Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1882)
- Date
- 1882-11-07
- Page
- Seite 736 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerichtshof die Verhaftung desselben. — Daß sich, wenigstens hier in Berlin, das konservative CentralkomitS und die echten Antisemiten nicht immer gut vertragenist längst kein Geheimniß mehr. Die Konservativen wollen die Antisemiten benutzennur so lange, wie sie ihnen wirklich von Nutzen sein können. Die Antisemiten hingegen wollen die Konservativen beherrschen, so daß diese lediglich in ihrem Sinne und zum Vortheil der antisemitischen Führer agitiren sollen. Das verträgt sich nicht immer. — Die conservativen Wahlmänner des I. Landtagswahlkreises hatten sich am Sonnabend Abend unter dem Borsitz des Predigers Hapke in Sommer's Salon versammelt, um die weitere Agitation für die Landtagswahlen zu berathen. Es wehte dabei, wie ein uns zugegangener Bericht .hervorhebt, kein konservativer, sondern ein streng antisemitischer Hauch. Der Obmann der Antisemitenliga, Herr Pickenbach, betonte in einem längeren Bortrag, daß sich die Wahlmänner des 1. Wahlkreises nicht länger unter Vormundschaft des hohen C. C. C. stellen lassen würden. Es wurde beschlossen, den Hofprediger Stöcker gegen Ludwig Loewe aufzustellen und jeden nicht für Stöcker stimmenden Wahlmann als wortbrüchig der Oeffentlichkeit zu denunziren! Die Konservativen wollen also Herrn Stöcker fallen lassen und die Antisemiten sind hierüber aufs Aenßerste entrüstet. Das Denunziren scheint ihnen nun ein gar erlaubtes Mittel, und sie äußerten ihre Entrüstung über ihr sonstiges Lieblingsblatt „das deutsche Tageblatt", daß es einen Schutzmann mit Namen denunzirt habe, welcher fortschrittlich gewählt, während es dies bei einem Ministerialdirektor unterließ, der sich desselben Verbrechens schuldig gemacht. Dies ist nun doch gar nicht konservativ, denn zu den Merkmalen des Konservatismus gehört doch sicherlich der Unterschied der Stände. — Der Städteordnung zufolge müssen im November d. I. Ergänzungswahlen für die nach sechsjährigem Turnus. ausscheidenden Stadtverordneten stattfinden. Unter diesen befinden sich diesmal mehrere hervorragende jüdische Stadtverordneten, wie Ludwig Löwe, Dr. Straßmann, Dr. S. Neumann, Dr. Horwitz, Dr. Cohn u. A. Es wird da wieder ein tüchtiges Stück antisemitischer Wühlerei sich abspielen. Berlin, 29. Oktober. (Privatmitth.) Die Wahlen zum preußischen Landtage haben das Resultat gehabt, daß die Bestandtheile des Abgeordnetenhauses ziemlich dieselben sein werden, wie früher. Es theilt sich in drei große Parteien: Konservative, Centrum und Liberale, von denen keine für sich die Majorität ausmacht, wohingegen sobald die Konservativen und das Centrüm vereinigt stimmen, sie die große Majorität besitzen, Die Konservativen sind um-einige Sitze vermehrt aus dem Wahlkampf hervorgegangen, die Nationalliberalen mit Verlust. Stöcker und Strosser sind in Bielefeld wieder gewählt, von Rauchhaupt in Potsdam, auch von Ludwig fehlt nicht. Ludwig Löwe und Straßmann in Berlin, Marburg in Mona, alle drei der Fortschrittspartei angehörig, sind wiedergewählt, Dr: Stern in Frankfurt a. M. neu gewählt, er bezeichnet sich als „Demokrat" und bildet so eine Fraktion für sich selbst. Dr. Freund in Breslau hatte die Wiederwahl abgelehnt. Die Antisemiten können also nicht schreien, daß die Zahl der jüdischen Abgeordneten das numerische Verhältniß der jüdischen Bevölkerung überschreite. Man hat sich nnn auf antisemitische Reden unter dem Beifall der Konservativen wieder gefaßt zu machen. Jndeß erinnere man sich, daß es nicht in der Macht des preußischen Abgeordnetenhauses liegt, an unserer Gleichberechtigung zu rütteln, da diese auf Reichsgesetz beruht, dessen Modifizirung nur dem Reichstage zusteht. — Die Konservativen im zweiten Berliner Wahlbezirk haben sich auf's Aeußerste blamirt. Sie faßten nämlich den Beschluß , ihren eigenen Kandidaten fallen zu lassen und den fortschrittlichen Herrn von Saucken-Tarputschen als ihren Kandidaten aufzustellen, um die Liberalen , zu spalten und Dr. Straßmaun zu Falle zu bringen. Noch mehr. Vor der Wahl wurde an die Wahlmänner ein Flugblatt vertheilt, „ein offenes Wort in letzter Stunde", unterzeichnet: „Das liberale Komits". In demselben wurde behauptet, daß in Bezug auf die Wahl Straßmann's „leider" . tiefgehende Meinungsverschiedenheiten „unter den sonst gesinnungstüchtigsten Kollegen" vorhanden seien, und daß „nicht bloß die Antisemiten in unserem Lager, sondern auch sämmtliche Antisemiten des Wahlbezirks bereit sein würden, für den mit außerordentlicher Majorität von uns in den Reichstag gewählten Herrn von Saucken-Tarputschen zu stimmen, der ihnen als Christ erheblich acceptabler als der Israelit Straßmann" sei. Diese freche Fälschung hat "keinen liberalen Wahlmann abgehalten, seine Stimme für Dr. Straßmann abzugeben. Er erhielt 852 Stimmen, Saucken-Tarputschen 153, woraus sich ergiebt, daß die sämmtlichen konservativen Wahlmänner das Manöver mitmachten. — Am 4. November wird die „Friedrichstädtische israelische Religionsschule" ihr 25jähriges Bestehen durch einen Gottesdienst in der Synagoge Kaiserstr. 29 feiern. . Breslau, 23. Oktober. Einige Zeitungen, auch sogen, liberale, enthalten folgende Bemerkung: „Bekanntlich ist der Prozentsatz der jüdischen Schüler auf den höheren.deutschen Lehranstalten, besonders den Gymnasien, ein ganz unverhältnißmäßig hoher. Aber so wie in Schlesien scheint es denn doch nirgends zu stehen. An dem königl. katholischen Gymnasium zu Beuthen haben sich unter dem Vorsitz des Schulraths Dr. Reichsacker gegen Ende des letzten Sommersemesters 6 Abiturienten, 4 Juden und 2 Protestanten, der Abiturientenprüfung unterzogen, die sie auch bestanden. Auf diesem Gymnasium sind 181 jüdische, 92 protestantische und nur 149 katholische Schüler bei einer zu etwa s/4 katholischen Be? völkerung gewesen. Noch größer ist das Verhältniß der