Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1882)
- Date
- 1882-10-31
- Page
- Seite 723 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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In Stuhlweißenburg fand am vorigen Samstag in der Wohnung des Obergespans unter Theilnahme der Intelligenz der Einwohner und der Vertreter der dortigen Presse in Angelegenheit der antisemitischen Bewegung eine Konferenz statt, welche nach dem in Stuhlweißenburg erscheinenden Blatte „Szabadsag" den Beschluß faßte: die Juden sind zu einer ähnlichen Konferenz einzuladen. Die Presse schreibt weder pro noch contra in leidenschaftlichem Tone, beharrt aber bei der objektiven Darstellung'der Thatsachen. Durch' die Tißa-Eßlarer Affaire werden ähnliche Geschichten von verschwundenen Christenmädchen wieder in Erinnerung gebracht. So schrieb man uns vor mehreren Monaten aus Hußt, daß vor ungefähr vierzig Jahren in Kantor Jansi ein achtjähriges Christenmädchen plötzlich verschollen sei. Auch damals. wollte man die Juden des Mordes anklagen, aber es fehlteein Onody oder Jstoczy. Nach etwa fünfzehn Jahren gab das Mädchen seinen Verwandten Nachricht über sein Schicksal von England aus: es war von durchziehenden Komödianten verlockt und entführt worden und kehrte nach vielen Jahren als Komödiantin zum Besuche seiner Eltern in die Heimath zurück. Ein charakteristisches Zeichen der Zeit ist, daß während die Antisemiten überall wühlen, Hr. Wilhelm Ritter von Gutmann, der hochgeachtete Gründer des philanthropischen Vereins in Wien, im niederösterreichifchen Landtag den Antrag in Betreff Einführung einer Armensteuer zur Bestreitung der Kosten -der Armenpflege einbrachte. Der Antrag wurde von allen Seiten mit Beifall begrüßt und wird der Landtag nicht umhin können, der verdienstvollen Anregung Gutmann's . zu entsprechen und eine Reform der Armenpflege durchzuführen. Pest, 17. Oktober. Im Tißa-Eßlarer Strafprozesse hat die Staatsanwaltschaft ihre Anträge bereits dem Gerichtshöfe übergeben. Der Staatsanwalt Havas verlangte, nach dem „Egyetertes", die Ergänzung der Untersuchung hinsichtlich zweier Punkte. Zunächst verlangt er einen beglaubigten Matrikel-Auszug über das Alter des Hauptzeugen Moritz Scharf, da dies von großer Bedeutung hinsichtlich der Aussage mnd Beeidigung dieses Zeugen ist; fernen wird die Ergänzung der Untersuchung verlangt hinsichtlich der Blutflecken, welche auf den Kleidern des bei Dada gefundenen Leichnams entdeckt würden. Diese Flecken wurden während der Untersuchung als Blutflecken angenommen, während der Landes- Chemiker Felletar in seinem Gutachten die Möglichkeit zugab, daß dies Leichenflecken seien, und daß sie nicht von jenem Leichname herrühren, der bei Dada von der Theiß an's Land gespült wurdesondern von jenem, welcher früher die angeblichen Kleider der Esther Solymossy getragen hat. Felletar erklärte zugleich , daß zur Feststellung dieser Thatsache nicht er, sondern der Gerichtsarzt von Nyiregyhaza berufen sei, weshalb der Staatsanwalt beantragt, daß die Kleider dem Gerichts-Arzte zur Untersuchung übergeben werden. Man erwartet, daß der Gerichtshof längstens binnen einer Woche über diese Anträge schlüssig wird. Sodann wird die Staatsanwaltschaft ihre meritorischen Anträge stellen. Wie „Hirado" mittheilt, verlangt der vom königl. Staatsanwalt Emerich Havas beim Nyireghazaer Gerichtshof eingereichte Antrag auch die Vernehmung der seit fünf Monaten verhafteten Angeklagten bezüglich des Gegenstandes der Klage selbst und die Enthaftung Amsel Vogels, gegen den blos Jankel Smilovics gravirend ausgesagt, wie auch der Mutter Moritz Scharfs und des Angeklagten Taub. Brünn, '20. Oktober. Der Statthalter hat neuerdings an die Bezirkshauptmannschaften einen Erlaß gerichtet, in welchem denselben eine scharfe Überwachung jedweder antisemitischen Bewegung zur Pflicht gemacht wird. Ein weiterer Erlaß des Statthalters lenkt die Aufmerksamkeit auf die Umtriebe der Socialisten, welche die antisemitische Bewegung in Ungarn erzeugen sollen, um für die socialistischen Bestrebungen unter den Arbeitern Propaganda zu machen. Krakau, 14. Oktober. Meldung der „Pol. Korr.": Der hiesige „Czas" — bekanntlich ein streng katholisches Blatt — enthält eine höchst interessante Kundgebung in der Tißa-Eßlarer Affaire; es wird nämlich in der heutigen Nummer des genannten Blattes der erste Theil einer sehr instruktiven ausführlichen Darstellung der ganzen Affaire sammt dem Plane der Gegend abgedruckt. Der Artikel, der wie der „Czas" versichert, aus der Feder eines ausgezeichneten österreichischen Publizisten stammt, bildet das Resultat eingehender Studien, und wurde dem Blatte zur Verfügung gestellt. Derselbe ist. mit größter Objektivität und Unparteilichkeit abgefaßt, und erklärt, daß das Verbrechen unter den bisher angenommenen Umständen absolut nicht verübt werden konnte, so daß die Schlußfolgerung, als ob der Talmud den Mord zu religiösen Zwecken befehle oder auch nur gestatte, umso illusorischer erscheine. Rußland. Petersburg, 16. Okt. In Nowosykkow im Gouvernement Tschernigow sind eine Reihe von Personen, welche in die Judenunruhen des verflossenen Frühjahrs verwickelt waren, zur Aburtheilung gekommen. Das Gericht erkannte über drei Angeklagte Gefängniß von acht Monaten, sieben andere kamen mit vier Monaten, acht mit zwei Monaten davon;, acht Angeschuldigte wurden freigesprochen. Moskau, 9. Oktober. Unter diesem Datum enthält die „K. Z." eine Corresspondenz über den schon wiederholt besprochenen Erlaß des Kriegsministers betreffend die Beschränkung jüdischer Aerzte im Militärdienst. Da die Corresspondenten des gedachten Blattes aus Petersburg und Moskau