Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 752

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 752 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227440--40344-3257977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gewissen Basilius Levisohn in Jerusalem, eines getauften Juden, unter der Aufschrift: „Die gegen.die Juden erhobene Beschuldigung, daß sie Christenblut gebrauchen". Der Aufsatz Proteftirt auf sechs Seiten gegen die Blutanklage und schließt mit folgenden Worten: „In der Osternacht 1863 lag ich betend an dem Grabe Christi, die eine Hand auf diese heiligste Stätte legend, die andere gegen den Himmel erhebend und sprach im Herzen Folgendes: ' Seit der Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier ist kein Menschenopfer mehr in Israel gebracht worden, obgleich noch hie und da Götzendienst zum Vorschein kam. *) Seit der Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus, nicht lange nach der Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi, also seit der Entstehung des Christenthums, ist weder Menschenopfer noch Götzendienst bei allen Söhnen Israels auf dem ganzen Erdenrunde gefunden worden. Nirgends hat das jüdische Volk, noch die 1660jährige Religions-Geschichte desselben Veranlassung zu der abscheulichen Beschuldigung gegeben, der Jude tödte Christenkinder und verwende ihr Blut zu irgend einer Zeremonie, welcher Art sie auch sei. Ferner erkläre ich, als ehemaliger Rabbiner, von einer alten rabbinischen Familie abstammend, daß es in dem Bereiche der ganzen jüdischen Theologie nicht ein einziges Buch giebt> weder ein gedrucktes noch ungedrucktes, in welchem auch nur mit einem Worte einer solchen barbarischen Handlung erwähnt wird (ausgenommen etwa die Vertheidigungen), daß es auch weder eine geheime, noch öffentliche Tradition unter-den Juden gebe, durch welche sich jenes Verbrechen hätte fortpflanzen können. Endlich beschwöre' ich als Levit, möglicherweise als direkter Nachkomme Mose's, jedenfalls aber zu seinem Stamme gehörend, Folgendes: Es giebt keine große, auch keine kleine Gemeinde in ganz Israel, keine jüdische Sekte und keine jüdische Familie auf der ganzen Erde, in welcher das Blut eines Menschen zu irgend einer Zeremonie verwendet wird, sei er Jude, sei er Christ, sei er Türke oder sonst ein Mensch auf Erden. — So wahr mir Gott beistehen möge in der Stunde meines Todes und mich selig werden lasse in seinem eingebornen Sohne Jesu Christo, meinem Erlöser! Amen!" Bekanntlich ist dies nicht die einzige feierliche Beteuerung, welche von getauften Juden gegen die scheußliche lügenhafte Beschuldigung abgegeben worden, und sicherlich I) Die hier gebrauchten Ausdrücke sind unklar. Das mosaische Gesetz verbietet bei'Todesstrafe jedes Menschenopfer, das selbst bei den alten Kulturvölkern'bis in die römische Kaiserzeit im Schwange war. Wenn im alten Israel Menschenopfer einige Male unter abgöttischen Königen vorkamen, so war es das trotz der Gotteslehre und des mosaischen Gesetzes eingedrungene Heidenthum, welches dazu verleitete, und die Propheten treten energisch dagegen auf. Redakt. d. A. Z. d. Jud. haben solche Zeugen einen Werth, denn wenn Menschen/ die das Jüdenthum verlassen haben, auch nur eine Spur solcher Greuelthat gekannt hätten, würden ihrer viele damit hervorgetreten sein, um ihren Abfall vom Judenthmne um so mehr zu rechtfertigen. Jndeß, unsre Feinde wissen das längst, aber sie nehmen keine Notiz davon , da ihnen es nur darauf ankommt, im Herzen des Volkes Haß zu entzünden, und sie gewohnt sind, sich der Lüge hierzu zu bedienen. Mühlhausen im Els., im Oktbr. Die „Straßb. Post" berichtet von hier: „Unter der israelitischen Bevölkerung hiesiger Stadt herrscht große Aufregung. Es wurden nämlich gestern (28. Oct.) ungefähr 20 junge Israeliten verhaftet, welche es verstanden hatten, durch Täuschung der Behörden sich vom Militärdienst zu befreien. Die Zahl derjenigen, welche dieses Manövers beschuldigt sind, soll sich auf 32 belaufen. Wie man mir sagt, waren diese Leute bei der ersten Musterung zurückgestellt worden, nachher haben sie sich dann irgend einen wirklich dienstuntauglichen jungen Mann ausgesucht, welcher unter dem Namen seines Auftraggebers bei einem Arzte ein Dienstuntauglichkeits-Zeugniß verschaffte, mit dem dann der Betreffende seine Entlassung vom Militärdienst bewirken konnte. Diese, Zeugnisse sollen meistentheils aus Altdeutschland geholt worden sein. Obschon es längst ausgefallen war, daß so viele kräftige junge Israeliten keinen Militärdienst zu leisten hatten, so dachte doch Niemand an einen solchen Betrug, bis derselbe durch Verrath zu Tage kam. Die Betroffenen sind alle vermögende, einige davon sogar reiche Leute; es ist deshalb erklärlich, daß ihre Verhaftung ein ungeheueres Aufsehen hervorgerufen hat. Das Manöver soll schon vom Jahre 1876 an getrieben worden sein und wird wohl nicht nur hier, sondern auch anderwärts' Anwendung gefunden haben." (So wie der Vorgang hier erzählt wird, kann er nicht stattgesunden haben, denn ein „aus Altdeutschland geholtes" Zeugniß kann Niemanden vom Militärdienst frei machen.) Mühlhausen, 31. Oktbr. Daß wir mit obiger Bemerkung recht hatten, zeigt folg. Corresp. Von den jungen Israeliten, welche hier letzten Samstag unter der Anschuldigung verhaftet wurden, daß sie sich auf betrügerische Weise der Militärpflicht zu entziehen gesucht haben, sitzt noch immer eine gewisse Anzahl in Haft,, die meisten sind indeß gegen Bürgschaft wieder auf freiem Fuße. Die Untersuchung dürfte ganz eigenthümliche Dinge ans Licht bringen; es soll nämlich in Altdeutschland eine förmliche. Agentur bestanden haben, welche sich damit befaßte, den jungen Leuten gegen entsprechende Geldentschädigung die nöthigen Papiere zu verschaffen, um sie vom Militärdienst zu befreien. (Straßb.'Post.) Ferner meldet man der: „Straßb. Post", daß die Anstifter und eigentlichen Faiseurs bei den seit, langen Jahren geübten Betrügereien nicht im Elsaß zu suchen sind,"sondern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.