Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1882)
- Date
- 1882-11-07
- Page
- Seite 731 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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731 'n■ i2j;, bet Gott zum Werkzeug für die ganze Menschheit diente , der bei all' seiner Schwäche doch in seinem Berufe beharrte, die schwersten Leiden ertrug und ausharrend zum Siege kam, weil die Idee, der es diente, nicht unterliegen konnte, sondern siegen mußte! Israel erschien ihm wie ein Ganzes, wie eine Person, die eine und dieselbe Bestimmung, eine und dieselbe Aufgabe, ein upd dasselbe Schicksal in schwerem Leid und glänzender Verherrlichung hätte, tief gebeugt und erniedrigt, und wieder hoch erhoben werde. Bevor wir für diese Auseinandersetzung einige Belege heranbringen, müssen wir folgende Bemerkung anfügen. Es wird sich uns aufdrängen, daß auf dem Boden dieser prophetischen Lehre die Anschauung erwachsen ist, welche das gegenwärtige Judenthum belebt. Seit Jesajas II feine Ansprachen an das verbannte Juda gehalten, sind mehr als 24 Jahrhunderte verflossen, und so liegt abermals ein gewaltiges Stück Geschichte hinter uns, eine Zeit der groß' artigsten Erscheinungen, der reichhaltigsten Entwickelung und zugleich der schwersten Kämpfe und Leiden für dasselbe Juda. Denn nach einem abermaligen nationalem Bestände von sechs Jahrhunderten trat die Aera völliger Zerstreuung, bald auch tiefster Erniedrigung und schwerster Bedrückung ein. Dem entsprechend, beharrte es in noch viel großartigerem Maßstabe mitten im Völkergewimmel, das über die Länder wogte, mitten in nieder- und aufsteigenden Staaten, im blutigsten Ringen der Nationen, beharrte es, sagen wir, in seinem Bestände und in seiner Religion. Endlich trat eine abermalige Wendung ein, und wahrend bis vor einem Jahrhundert die Juden unter den Völkern aus- und abgeschlossen, als gesonderte Körperschaften, 'für welche man eigene Gesetze, Beschränkungs- und Ausnahmegesetze, erfunden hatte, existirten, drang jetzt das Prinzip der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen in den civilisirten Staaten durch und macht sich selbst da geltend, wo es mit seinem Gegensatz noch zu kämpfen hat. Bon der einen Seite fielen dadurch die Schranken, welche die Juden von ihren Mitbürgern trennten, andererseits stellte sich die Forderung an sie auf, sich sowohl der allgemeinen Kultur als auch dem besonderen nationalen Leben der Völker, deren integrirende Glieder sie geworden, hinzugeben. Wir stehen hier in einer ähnlichen Situation, wie zur Zeit Jesajas II. Zwar für eine Rückkehr derGesammtmasse nach dem Lande der Väter ist keine mögliche Chance. Die Geschichte bringt Analogien, aber keine Wiederholungen. Dagegen gilt es abermals die Existenzfrage unter den neuen Lebensverhältnissen, wie damals beim Sturze der chaldäischen Herrschaft und dem Aufsteigen der.persischen Macht, welche den Völkern ganz andere Bedingungen vorschrieb als ihre Vorgänger , und diese Bedingung war für die Juden die Rückkehr nach Jerusalem. Blicken wir nun auf die Vergangenheit zurück, sv lehren uns die Thatsachen der Geschichte, daß es die Aufgabe und der Zweck des Bestandes der Juden gewesen, in ihrer. Absonderung und Ausschließung mitten durch die Zertrümmerung des Alterthums, durch die Völkerwanderung, durch die Neugestaltung der Nationen und Staaten, durch die. mittelalterliche und absolutistische Gesellschaft, wie mitten in den, vom Judenthume ausgegangenen, die Weltregionen beherrschenden religiösen Erscheinungen und deren kirchlichen Gestaltungen das Bekenntniß des Judenthums in der durch die Tradition geschaffenen Gestalt treu und unwandelbar zu erhalten. Dies war ihre Aufgabe, ihre Mission, ihr Zweck, und sie haben diesen mit einer beispiellosen Hingebung und Aufopferung gediente Mit der gründlichen Umgestaltung ihrer Verhältnisse, mit dem Eintritt in das nationale und allgemeine Kulturleben mußte sich diese Aufgabe modifiziren. Die Situation bildete sich analog dem Verhältniß Jesajas H zu Jesajas I Wie bei dem letzteren es sich um den Kampf der eigenen nationalen Existenz, bei Jesajas II um den Zusammenhang mit allen übrigen Nationen handelte, wie es bei Jesajas I galt, den Bestand des nationalen Staates durch die Belebung und Läuterung des religiös-sittlichen Lebens der Nation zu sichern, .bei Jesajas II aber das Dasein Israels durch die weltgeschichtliche Idee, durch die Mission Israels für die Gotteslehre, für die Gotteserkenntniß und die Herrschaft des Rechts innerhalb der ganzen Menschheit zu festigen: so auch das Verhalten des gegenwärtigen Judenthums zu dem mittelalterlichen. Gerade der Eintritt in das allgemeine und nationale Kulturleben, ohne daß die Juden aufhören Bekenner des Judenthums zu sein, erweist, daß es die Aufgabe und der Lebenszweck des Judenthums ist, gegenüber allen kirchlichen Erscheinungen, allen religiösen Gebilden der Nähe und Ferne (wie dem Bramanismus und Buddhismus) und den Philosophemen, den pantheistischen und monistischen, die reine Lehre des Monotheismus, der lauteren Gotteserkenntniß und des aus ihr fließenden Heiligungsgesetzes, d. i. der unwandelbaren ethischen und gesellschaftlichen Prinzipien zu lehren, zu bezeugen und unerschütterlich aufrecht zu erhalten. Indem die Juden integrirende Glieder der Nationen und Staaten geworden, ist auch das Judenthum aus seiner Begrenzung, in die man es hineingebannt, auf den allgemeinen Schauplatz des menschengeschlechtlichen Lebens getreten und hat hier seine ihm entsprechende Stelle als die älteste, ursprünglichste und konsequenteste Religion, als die Mutter und Lehrerin der bedeutendsten religiösen Erscheinungen eingenommen. Wer nur irgend unbefangen die Geschichte der Jahrtausende überblickt, dem kann dieses Lehramt des Jndenthums nicht zweifelhaft sein, da aus ihm die abend- und die morgenländische Weltreligion erstanden, da durch sie wesentliche Institutionen und Lehrvorschriften des Judenthums auf die weitesten Kreise der menschlichen Gesellschaft übergegangen und. die Grundschriften 45*