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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-11-07 · Heft 45 (7.11.1882) · p. Seite 730

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 45 (7.11.1882)
Date
1882-11-07
Page
Seite 730 (sequence 2)
Language
German
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nämlich, daß in Jesajas II der Begriff des Volkes Israel als V, -I2Z/ „Knecht des Ewigen" dreißig Male vorkommt,, während dieser Begriff und diese Bezeichnung in Jesajas I sammt dem geschichtlichen Anhänge nicht ein einziges Mal auftritt, sondern -ny Nur im gewöhnlichen Sinne, z. B. ,jwie der Knecht , so der Herr", oder „Knechte und Mägde" gebraucht wird, einmal „mein Knecht Jesajas" (20, 3.), und ein andermal „mein Knecht David" (37, 35.), also in ganz Persönlichem Sinne. Es ist klar, daß ein so charakteristisches Merkmal uns in ein ganz anderes Ideenreich einführt. Wir müssen uns noch einmal die geschichtlichen Verhältnisse vergegenwärtigen. Der ältere Jesajas lebte zu einer Zeit, wo das Reich JudG noch mit aller Kraft und bestem Erfolge seine Existenz vertheidigte, wo der König Hiskija die Philister geschlagen und die Einfälle der Assyrer zweimal siegreich zurückgewiesen hatte. Wenn auch-vor den Augen des Propheten das Zehnstämmereich zertrümmert und das abgefallene Israel nach fernen Landstrichen geführt worden, so war es immer noch eine Zeit, wo Jesajas weissagen konnte: „Das Errettete vom Hause Juda, das übrig geblieben, soll Wurzel schlagen nach unten und Früchte tragen nach oben; denn von Jerusalem gehet die Rettung aus und das Uebrigbleiben vom Berge Zion." (2 Kön. 10, 30.) Jesajas lebte in dem Bewußtsein, daß, falls das Volk in der Gotteslehre als seinem Lebenselemente, in sittlicher Reinheit und gesellschaftlicher Ordnung erstarke und sich darin begeistere, es unüberwindlich sein und einen kräftigen Bestand sich bewahren werde. Würde es jedoch im religiösen und sittlichen Verfall fortschreiten, so entginge es dem Sturze nicht, der aber nicht mit Untergang gleichbedeutend wäre, da die Unvergänglichkeit der Gotteslehre die einstige Wiederherstellung erfordere, mit welcher er das endliche Gottesreich verbunden und die er durch einen gottgesandten Mann ausgesührt sich dachte. Anders der Prophet im Exil. Er hatte ein weiteres großes Stück Geschichte hinter sich. Er sah, das Volk zerstreut, durch weite Länder in Abhängigkeit unter dem wechselnden Lose, das die fremden Herrscher ihm bereiteten. Viele Jahrzehente waren schon darüber hinweggegangen. Und dennoch, mitten in diesem Völkergewimmel verlor es sich nicht unter die -herrschenden Nationen, gab es, wenigstens zum Theil, seinen Glauben, sein Bewußtsein, seine Geschichte nicht auf, hob es sich auf den Wellen des stürmischen staatlichen Lebens immer wieder empor , wenn es eben tief gesunken war, von der Ungunst der herrschenden Partei getroffenlebte in ihm eine energische Geistesthätigkeit, wie Männer gleich Daniel, Ezechiel, Sadrach, Mesach und Abednego erweisen. Jetzt war es, wo der Sturz der chaldäischen Herrschaft vor dem kühn heranstürmenden Perserfürsten nahe und bei dem Wechsel der herrschenden Macht die Rückkehr; und Wiederherstellung Israels möglich schien. Alle diese, Beobachtungen mußten in dem gottbegeisterten Seher eine bestimmte und klare Anschauung der Dinge Hervorrufen. In seiner tiefgehenden Ueberzeugung von der Göttlichkeit der religiösen Idee, wie sie Israel übergeben war und trotz Allem in ihm die wechselnden Geschicke überlebt hatte, sah er Israel nicht mehr bloß als Träger dieser Idee und diese in den engen Kreis der Nation eingeschlossen an, sondern erkannte sie als bestimmt, alle Menschenvölker zw durchdringen und sie zur Anbetung des wahrhaftigen, einzigen Gottes , des Schöpfers der Himmel und der Erden, des Leiters aller Geschicke des Menschengeschlechtes zu führen. Ihm erschien nun Israel als das Werkzeug Gottes, durch welches dieses große Ziel der menschengeschlechtlichen Vereinigung in Gott bewirkt werden sollte. All' das Unheil, das Israel seines Abfalls und seiner Versündigung wegen getroffen, die Zertrümmerung seines ~ Reiches, die Zerstörung seiner Hauptstadt und seines Heiligthums, seine Verbannung, seine Knechtschaft, der schwere Druck, den es zu erleiden hatte, die Mißhandlung und Verachtung, die es erfuhr, alles dies mußte seine Rettung, seine Wiederherstellung', seine dereinstige Verherrlichung, in welcher der Prophet es in seiner Zukunft erblickte, nur um so wunderbarer machen, nur um so einziger in der Geschichte der Völker, nur um so klarer und offenkundiger als das unmittelbare Werk Gottes vor den Augen der Völker erscheinen lassen. Dies sah er daher als den Wendepunkt an in der Entwickelung der Menschheit. Diese Rettung, Aufrichtung, Verherrlichung des so verachteten, dem Untergänge, dem Verschwinden so nahen Völkchens, vollbracht ohne eigenen Kraftaufwand, ohne Macht und Kampf, allein das Werk Gottes, mußte, nach seiner Ansicht, den Völkern die Augen öffnen; dieses leuchtende Beispiel des göttlichen Willens und seiner Vollstreckung allen feindlichen Mächten gegenüber mußte sie zur Erkenntniß Gottes, zu dessen Anbetung, zum Anschluß an das wiederhergestellte und triumphirende Israel führen. Sie, die Nationen, mußten erkennen, daß alle diese, wunderbaren Vorgänge, die allen sonstigen Erscheinungen in der Menschenw.elt widersprachen, nur zu ihrem Heile, zu ihrer Belehrung,, zu ihrer Erhebung aus dem Pfuhle des Götzendienstes und der Unsittlichkeit, des Unrechts und der Gewaltthätigkeit geschehen seien; sie mußten einsehen, daß Israel ihnen zum Borbilde, zur Verwarnung, zur Belehrung dienen sollte, daß sie an ihm und durch dasselbe zur Erkenntniß und Läuterung kommen sollten; daß Israel für sie gestraft.worden, gelitten habe, und wieder aufgerichtet worden, damit sie, die Völker, die Wahrheit und das Recht kennen lernten, geheilt und zum höchsten Ziele geführt werden. So faßte der Prophet die religiöse Idee, ihre Geschichte und ihre Ziele auf, und so verband sich in seiner Vorstellung das Geschick seines Volkes!mit dem der Menschheit, die Wiederherstellung Israels mit , der Aufrichtung des Gottesreiches. So war ihm Israel

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