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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-31 · Heft 44 (31.10.1882) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 44 (31.10.1882)
Date
1882-10-31
Page
Seite 721 (sequence 9)
Language
German
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chenen Antisemiten Stöcker und v. Rauchhaupt als Kandidaten ausgetreten, und der crstere hatte seine vielbesprochene furiose Rede gehalten. Dennoch beträgt die Zahl der fortschrittlichen Wahlmänner zweimal so viel als die conservativen, und Stöcker und Rauchhaupt sind durchgefallen. Ihnen gegenüber ist die Wiederwahl Ludwig Löwe's und Straßmauns gesichert, und der Antisemitismus hat also' abermals hier, an seiner Ursprungsstätte, ein völliges Fiasco erlitten. In Altona ist die Wiederwahl Warburg's sicher. Soweit wir gehört Hallen, ist außer dem Dr. Stern in Frankfurt a. M. aus den Reihen der Juden kein neuer Kandidat um die Wahl in das Abgeordnetenhaus aufgetreten. Frankfurt a. M., 20. Oktober. (Privatmitth.) Der Antisemiten-Kongreß zu Dresden hat bekanntlich beschlossen, j einen allgemeinen Bund zu Stande zu bringen und zu diesem 'Zwecke an möglichst vielen Orten antisemitische Vereine zu gründen. Versuche hierzu mögen wohl schon gemacht-worden sein, aber über das Gelingen hat noch nichts verlautet. Am Dienstag Abend hat ein gewisser Steinhäuser eine desfallsige Versammlung im Nürnberger Hof abzuhalten versucht, ohne jedoch einen Erfolg zu erzielen. Dieser Mann trat nun auch in einer Wählerversammlung in Sachsenhausen auf, in welcher Dr. Josef Stern, Redakteur der „Frankfurter Zeitung" - seine Kandidatenrede hielt, und interpellirte diesen über die „Judenfrage". Dr. Stern antwortete ihm in längerer Rede, in der er Alles, was die Antisemiten, auch der sogen, gemäßigten Richtung wollten und thäten, als darauf hinauslaufend bezeichnet, die Gleichberechtigung zu zertrümmern und die Zeit der Vorrechte und Unrechte wieder einzuführen. Die Versammlung zollte ihm nach längerer Diskussion vollkommenen Beifall. Auch Sonnemann sprach, indem er sagte: „Er habe aus dem Adreßbuch ersehen, daß die Gründer des Antisemitenvereins meist importirte norddeutsche-Waare sei; /hier'habe die Frage keinen Boden. Wo die Juden seit langer Zeit gleichberechtigt sind, treiben sie die schwersten Arbeiten, in Holland z. B. seien die Hafenarbeiter fast nur Juden. Auch in Egypten habe er ganze Straßen voll von jüdischen Handwerkern getroffen. Wenn man übrigens von Wucherern spreche, so zweifle er nicht, daß es deren auch unter den Juden gebe. Wir müssen aber doch an Frankfurt denken. Er erinnere an die garstigen Wuchergeschichten bei der Hülfskasse, wo kein einziger Jude betheiligt gewesen. HabeJemand deshalb gesagt, die Christen seien alle Wucherer? (Beifall)". — Die Wahl der Wahlmänner ist so ausgefallen, daß die Wahl des Dr. Stern unzweifelhaft ist. Neu-Stettin, im Oktober. -Die traurigen Vorfälle in Pommern, welche im vorigen Jahre durch die Antisemiten in Scene gesetzt wurden, nahmen, wie mau sich erinnern wird, ihren Anfang in Neu.-Stettin, wo ein gewisser Luttosch angeblich durch zwei Juden angegriffen und gemißhandelt worden war; letzterer reizte darauf in seiner Wuth das Volk gegen die Juden auf. Gegenwärtig ist nun das in Folge dessen gegen die beiden Brüder.Cohn, die angeblichen Angreifer, wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitete Strafverfahren zu Ende gediehen, und zwar ist der eine der Brüder durch die Strafkammer in Stettin, der andere durch das Kriegsgericht in Stettin (weil er jetzt seiner Dienstpflicht genügt) abgeurtheilt. worden. In beiden Fällen ist Freisprechung erfolgt, da angenommen wurde, daß Luttosch der Angreifer war, dem gegenüber die Gebrüder Cohn sich im Zustande der Nothwehr befanden. Und darum jene traurigen Unruhen! (Tribüne.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 15. Oktober. (Privatmittheilung.) Es ist in dieser Zeitung wiederholt ausgesprochen worden, daß die Jubiläumsfeier einer auf unserem Gebiete hervorragenden Persönlichkeit, wenn sie die Teilnahme aus vielen und weiten Kreisen bethätigt, auch noch das besondere Moment enthält, daß sie den geistigen Zusammenhang unter den Bekennern des Judenthums konstatirt. Aus diesem Gesichtspunkte hat eine solche Feier noch eine besondere Bedeutung. Die freie Würdigung von Verdiensten, welche auf dem Boden des Idealen, der Gotteserkenntniß, der Humanität, der religiössittlichen Kultur erworben worden, thut dem Herzen wohl, stärkt die Ueberzeugung und feuert den Math des aufwachsenden"Geschlechtes an. Zu einer derartigen Feier gestaltete sich auch das 25jährige Prediger-Jubiläum des Dr. A. Jellinek, als am 6. ds. ein Vierteljahrhundert verflossen, daß er das Predigtamt in Wien übernommen. Ein „Gedenkblatt" von Dr. Joel Müller (Wien, Löwy, 1882) enthält eine kurze Biographie nebst einem Kataloge der literarischen Veröffentlichungen Jellineks, und wir entnehmen demselben folgende Skizze: „Jellinek wurde im Jahre 1821 in einem Dorfe bei Ung.-Brod in Mähren geboren, erhielt von seinem schlichten Vater und nach dem frühen Tode seiner Mutter von seiner frommen Großmutter die sorgfältigste Erziehung, zeichnete sich schon in der Schule aus, besuchte im Alter von 13 Jahren die rabbinische Akademie des R. Moses Wannefried in Proßnitz, widmete sich dann in Prag, während er als Erzieher in einem gebildeten Hause den nöthigsten Lebensbedarf erwarb, dem Studium des Gymnasiums und der neuen Sprachen, kam im Jahre 1842 nach Leipzig, bezog, da, nachdem er die Prüfung der Reife abgelegt hatte, die Universität, an welcher er orientalische, historische und philosophische Studien trieb. Während dieses vielseitigen Strebens behielt-er die rabbinischen Wissenschaften im Auge, durchdrang sie mit aller Schärfe seines tiefblickenden Geistes und betrat im Jahre 1845 die Kanzel der israelitischen Gemeinde in Leipzig. Nachdem durch seine Wirksamkeit diese

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