Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1882)
- Date
- 1882-11-14
- Page
- Seite 750 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die hohe Wichtigkeit einer solchen Lehranstalt für die russische Judenheit zu würdigen weiß, und sich ernstlich für sie interessirt, habe ich von ihm selbst erfahren. Herr P. begreift auch ganz gut, daß fein großartiges Verdienst: die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichts in den..Gymnasien keinen Werth hat, so lange wir keine Anstalt zur Ausbildung tüchtiger Religionslehrer haben, an welchen bei uns gegenwärtig ein völliger Mangel herrscht. Aus den Randglosfen des Herrn P. zu einem von mir ausgearbeiteten Memoir über die Nothwendigkeit einer jüdisch-theologischen Akademie und deren .nöthige Beschaffenheit ist es zu ersehen, daß Herr P. feine gewiß durchdachten Ansichten darüber hat. Herr P. ist nicht der Mann, der auf halben! Wege stehen bleiben soll, um so mehr da er sehr gut weiß, daß er eben der einzige Mann bei uns ist, dessen Einsicht, Mitteln und vor Allem dessen kolossalem Einfluß und hohen Connexionen die Gründung erwähnter Akademie gelingen dürste. Es ist wohl überflüssig, Herrn P. zu bemerken, daß, durch die Realisirung dieser seiner edlen Absicht, er sich ewige Verdienste um Israel, um die jüdische Religion, jüdische Wissenschaft und insbesondere um die russische Judenheit und unsterbliche aufrichtige Dankbarkeit vom „dankbarem" Volke erwerben würde, und daß nur eine solche große That seine oben erwähnte Schuld gegen Israel auslöschen könnte. __ P. G. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 5. November. Die deutsch-jüdische Belletristik, die ihren Ausgang, von den „Marannen" von Phöbus Philippson (1837.) nahm, und die seit einer Reihe von Jahren nur noch in schwachen Zügen athmet, verfolgte zwei verschiedene Richtungen. Die eine stellte sich zur Aufgabe, die geschichtlichen Erscheinungen des Judenthums und der Juden in poetischer Gestaltung aufzufassen, zum Bewußtsein und in ihrem ethischen Gehalte zur Geltung zu bringen. Die andere befaßte sich mit der Tendenz, das Judenthum und die Juden, wie sie in der letzten Periode vor der Berührung mit der modernen Kultur und vor ihrer- Umgestaltung durch diese waren, fühlten und dachten, und wie dies in entlegenern Kreisen noch jetzt der Fall ist, zu zeichnen, psychologisch darzustellen und zu erklären und mit dem Dufte der Poesie zu umgeben, gewissermaßen auch in ihrer Existenz, die ja auf Jahrhunderte zurückreichte, zu rechtfertigen. Als Hauptträger der ersten Richtung darf sich wohl neben dem genannten Schriftsteller der Schreiber dieses bezeichnen, und liegen die Erzeugnisse Beider in dem Sammelwerk „Saron" (6 Bänden, 3 Auflagen), in den Romanen „Der unbekannte Rabbi", „Sepphoris und Rom", „Jakob Tirado" vor. Der zweiten Richtung Hauptträger war Leopold Komp er t, dem sich (mit zwei weitbekannten Novellen) A. Bernstein anschloß. Kompert verstand es in seiner Feinfühligkeit) die mit Beobachtungsschärfe und Zartheit verbunden war, die ' früheren Lebensformen der Juden charakteristisch zu erfassen und in ihrem seelischen und gemüthlichen Gehalte wahrhaft dichterisch darzustellen, und selbst die burleske, ja oft groteske Seite dichterisch zu durchwehen. Die Autoren der ersten Richtung standen auf dem Boden der modernen Kultur, und bearbeiteten von hier aus vorzugsweise die Konflikte und Kämpfe, in welche Judenthum und Juden in allen Epochen ihrer Geschichte mit den zeitgeschichtlichen Verhältnissen geriethen, also besonders aus den Epochen, wo jene mit der allgemeinen Kultur der Zeit in engere Berührung und Wechselwirkung gekommen sind. Es sollte hiermit der historische Faden dieser weltgeschichtlichen Kontakte bis zu den analogen Erscheinungen der Gegenwart ausgesponnen, und der Zusammenhang zwischen allen diesen Perioden poetisch reproduzirt werden. Die Dichter der zweiten Richtung versetzten sich dagegen mitten in das jüdische Leben der jüngst vergangenen 'Zeit, um mit ihren Sitten- und Lebensgemälden jenes, zu fixiren und für eine spätere Zeit, wo deren Spuren fast ganz verschwunden sein werden, zu bewahren. Es ist deshalb ein recht erfreuliches Unternehmen der Louis Gerschel'- schen Verlagsbuchhandlung in Berlin bei Gelegenheit des 60 jährigen Geburtsfestes Kompert's die gesammelten Werke desselben in 8 Bänden herauszugeben und liegt uns jetzt der erste Band in guter Ausstattung vor. Dieser enthält die Novellen und Erzählungen „Aus dem Ghetto", unsrer Meinung nach die schönste Blüthe au dem Dichterstamme Kompert's. Wir leben der Ueberzeugung, daß. diese Geschichten aus der Gasse von Neuem den alten Zauber ausüben werden. — Bon dem von uns bereits besprochenen „Geographischen Lexikon des Deutschen Reichs" von Neumann (Leipzig, Bibliographisches Institut, 1882) liegen bereits Lief. 5 — 11 vor uns. Sie reichen von Bukow bis Havert und wird diese verdienstvolle Arbeit in der. bisherigen umfassenden Weise fortgesetzt. Wir ziehen aus demselben betreffs der jüdischen Bevölkerung folgende Notizen. Nicht bloß in der Provinz Posen, sondern auch in Süddeutschländ stoßen wir auf Ortschaften, in denen die jüdische Bevölkerung der christlichen säst gleichkommt. So in den Württembergischen Dörfern Buttenwiesen und Buttenhausen, wo in dem ersteren unter 733 Einw. 300, in dem zweiten unter 705 Einw. 324 Juden wohnen. In Charlottenburg bei Berlin hat sich bereits eine jüdische Gemeinde von 287 Seelen angesammelt. Im Königreich Sachsen haben sich, nachdem der Bann gebrochen ist, der sie auf Dresden und Leipzig beschränkte, die Juden nicht bloß, in den Städten, sondern auch auf dem Lande niedergelassen. So wohnen gegenwärtig in Chemnitz 294 und in der Amtshauptmannschaft 18, in Dresden 2228. Nicht bloß in Frankfurt a. Main stieg die