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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 747

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 747 (sequence 3)
Language
German
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7.47 fürstlich-prächtigen Palais am englischen Quai — dem Glanzpunkt des nordischen Palmyra — umgeben von einer königlichen Dienerschaar, in deren Mitte Generäle und Wirkliche Staatsräthe russischen Dienstes auf seine Befehle lauschen. Jetzt ist Herr P. der alleinige Eigenthümer von fünf Eisenbahnlinien — die insgesammt den vierten Theil sämmtlicher russischer Eisenbahnlinien ausmachen sollen —, vieler Landgüter, Fabriken, Palais in unseren beiden Residenzen rc. rc. Und doch, vermag selbst weder der Neid noch die Mißgunst, die ihm immer auf der Spur waren, ihm Schlimmes nachzusagen. Wohl wurde nicht wenig über die Qualität seiner. Bauten losgezogen, aber die vor Kurzem unter dem Präsidium des greisen Staatsmannes, Grafen Baranoff, getagte Eisenbahn - Untersuchungskommission hat alle jene Beschuldigungen und Verleumdungen völlig entkräftet. Bemerkenswerth ist auch das Verhalten des Herrn P. zu seiner Familie. Ich spreche natürlich nicht von der sorgfältigen, höchst intelligenten Erziehung, die er seinen Kindern — drei Töchter und ein Sohn —, die von den ersten Pädagogen und größten Spezialisten, unter welchen der größte russische lyrische Dichter der Gegenwart Polwsky als Erzieher des Sohnes zu begegnen war, hat angedeihen lassen; ich spreche auch nicht von seiner musterhaft-pietätvollen Behandlung seiner Eltern, die er in ihrer Heimathsstadt Orscha mit einem Komfort und einer Pracht umgab, die geradezu fürstlich ist; ich habe hier bloß im Auge das Verfahren des Herrn P. gegen seine Brüder, die jetzigen Kommerzienräthe L. und I. Poljakoff, die er buchstäblich zu mehrfachen Millionären machte, und gegen seine ganze, recht zahlreiche bettelarme Verwandtschaft, der er zu großen Reichthümern verhalf, und unterscheidet er sich in dieser Beziehung höchst vorteilhaft von seinen anderen hiesigen Schicksalsgefährten. die, wie es scheint, Gefallen daran finden, ihre nächsten Verwandten mit milden Gaben von Zeit zu Zeit zu begnadigen. Wie verhält sich aber dieser „Wohlthäter im großen Styl" zum Judenthum, zum Schicksal seiner armen Stammesbrüder und Glaubensgenossen? Wie viel hat der Mann, der zu Gunsten der Russen, die ihn, weil er doch Jude ist, immer mit ihrem Hasse und ihrer Verachtung verfolgten, und die ihn jetzt, da er auf der Höhe seines Glückes sich befindet, da auch seine Verdienste um's Land und Volk anerkannt werden müssen, von Neid Und Mißgunst angestachelt, vielleicht mehr hassen denn je, Millionen gespendet, wie viel hat dieser Mann zu Gunsten seiner armen Brüder gespendet, die ihn nie gehaßt, noch verachtet, die ihn nie beneidet, ihm nichts mißgönnt haben, die immer mit freudiger Spannung, hoffend und segnend ihm aus seiner Glückbahn folgten, und die obendrein weit, weit mehr hilfsbedürftig sind als ihre im Vergleich zu ihnen privilegirten-russischen Mitbürger? Kurz, wie benahm sich Herr P. zu den Juden? Leider kann auf diese Frage meine. Antwort weder kurz noch entschieden sein, ich muß hier so manche Klausel , so manche Einschaltung machen, um eine einigermaßen genügende Antwort zu geben. Bor.Allem ist Herr P7 hier wie wohl auch im Auslande der einzige Jude, der prinzipiell in seinen riesigen Unternehmungen und. vielverzweigten Geschäften, welche etliche Tausende Menschenhände und -Köpfe beschäftigen und immense Gagen von 20 bis 30 Tausend Rubel jährlich honoriren, keinem Juden irgend welche Beschäftigung giebt. Abgesehen von dem ■ .otpn W?n, von der tiefen Beleidigung, die er dadurch seinen Glaubensgenossen zufügt, und so eine schwere Sünde gegen Gott und gegen Israel begeht, hat er dadurch den russischen Juden unabsehbaren Schaden verursacht, nicht bloß damit, daß Tausende Juden, die durch Mangel an Arbeit mit ihren Familien in Hunger und Noth untergehen, bei Herrn P. leicht ein Unterkommen hätten finden können, sondern auch, und vor Allem damit, daß in seinem obengenannten Prinzipe die russischen Geschäftsmänner für ihre Vorurtheile gegen die Juden genügende Bestätigung zu finden glaubten. „Ja", hörte man nicht selten russische Kaufleute, welche Juden um Beschäftigung angingen, räsonniren, „wenn ein Jude, und dazu noch ein so geschäftstüchtiger, vielerfahrener Jude, wie Polgakoff, der doch wohl die Seinigen gründlich kennt, keinen Juden zu sich in Dienst nimmt, so muß doch wohl etwas, daran sein." Wie ein Herr P., der doch wirklich die Seinigen kennt, und zugleich an eigener Person reichlich erfahren hat, wie sehr dem russischen Juden der Kamps um's Dasein sauer gemacht wird, und wie schwer und bitter und oft wie vergebens er, der Jude, mit dem Vorurtheil zu kämpfen hat, es für zulässig hielt, seine armen Brüder so unbrüderlich zu behandeln, und den alten Vorurtheilen neue Nahrung zuzuführen, läßt sich einigermaßen aus der Zeit erklären, in welche seine Hauptthätigkeit fällt, nämlich die sechziger Jahre. . Es war gerade nach der Aufhebung der Leibeigenschaft, als der nun in Gott ruhende Kaiser Alexander der Befreier der jüdischen Lage sich huldvoll zuwendete und den Juden all' die Rechte ertheilte, um die man jetzt so gern feilschte und mäkelte. Die damalige russische Gesellschaft, in welcher die liberalen Celebritäten, die sogen. Männer der vierziger Jahre, die Tonangeber waren, benahm sich gegen Juden sehr human und sympathisch und begrüßte freudig die humanen Reformen ihres humanen Monarchen in der Lage der Juden. Die Presse, an deren Spitze damals die sog. „Westlinge", d. h. die Anhänger westeuropäischer Kultur standen, war durchweg judenfreundlich. Man erwartete mit großer Spannung die baldige völlige Emanzipation der Juden. Dafür aber wurde von den Juden schleunige Russifizirung und 46*

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