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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-31 · Heft 44 (31.10.1882) · p. Seite 720

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 44 (31.10.1882)
Date
1882-10-31
Page
Seite 720 (sequence 8)
Language
German
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720 Lungen, Maß-, Gewicht- und Münztabelle, Preise der Lebensmittel, Synagogen, gemeinnützige Gesellschaften, die jüdische Bevölkerung und ihre Beschäftigungen und viele andere nützliche und interessante Gegenstände werden darin abgehandelt. Hervorzuheben ist ein Artikel von Baurath C. Schick über die „Ausdehnung der Stadt Jerusalem und ihre Einwohnerzahl zur Zeit des zweiten Tempels." Der Vers, versucht die schwierige Frage auf verschiedene Weise zu lösen, und kommt zu dem Resultate, daß gegen die Zerstörung durch die Römer hin, Jerusalem noch einmal so groß wie gegenwärtig war, womit Josephus übereinstimmt, und eine stehende Einwohnerzahl von 250,000 Seelen hatte; während der Belagerung seien etwa 600,000 Menschen darin gewesen, wie auch Tacitus angiebt. Jerusalem ist übrigens im Wachsthum begriffen. Rach Luncz' Angaben besteht die jüdische Bevölkerung Jerusalems jetzt aus 13,920 Seelen, nämlich 7,260 Sephärdim (worunter 1,290 Moghrabim d. i. Nordasrikaner) und 6,660 Aschkenasim; letztere, die vor 68 Jahren nur erst 10 Familien zählten, stammen zum überaus größten Theile aus Rußland und Polen, dann auch aus Ungarn. Die Haltung des ganzen Werkes ist eine ruhige, besonnene; der Vers, bleibt bei der Schilderung der wirklichen.Zustände, ihrer Ursachen und Folgen stehen, und kritisirt nicht. Es wäre dringend zu wünschen, daß der Vers., der, an den Aügen leidend, jetzt in Wien weilt, ausgiebige Unterstützung fände, um sein Werk fortzuführen, das uns noch so viele Aufschlüsse verspricht. — Deutschland. Berlin, 16. Oktober. (Privatmitth.) Die Art, wie in den letzten Jahren die antisemitische Agitation hier betrieben wurde, trägt ihre Früchte, und brachte durch die Hetzer eine Unanständigkeit, eine Verrohung in die Oeffentlichkeit, die Grauen erregt. Die „Weser-Zeitung" schreibt hierüber: „In einem auswärtigen Blatte wird sehr drastische und lebhafte Klage geführt über die Verrohung des hiesigen politischen Lebens. Leider ist die Beschwerde nicht unbegründet. Im Lande hat man noch kaum eine Ahnung davon, wie traurig es damit steht, denn die Berichte der Zeitungen geben nur, einen sehr schwachen Begriff von dem Uebel. Manche antisemitischen und reaktionären Demagogen gebrauchen Worte von den liberalen Parteien, die schwarz auf weiß nicht einmal anzudeuten, geschweige denn zu drucken sind. Vor einiger Zeit hörte ich einen dieser Agitatoren, einen ehemaligen Gardelieutenant, Gymnasiallehrer und Kunsthistoriker, also einen Mann sprechen, welcher doch wenigstens einmal mit den Formen der guten Gesellschaft bekannt gewesen ist, und ich nahm mir die Mühe, seine Kraftausdrücke zu notiren und gelegentlich auf der königlichen Bibliothek nachzuschlagen, ob im „Pöre Du.chesne", den Vermeisch 1871 während der Commune veröffentlichte, um selbst von den Communards verleugnet zu werden, wirklich etwas gleich Widerwärtiges stände. Nun, in der Sache wohl, aber der Deutsche übertraf den Franzosen noch in der unsauberen Zotenhaftigkeit der Form. Eine derartige Gegenüberstellung zu veröffentlichen, ist leider völlig unmöglich. Unter vier Augen sprechen anständige Coyservative über den schmutzigen Unfug ebenso empört, wie Liberale es nur immer thun können, aber öffentlich wägen sie ihn doch nicht zu brandmarken. Mochte man im vorigen Jahre dem überhitzten Wahlkampfe Manches zu Gute Hallen, in diesem Jahre ist von konservativer Seite dies häßliche Treiben in muthwilligster Weise vom Zaun gebrochen worden. Der hiesige Wahlkampf verlief diesmal in leidlich anständigen Formen — bis zu der bekannten Schimpf- und Schmährede Stösker's in voriger Woche, auf welche durch die Gegenwart des Ministers des Innern ja weit über unser Weichbild hinaus die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt wurde. Welche Früchte aus solcher Saat emporsprießen, wird die Reaction ja bald genug zu ihrem Schrecken besehen; wenn es nur nicht die deutsche Hauptstadt wäre, welche zum Schauplatze solchen Hexensabbaths werden konnte!" — Gestern fand die Rektoratsübergabe in der Aula der hiesigen Universität statt. Zum neuen Rektor ist der berühmte Naturforscher Prof, du Bois-Reymond gewählt, der ja auch seinen Namen allen Demonstrationen gegen den Antisemitismus hinzugefügt hat. Er spracht über das B'erhältniß Göthes zur Naturforschung, und daß die Anschauung Göthes der Physik geradezu ^widersprach. Der Redner nahm hierbei Gelegenheit zu betonen, die Studirenden müßten? den „Parteiungen des Tages fern bleiben", ferner: „wir müßten uns, bei Bespöttelung des Hexenwesens, vor-Ueberhebung hüteu, Angesichts der „spiritistischen Gaukeleien", wie sie in Amerika, England und — Leipzig aufgetreten seien, und Angesichts der neuen Raffen- und Glaubenskämpfe, welche sich von „mittelalterlichen Judenverfolgungen" nicht unterschieden." Berlin, 20. Oktober. (Privatmitth.) Die Wahl der Wahlmänner für das preußische Abgeordnetenhaus hat in Berlin zum Ergebniß gehabt, daß in sämmtlichen Wahlbezirken die. Fortschrittspartei mit großen Mehrheiten gesiegt hat. Am ehesten fürchtete man für den ersten Wahlbezirk/ das sogen. Geheimraths-Viertel. Hier waren die ausgespro-

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