Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1882)
- Date
- 1882-10-31
- Page
- Seite 722 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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722 - Gemeinde gehoben, in ihrer Mitte ein neues, prachtvolles Gotteshaus erbaut worden war, der Name Jellinek's von den Tausenden, die seine Predigten während der Messe hörten, mit Bewunderung genannt wurde und seine Schriften allseitige Anerkennung fanden, erhielt er den Ruf als Prediger nach Wien, wo er seit dem Tora Freudenfeste 1857 durch ein Vierteljahrhundert für seine Gemeinde und sein Volk so segensreich wirkt." Die Nr. 41 der „Neuzeit" bringt eine ausführliche Beschreibung der Feier, zählt die "vielen Deputationen des Wiener Vorstandes, der benachbarten Gemeinden, aller israelitischen Vereine und Gemeinderessorts auf, welche prachtvoll ausgestattete Adressen überreichten, während Ehrengeschenke und Blumenspenden von zahlreichen Verehrern anlangten. Telegramme und Zuschriften liefen in großer Anzahl ein, auch von Paris, Petersburg, Venedig, Berlin, Breslau,- Leipzig, Augsburg u. A. Es versteht sich von selbst, daß die bedeutendsten Männer des gegenwärtigen Judenthums in den anerkennendsten.Worten ihre Theilnahme und ihre Wünsche aussprachen. Möge der Gefeierte, der durch Wort, Schrift und That diese Anerkennung redlich verdient hat, noch lange Zeit seiner Wirksamkeit erhalten bleiben! — Der „Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien" hat seinen -21. Jahresbericht ausgegeben. Der Verein zählt 132 Mitglieder — eine Zahl, die für die große Gemeinde und die zahlreiche jüdische Bevölkerung Oesterreichs nur als eine sehr geringfügige bezeichnet werden kann — seine Einnahmen betrugen fl. 3483, und er war zu seinem großen Bedauern dadurch nur in den Stand gesetzt von 425 Gesuchen, 251 zu berücksichtigen. Von diesen waren nur 11 aus Wien, dagegen 87 aus Ungarn, 47 aus Mähren, 40 aus Galizien, 34 aus Böhmen u. s. w. Aus dem Auslande waren 2 aus Nordamerika, 1 aus Rußland. Man hat wohl also das Recht, die österreichischen Juden außerhalb Wiens für eine solche Gleichgültigkeit nachdrücklich zu rügen. Der Vorstand denkt daher daran, der bevorstehenden Generalversammlung Vorschläge zu machen, auf welchem Wege größere Mittel für den Verein zu beschaffen wären. Prag, 16. Oktober. (Privatmitth.) Schon seit langer Zeit befinden sich die Juden Böhmens und Mährens in keiner beneidenswerten Stellung, besonders in den Theilen des Landes, wo die czechische Bevölkerung die große Mehrheit bildet. Die czechische und die deutsche Partei stehen sich im schroffsten Gegensatz gegenüber, und die Czechen versuchen bald Ueberlegung, bald Drohung, um die Juden zu sich herüberzuziehen. Die Letzteren wissen aus ihrer Geschichte allzn sehr, welche Gewalt diejenigen gegen schwache und wehrlose Minoritäten ausüben, die, sei es durch Energie, sei es durch Anzahl und durch die Zuneigung der Regierenden die Macht in Händen haben. Die Exzesse, welche in der letzten Zeit in anderen Ländern und nun auch in Ungarn gegen , uns stattfanden, benutzen die Czechen in Böhmen und Mähren, um uns Schutz oder Verfolgung anzubieten, je nachdem wir uns ihnen anschließen'öder nicht. Jedermann weiß, daß die Czechen die Leute sind, ihre Drohungen auszuführen. Dies . macht unsere Lage prekär. Bekanntlich hat der neue Oberbürgermeister Czerny in einer Rede Prag für eine czechische ' Stadt erklärt und in Folge dessen traten die deutschen Stadtverordneten, darunter auch die jüdischen aus. Czerny nahm nun die Gelegenheit wahr, in einer Erklärung das Mißverständniß zu beklagen, das aus seiner Rede geflossen sei und gelobte noch einmal, die Angelegenheiten der Stadt mit größter Unparteilichkeit führen zu wollen. Deshalb erließen gestern die Stadtverordneten der Josephstadt, Dr. Bendiener, Dr. Popper und Zappert, eine Erklärung, dahin gehend, daß sie sich nunmehr durch die letzte Rede des Bürgermeisters beruhigt fühlen und jedes Mißverständniß beseitigt sei. Eine Kundmachung des Bürgermeisteramtes besagt ferner, daß eine an der Spitze der Vertretung der jüdischen Bevölkerung stehende Persönlichkeit dem Bürgermeister ihre vollste Anerkennung und Sympathie ausgedrückt habe, wobei der Bürgermeister aufs neue hervorhob, die Zukunft würde seine objektive Denkungsweise stets klarlegen. Prag, 16. Oktober. Dem „Pokrok" zufolge wurden gestern Nachts aufrührerische, judenfeindliche Plakate in den Straßen aufgefunden, trotzdem dieselben von der Polizei beseitigt wurden, sind doch viele in Circulation gesetzt. Pest, 16. Oktober. (Privatmitth.) Das Ungewitter ist vorübergezogen. Die hiesigen Blätter bringen nur noch Gerüchte, die am nächsten Tage als unbegründet bezeichnet werden, ja sogar aus manchem Orte über Festlichkeiten, bei welchen Christen und Juden sich brüderlich die Hayd reichten. Wo Versuche zu „antisemitischen Umtrieben" gemacht werden, tritt der Strafrichter alsbald energisch ein; die Hauptschuldigen sind dabei gewöhnlich Handwerkslehrlinge, hier und, da auch Frauen, deren Männer wohl glaubten/ daß man das schöne Geschlecht unbestraft lassen werde. Pest, 13. Oktober. (Privatmitth.) Noch vor der mehrwöchentlichen Vertagung des ungarischen Reichstages hat Victor Jstoczy eine schmähliche Niederlage erfahren. Jstoczy war nämlich Mitglied des volkswirtschaftlichen Ausschusses, wurde aber, da er aus der Regierungspartei ausgetreten, nicht wieder gewählt. Die Antisemiten, welche sich alle Mühe . gaben, ihn wieder in den Ausschuß zu bringen, machten hiermit kläglich Fiasko: er erhielt nicht einmal den dritten Theil der Stimmen, welche auf seinen Gegenkandidaten entfielen und dieser war — Wahrmann. Wie in früheren Sessionen wurde Wahrmann auch jetzt wieder zum Referenten im Finanzausschuß gewählt.