Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1882)
- Date
- 1882-11-14
- Page
- Seite 749 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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AMWMWWWUW 749 Günzburg, dem russischen Rothschild und das erste jüdische Haus in Rußland, zu.jeder Zeit mit jedem Anliegen ohne Weiteres empfangen und aufmerksam angehört zu werden, und besonders noch die jüdische studirende Jugend, oder jüdische Literaten, die im Hause des Barons, Vater wie Sohn, stets die bereitwilligste Aufnahme und die liberalste Unterstützung fanden. Man kann sich nun vorstellen, wie viel heißes Blut und Aerger in jüdischer Gesellschaft jenes Benehmen des Herrn P. gemacht hat. Dieser Aerger wurde noch dadurch gesteigert, als man Herrn P. alle Welt von seinen reichen Spenden und Stiftungen reden hörte, die entweder an sich direct oder indirect, weil sie in den Provinzen des Reichs verwendet wurden, wo kein Jude sich niederlassen darf, ausschließlich für Nichtjuden bestimmt waren. Das russische Volk, dachte mit Recht der Jude, könnte leicht ohne Hilfe Poljakoffs auskommen, ist im Vergleich zum russischen Juden reich und mächtig, hat eine steinreiche Aristokratie und Kaufmannschaft mit ihren riesigen Crösusen und Mäcenaten, hat ihre Plejaden der Rumjanzewe, Schermetiewe, Galizyne, Demidowe, Bes-Borodkos, Lasorewe, Kuschelewe, Larine, Ahljustine, Gubkine und andere, die Enormes zu Gunsten des russischen Volkes leisten können und leisten, und obendrein hat das russische Volk eine russische Regierung, welche wie kaum eine andere Regierung reiche Fürsorge für die ärmeren Klassen trägt, was kein Feind ersterer abspricht. Dagegen haben die russischen Juden, die Stiefkinder ihres Vaterlandes, von der Regierung nichts als neue Steuern und Abgaben, als neue Beschränkungen und temporäre Vorschriften von ewiger Dauer zu erwarten, und hat bei der herzzerreißenden Armuth der überwiegend großen Majorität 'keine reiche Aristokratie noch Kaufmannschaft, ihre einzigen Crösuse und Mäcenaten fangen an und endigen mit Baron Günzburg, Poljakoff und noch einigen Kaufleuten dritten und vierten Ranges. Für uns Juden wäre daher Poljakoff'sche Splendität eine Fundgrube, ja ein Rettungsanker. Das wollte Herr P. nicht einsehen, auch dann nicht, als er reichlich Gelegenheit hatte zu erfahren, daß seine Liberalität zu Gunsten der Russen, letztere eher zu Neid und Mißgunst ja zu Haß und Rache reizt, als zu Dankbarkeit stimmt. Die russische Presse hat ihm den Vorwurf gemacht, daß er, Herr P., dem russischen Volke in Sandkörnchen das zurückgiebt, was er tausendfach in vollen Haufen von ihm genommen hat. Nebenbei bemerkt, dieser Vorwurf, ausgedrückt in den gröbsten Schimpfwörtern, tischte die saubere „Neue Zeit" noch am 17. October, alsbald nach der Eröffnung des erwähnten Convikts, und bedauert die Roth und die moralische Gesunkenheil der Studenten, die letztere veranlaßten, Herrn Poljakoff eine Dankadresse zu überreichen. In der Universität gehen nun auch die verwilderten Unruhen und die empörendsten Scandale fort, welche eben nichts anderes zum Gegenstand haben, als das Auffinden einer Form, wie am heftigsten ihr Protest gegen erwähnte Adresse auszudrücken sei, und das Ersinnen einer Strafe für diejenigen Studenten, welche jene Adresse unterzeichnet haben. Tagtäglich erscheinen Proklamationen und Resolutionen der Studenten, die in der empörendsten Weise die Ehre und den Namen Poljakoffs mit Schmutz bedecken, die noch Gottweis wozu führen werden, jlnd solchen Dank erntet Herr P. von den Russen nicht zum ersten Male! Die Erklärung für das eben gerügte Verfahren in den Verirrungen der sechsziger Jahre zu suchen ist, geht auch aus einer Ansicht, die H. P. bei folgender Gelegenheit äußerte, hervor: In den Jahre 1879 und 1880 wurde von einem Kreise junger jüdischer Patrioten die Gründung verschiedener gemeinnütziger Stiftungen, unter anderen eine jüdische Bibliothek und ein jüdischer Frauenwohlthätigkeitsverein in Angriff genommen. Herr P. erklärte seine Bereitwilligkeit zu diesen Stiftungen beizusteuern, wenn 'sie keinen speciellen jüdischen Eharacter haben werden, und zwar, wie er rund heraussagte, weil er überzeugt ist, man erweise dem Judenthum einen größeren Dienst, wenn der Jude von 10 Armen blos einem Juden und 9 Christen hilft als wenn man umgekehrt verfährt. In den günstigen Momenten, welche die letzten so verhängnißvollen Judenverfolgungen mit eingebracht haben, gehört auch die Wendung in dem Verhalten des Herrn P. zu den Juden. Er soll selbst von dieser Wendung mit zuverlässigen Männern gesprochen haben. Mehr noch als aus den Worten ist aus den Thaten des Herrn P. auf diese Wendung zu schließen. Als Früchte dieser Wendung sind zu bezeichnen: die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichtes in den Gymnasien des Wilna'schen Lehrbezirks, zu welchem Zweck er 35,000 Rbl. spendete, und neuerdings auch in den Gymnasien Petersburgs, die Gründung des Fonds der Gesellschaft zur Förderung der Gewerbe- und Ackerbau -Thätigkeit rc., welche 25,000 Rbl. kostete — Stiftungen auf deren ungeheure Tragweite wir hier nicht eingehen können —, die Schenkung von 16,000 Rbl. zur Gründung eines Jnvalidenhauses beim Friedhof zu Petersburg*) und, was das wichtigste ist, Herr P. soll die edle Absicht haben, 500,000 Rbl., also sage eine halbe Million, zur Gründung einer jüdischen theologischen Akademie in Petersburg herzugeben. Bon einer solchen großartigen liberalen Natur wie die des Herrn P., der binnen zwei Decennien ca. 3,000,000 Rbl. — denn über 2,000,000 Rbl. hat er blos im Interesse der Aufklärung - gespendet, ist es sehr zu erwarten. Daß Herr P. *) Wohl aus Versehen ist im No. 42 d. Z. von einer Schenkung von 160,000 Rbl. des Herrn P. für die Gemeinde von Odessa mitgetheilt worden. Wie ich versichern darf, ist von Odessa nie die Rede gewesen. Corr,