Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-14 · Heft 46 (14.11.1882) · p. Seite 746

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 46 (14.11.1882)
Date
1882-11-14
Page
Seite 746 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227440--40338-3257971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

überflüssig sein, jene Register in extenso hier zu reproduziren. Außer den oben genannten 200,000 Rubel hat dieser „Wohlthäter im großen Styl", wie die Zeitungen Herrn Poljakoff nennen, für andere „wohlthätige Zwecke" über 2,000,000 Rub. — sage über zwei Millionen Rubel — hergegeben, nämlich: das Lyceum des Cäsarewitsch Nikolai, die Schule des Barons Delwig, weibliche- Gymnasien im Westgebiete, ein Gebäude für eine weibliche Handarbeitschule und für ein Asyl zur Besserung und Bildung armer Kinder, Bildung des Fonds der Gesellschaft zur Förderung der gewerblichen und Ackerbau-Thätigkeit unter den Juden Rußlands, Spenden zum Besten des „Rothen Kreuzes", Gründung jüdischer Privatschulen , Beschaffung jüdischen Religionsunterrichtes in den Gymnasien des Wilna'schen Lehrbezirkes, ein Kinder-Asyl in Worönesk, das Gebäude des Gymnasiums ebendaselbst, Theater, Hospitäler, Asyle, die Errichtung von Wasserleitungen in Eletz, Bjelogorod und Bendera rc. rc. und vor Allem werden besonders hervorgehoben die von Herrn Poljakoff in Rußland gegründete erste einzige Bergwerksschule bei der südrussischen Steinkohlenindustrie-Gesellschaft, die erste in Rußland eröffnete Eisenbahnbauschule in Eletz, welche später als Muster zu vielen derartigen Schulen diente' Bei dieser Gelegenheit dürfte es am Platze sein, die geschätzten Leser mit der Persönlichkeit dieses „Wohlthäters im großen Styl", seiner Vergangenheit und besonders mit seinem Verhalten zum Judenthume überhaupt und zu den. russischen Juden insbesondere bekannt zu machen. Herr Poljakoff ist ein. kleiner, untersetzter Mann von schwächlichem, kränklichem Aussehen , hoch in den fünfziger Jahren. Sein glattrasirtes, festgemeißeltes rundes Gesicht mit etwas hervortretenden Backenknochen, die von Energie sprechen, und den dünnen, blassen, zitternden, etwas übereinander geschloffenen Lippen mit dem Ausdruck fester Entschiedenheit, wie sein auf den Kamm geschorener grauer Kopf mit der offenen mittelbreiten Stirne, unter welcher kleine, graue, ewigbewegliche Augen mit durchdringendem Blick, erinnern an jene Charakterköpfe ergrauter „Tschinowniki" -— d. h. Regierungsbeamte, und verrathen in keiner Weise die Herkunft von unbemittelten, aber frommen jüdischen Eltern in einem Krähwinkel'in Lithauen, Orscha, wo unser jetziger russischer Eisenbahnkönig in einem armseligen Cheder alten Schlages seine Erziehung genossen, in Bibel und Talmud den Unterricht erhalten, woraus er auch das Schächterfach erlernt, von welchem er allerdings wenig, aber doch Gebrauch gemacht hat. Jung und arm verheirathet, ohne irgend einen festen Beruf, oder irgend eine sichere Erwerbsquelle zu haben, wie leider in Lithauen noch bis heute unter unseren Glaubensgenossen üblich ist, hat unser Held^ früh den Kampf um's Dasein in seiner widerwärtigsten Gestalt kennen gelernt. Nichts wollte ihm gelingen und er mußte zur Erhaltung seiner Familie, die sich mittlerweile vermehrt, die schwersten Dienste bei jüdischen Holzhändlern und Lieferanten verrichtengegen eine Gage, wie mir von zuverlässiger Seite versichert wird, von zehn Rubeln monatlich. Aber auch dann soll sich Herr Polgakoff von seinen Dienstgenossen vorteilhaft ausgezeichnet haben. Er konnte schon damals russisch lesen und schreiben und beherrschte auch, leidlich das Hebräische, das noch heuten bei unseren jüdischen Kaufleuten aus der alten Schule als Geschäftssprache praktizirt wird. Diese Kenntnisse, die er sich in seinen knapp zugemessenen Mußestunden mit aller Noth erworben hat, wie kümmerlich sie auch an sich sein mochten, waren zu jener Zeit, also gegen-Ende der vierziger und Anfangs der fünfziger Jahre bei der russischen Judenheit eine Rarität, verhalfen allmählich ihm somit zu einer günstigeren Stellung und führten ihn gegen Mitte der fünfziger Jahre nach der russischen Metropole, sein Glück zu machen, wo er Anfangs als dienende Person, noch immer unter den traurigsten Bedingungen figurirte, später aber selbständig, zuerst an kleine, sodann oresoenäo an immer größere Unternehmungen sich wagte. Herr Poljakoff scheint zum Herrschen, aber nicht zum Dienen geschaffen zu sein. Wollte ihm lange im Dienste nichts glücken, um so günstiger lächelte ihm das Glück, sobald er auf eigene Faust an verschiedene Unternehmungen sich machte. Jedoch soll Herr Polgakoff durchaus nicht ein bloßer Glücksvogel sein. Ihm flogen, nie, so zü sagen, gebratene Tauben in den Mund. Er mußte jeden' Schritt von einem harten Geschick sauer genug sich erkämpfen. Wenn er - schließlich als triumphirender Sieger aus dem schwersten Kampf hervorging, so hat er dies in erster Linie seinem unermüdlichen Eifer, seiner unerschöpflichen Arbeitskraft, seiner eisernen Energie und Entschlossenheit und, wie von kompetenter Seite versichert wird, seinem industriellen . Genie zu verdanken. Ja, man braucht nur einmal mit Herrn Polgakoff zu sprechen, um sich bald zu überzeugen, daß man mit einem Mann von, freilich etwas beschränktem Horizonte, aber ungewöhnlich gescheidten, klardenkenden und äußerst entschiedenen Mann zu thun hat, der. immer weiß, was er will) und stets fest entschlossen ist, das was er will, um allen Preis zu erreichen. Er spricht (russisch rein / aber mit jüdischem Accente, französisch mangelhaft, deutsch sehr schwach) knapp, aber klar durchdacht und drückt sich deutlich und entschieden aus. Es verging kaum ein Decennium seit Herr P. mach Petersburg kam, und der arme Jude aus dem armseligen Neste Orscha war in ganz Europa als der russische^ .Eisenbahnkönig bekannt, noch ein Lustrum und der Orschaer Jude, der mit aller Mühe und Noth sich kaum das Recht erschwindelte in der Residenz sich zeitweilig aufhalten zu dürfen, residirte als russischer Wirklicher Staatsrath und als persischer Konsul, reich geschmückt mit vielen Orden, im eigenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.