Charles Netter abgehalten. Eine zahlreiche Versammlung wohnte demselben an, um dem Andenken des unermüdlichen Vertheidigers seiner Brüder diese Huldigung darzubringen. — Dep Obrist Hinstin ist zum Chef des Generalstabes des 5. Armeecorps ernannt worden. — Die Stadt Brody hat dem Baron Hirsch in Anerkennung der Dienste, die er zur Evacuation der jüdisch-russischen Auswanderer geleistet, das Diplom als Ehrenbürger übersandt. Großbritannien. London, 30. Octbr. Vor dem Conntö des Mänsion House, welches sich der russischen Juden angenommen hat, wurde am 25. d. M. von Sir Julian Goldsmid der Bericht über die letzten drei Monate verlesen, aus dem sich Folgendes ergiebt: Fast alle in Brody zusammengeströmten russischen Juden sind anderweitig untergebracht, 8645 nach Rußland zurückgeschickt, andere, bei denen dies aus verschiedenen Gründen nicht möglich war, sind über andere Länder verstreut worden, so daß nur noch 467 dort vorhanden sind. Ueberhaupt sind nach Amerika befördert worden rund 15,000, von denen aber die Comite's in Amerika 260 nach England zurückgeschickt haben, weil anzunehmen sei, daß sie in Rußland besser fortkommen würden, als in den Vereinigten

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