Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1882)
- Date
- 1882-11-07
- Page
- Seite 733 (sequence 5)
- Language
- German
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733 man es hier mit Flüchtlingen zu thun hatte, also mit einer Masse ihrer Habe beraubten, von Schrecken gejagten, abgerissenen und verhungerten Menschen, unter die sich selbstverständlich auch Biele mischten, die zu Hause nichts zu verlieren, draußen, wie sie meinten. Alles zu gewinnen hatten, mit einer angehäuften Masse, in der sich Greise, Frauen, Kinder und selbst Säuglinge in großer Anzahl befanden. In der That ist die Energie und Ausdauer aller der Männer hoch anzuschlagen, und ihr Verdienst anzuerkennen, die sich mit dieser Angelegenheit beschäftigten und alle diese Schwierigkeiten überwanden, immerhin mit gutem Erfolge. Aber gerade darum richten sich unsre Blicke auf die Zukunft, und wir möchten die Aufmerksamkeit aller theilnehmenden Herzen nachdrücklich darauf hinleiten, diese Zukunft schon jetzt in Erwägung zu ziehen und nicht aus den Augen zu lassen. Wenn der Gedanke der Auswanderung in einer gedrückten und immerfort gefährdeten Masse einmal lebendig geworden, so schwindet er in ihr nicht wieder. Neben mancherlei ungünstigen Nachrichten dringen doch auch Berichte von den glücklichen Erfolgen zu ihr, welche Auswanderer erreicht haben und nicht selten, namentlich bei den Juden, bethätigen sich diese Erfolge in mehr oder weniger beträchtlichen Unterstützungen, welche die Auswanderer ihren Familiengliedern zukommen lassen. Fürwahr, den Juden ist die Anhänglichkeit an Heimath und Vaterland, ihre Neigung, an den Plätzen ihrer Ansiedelung zu verbleiben, nicht abzusprechen, und spät erst erscheinen sie, die doch Veranlassung zur Auswanderung übergenug hatten, in den Reihen der Emigranten. Nun aber hängt das Damoklesschwert in Rußland und Rumänien stets über ihren Häuptern. Was ein unglücklich gewählter Minister vermag, das hat Jngnatiew in reichstem Maße gezeigt. Vermochte Graf Tolstoi dem Feuerbrande ein Halt zu gebieten, so könnte ein neuer Jgnatiew ihn sehr bald wieder entzünden. Aber selbst abgesehen von so fürchterlichen Erscheinungen, wird in den genannten Ländern der Druck auf die wehrlosen Juden immer stärker. Die Maßregeln, die gegen sie getroffen werden, verschärfen und verbittern sich von Tag zu Tag, und daß hierdurch die unteren Beamten nur aufgemuntert werden, sie zu plagen und zu schinden, ist nur allzu sicher. Dabei berücksichtige man die große Zahl der Juden dort, und wie sie jetzt wieder in enge provinzielle nnd örtliche Grenzen hinein- und zusammengezwängt werden. Daß hier der Gedanke, an Auswanderung immer von Neuem erwachen, und bald wieder sehr lebendig werden wird, ist als gewiß vorauszusehen. Es erscheint uns daher sehr wünschenswerth, daß die Komittzs, bevor sie sich auflösen, namentlich die zu Berlin und New-Aork, in Verbindung mit den Vorständen der Allianzen in Paris, Wien und London, die Frage berathschlagten: welche Stellung zur Auswanderung in der Zukunft genommen, welche Hülfe derselben bereitet und gewährt werden soll? Wir meinen, daß hierbei zwei Gesichtspunkte ins Auge gefaßt werden möchten. Zuerst, daß, mit Ausnahme so außerordentlicher Veranlassung, wie die jüngste gewesen ist, weniger auf die Beförderung mittelloser, der Selbsthülfe ganz entblößter Personen, als solcher, die eigene Mittel besitzen, um ihre Auswanderung bewerkstelligen zu können, gesehen werden müsse. Wir denken hierbei an die zahllosen Menschen, welche alljährlich auf ihre eigene Faust auswandern, ohne daß ihnen von Hülfsgesellschaften eine Unterstützung gewährt wird. Ganz unbemittelte Leute aus ihrer Heimath in weit entfernte Länder, wo ihnen Sprache und Verhältnisse unbekannt sind, zu versetzen, ist sehr.mißlich und bei größeren Massen die Last unerschwinglich. Dahingegen auch der. mit einigen Mitteln versehene Auswanderer bedarf der Anleitung und der vorbereiteten Gelegenheit, um sicher ans Ziel zu gelangen. Zweitens, wäre es das Wichtigste, für die Auswanderer die Zielpunkte und die Gelegenheiten in größerem Maße vorzubereiten, als es bei den letzten Vorkommnissen hatte geschehen können. Nicht der Transport, sondern die angemessene Unterbringung ist die Hauptsache. Es muß eine ganze Reihe solcher Zielpunkte, und zwar in den verschiedensten Gegenden des Erdballs ausgewählt und vorbereitet sein. Selbst in Europa giebt es Länder, in welchen unsre Glaubensgenossen nur in geringer Zahl und an vielen Orten gar nicht vorhanden sind, und wo sie ungehindert Aufnahme finden würden. Desgleichen in Amerika und Australien, auch außerhalb der Vereinigten Staaten, des Orients nicht zu gedenken,- der immerhin noch Anfiedlungsstätten zu bieten hat. Alle diese Zielpunkte müßten festgestellt, die örtlichen Verhältnisse zur Kenntniß gebracht werden, um dahin zu dirigiren solche Auswanderer, die für die dortigen Verhältnisse angemessen sind, und womöglich müßten in solchen Gegenden vorbereitende Veranstaltungen getroffen werden, um wenigstens für den Anfang den Auswanderern eine Empfangsstätte und Anleitung bieten zu können. Man müßte die nächste Zeit benutzen, um nach allen Seiten hin durch Sendboten und Korrespondenz anzuknnpfen und so den Boden für zukünftige Auswanderer zu sichern. Vor Allem aber ist es nöthig, den russischen und rumänischen Juden deutlich zu machen, daß es an ihnen selbst ist, den Ihrigen in diesem Werke hülfreich zu sein. Es ist schmerzlich empfunden worden, daß in der jüngsten Zeit die begüterten und verschont gebliebenen russischen Juden sich um ihre unglücklichen Brüder gar nicht gekümmert und nichts für sie gethan haben. Allerdings war ihnen untersagt, Sammlungen zu veranstalten, aber Niemand war behindert, für sich selbst an die Hülfs-Komitös Beisteuern zu schicken und so die Theilnahme nachdrücklich ——iä&raZ.-stU üüäiääHÜ