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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 748

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 748 (sequence 4)
Language
German
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gänzliche Assimilation gefordert. Diese Forderung wurde von den damaligen jüdischen gebildeten Kreisen als recht und billig anerkannt und sie sollte nun befriedigt werden. Aber wie? In ihrer Naivität'und . in-ihrer Kleinlichkeit glaubten diese gebildeten Herren, der beste Weg zur Assimilation mit den Russen sei das absolute Aufgeben jeder Gemeinschaft mit ihren jüdischen Brüdern, und die erfolgreichste Russifikation bestehe in der möglichst vollen Vernachlässigung und Tilgung ihrer jüdischen Individualität, und aus Dankbarkeit für die zu erlangende Emanzipation müßten die Juden gänzlich aufhören Juden zu sein, und in allen Stücken „echte" Russen werden Die Herren Gebildeten aus der Accis-Beamtenwelt, welche trotz ihrer krankhaften Halbbildung und sittlich-religiösen Zerfahrenheit, die damaligen Leiter und Tonangeber der jüdischen gebildeten Kreise waren — konnten natürlich nicht einsehen, daß wenn der Jude für das schließliche Zuerkennen der ihm rechtlich längst zukommenden Emanzipation auch wirklich dankbar sein sollte, diese Dankbarkeit nur darin bestehen kann, daß er seine spezifisch-jüdischen Fähigkeiten und Anlagen im Dienste seines Vaterlandes und zum Frommen des russischen Volkes zu läutern und in ihrer Reinheit zu erhalten sucht, und diesen seinen nationalen Schatz zu seinem eigenen Wohl, wie zum Wohl seiner Mitbürger ja nur nicht im „Brüderschafttrinken" verzecht und verpraßt. Denn Rußland dürfte kaum an Macht und Ansehen gewinnen, wenn seine 3 bis 4 Millionen Juden „echte" Russen werden. Wenn es diesem 90 Millionen Seelen starken Rußland an etwas gebricht, so ist es jedenfalls nicht an Russen; und wenn dieser Riesenstaat doch , so schwach und unbeholfen, „ein Koloß auf thönernen Füßen" ist, so ist er es vielleicht eben deswegenweil er mehr russisch ist, als er sein sollte. Damit will ich durchaus nicht die vielen vorzüglichen Eigenschaften und großen Tugenden, wie auch nach gewisser Richtung hin reiche Begabung des Russen in Abrede stellen, aber ich glaube jeder klar denkende nnd unbefangene Russe müsse zugeben, daß es seinem, um mit Heine sich auszudrücken, „helenischsensualistischen" und wie Schopenhauer sagen würde, „künstlerisch-intuitiven" Volke nur zu sehr an Nüchternheit und Mäßigkeit, Beständigkeit und Ausdauer, Unternehmungsgeist und Kombinationsfähigkeit mangelt, worin der „spiritualistische", „diskursive" Jude ihm große Dienste erweisen kann, wenn er seine Individualität bewahrt und vervollkommnet und Hand in Hand mit dem „indigsnen" Russen, mit vereinigtem Sinn und Streben am Gedeihen und Wachsthum des gemeinsamen Vaterlandes arbeitet, worin allein die richtige .Russifikation und wahre Assimilation bestehen darf. Allein von den patriotischen Herren der Aecise dürfte eine solche Einsicht, wie einfach sie auch ist, nicht'erwartet werden. Diese Herren fanden viel zweckmäßiger, sich von allem Jüdischen loszusagen, in den sumpfig-unzüchtigen russischen Klubs vor den russischen' Tschinowniki zu antechambriren, ' und waren überglücklich, wenn sie zu einer Kartenpartie, zu einer Quadrille oder zu einer Orgie eingeladen wurden, was ihnen gewöhnlich nur zu theuer zu stehen kam. Um die Juden, wie es hieß, „für die Emanzipation vorzubereiten und sie zu. bessern ", schrieb man Belletristisches aus dem jüdischen Leben mit negativ-jüdisch sein sollenden Helden in russischer Sprache und erging sich in sein sollenden Enthüllungen und im Geißeln jüdischer Schwächen und Gebräuche in der russischen Presse, obgleich die Herren Belletristen und Moralisten leicht einsehen konnten, daß das Publikum, welches nach ihrer Meinung durch ihre Schriften gebessert werden sollte, sie nicht, liest, weil es kein Russisch versteht, und daß es wohl weit nützlicher wäre damals gerade so wohl für die gebildeten jüdischen Kreise, als auch und insbesondere für das russische Lesepublikum, sie mit den positiven Helden und Lichtseiten des jüdischen Lebens bekannt zu machen, damit sie die jüdische Masse achten lernen und durch diese Achtung zur Annäherung, ja zur Assimilation geführt werde. Das geschah nun nicht. Man wollte partout beweisen, daß der gebildete Jude ein „echter" Russe und gegen Juden „unparteiisch" ist. Und so waren sie denn auch „unparteiisch" gegen Juden bis zur grausamsten Parteilichkeit, und so haben sie selbst im Namen der Emanzipation am meisten die Juden zurückgesetzt und waren sie es, welche als „echte" Russen, die sie zu sein wähnten, im Interesse dev Russifikation und Assimilation der Juden, letztere am meisten aus „ihrer" russischen Gemeinschaft ausgeschlossen. In diese für die russische Judenheit verhängnißvolle Epoche fällt die Zeit, wo Fortuna das Füllhorn ihrer Gnade auf Herrn Poljakoff ergoß. Herr P. wollte mit der Zeit mitgehen, oder ließ sich vom Strom ' der Zeit fortreißen. - Auch er wollte ein „echter" Russe, auch er wollte gegen Juden „unparteiisch" sein, und leider er war es auch nur allzu sehr. Als fester unerschütterlicher Charakter beharrte er auch dann noch in dieser Geistesrichtung, als viele seiner Parteigenossen schon längst bitter von ihrem Ässimilationsbestreben enttäuscht und von ihrem Russifikationsrausch ernüchtert, tief ihre frühere „echt" russische „unparteiische" Heldenthatenbereuten, und wenn auch etwas spät , sich doch den Ihrigen mit zerknirschtem, aber liebevollem Herzen zugewendet haben. Ich habe schon erwähnt, daß Herr P. keinem Juden prinzipiell Beschäftigung gab. Aber nicht darauf allein beschränkte sich das „echt Russische" und „gegen Juden Unparteiische" des Herrn P. Es ging noch viel weiter: Herr P. ließ förmlich keinen Juden, gebildeten wie ungebildeten, zu sich. Seine Portiers und Lakaien hatten strengen Befehl, keinen jüdisch aussehenden Mann unter keiner Bedingung über die Schwelle zu lassen. Das war für die Juden was ganz Unerhörtes. Waren sie ja gewöhnt vom Herrn Baron

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