Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-31 · Heft 44 (31.10.1882) · p. Seite 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 44 (31.10.1882)
Date
1882-10-31
Page
Seite 716 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227438--40306-3257937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

716 Vas Ungarische Abgeordnetenhaus, n. Ludwig Csernatony: Es ist bekannt, daß in der sogenannten Tißa-Eßlarer Affaire die Angeklagten noch heutzutage nicht wissen, wessen sie angeklagt sind. Man ließ sie zu Haus einkerkern und Einige verlangen, daß noch mehr Leute eingekerkert werden, damit die Sache sich möglichst lange hinziehe. Denn mit dieser Angelegenheit haben gewisse Faktoren sich identifizirt und indem sie sich hineinreiten ließen in eine — um Vergebung für das Wort — in eine Dummheit ... (Heiterkeit rechts; großer Lärm auf der äußersten Linken. Rufe: zur Ordnung! Hört den Präsidenten!) Warum denn zur Ordnung? (Lärm auf der äußersten Linken und Rufe: Zur Ordnung! Hört den Präsidenten!) Redner fährt nun fort: Ich bin überzeugt, daß diese ganze ungesunde, für unsere Nation traurige, für alle unsere. Interessen schädliche Bewegung, welche von einigen Menschen eingeleitet wurde und von einigen Anderen, die sich angeschlossen, weitergeführt wird, binnen Kurzem durch den gesunden Hauch der nationalen Gesinnung hinweg geblasen werden wird, und daß auch Jene nur mit Scham daran denken werden, die sie jetzt unterstützen. (Zustimmung rechts; großer und lang andauernder Lärm und Widerspruch auf der äußersten Linken.) L. Csernatony: Geehrtes Haus! Es ist also bekannt, daß in dieser Tißa-Eßlarer Affaire, von Anbeginn her die Aufregung der Leidenschaften angestrebt wurde und daß die Angelegenheit, aus welchem Grunde immer und obwohl nur ein einfaches Verschwinden vorliegt, mit einer anderen, mit der sogenannten Antisemiten-Frage in Zusammenhang gebracht wurde; und da nun die eine, die weiter ausgedehnte Frage in dieser Tißa-Eßlarer Affaire eine Stütze fand, so gingen die Bestrebungen immer mehr und mehr dahin, das Gefühl des Volkes — ein sehr erklärliches Gefühl, da man das Volk glauben machte, es liege in der That ein ritueller Mord vor — aufzuregen, zu verbittern,, zum Ausbruch zu treiben. In Folge dessen und in diesem Zusammenhänge behauptete Jedermann, der .vom Schauplatze der Sache zurückkam und überhaupt jeder unbefangene, weder pro noch contra voreingenommene, jeder nüchterne und gewissenhafte Mensch, daß dort eine Art von Terrorismus geübt werde gegen Jeden, der es nicht als erwiesene Thatsache hinnehmen will, daß ein ritueller Mord geschehen sei. Das ist Thatsache. ünd wen immer man dort hinschicken würde, wenn das Haus einen unbefangenen, keiner der beiden Richtungen ungehörigen Mann dahin senden würde,, so würde er finden, daß dort noch immer das Bestreben herrscht, Jedermann zu terrorisiren, der sich jener gewissen Strömung nicht anfchließen, oder deren Diktate nicht acceptiren will. Dies ist die Ursache, daß nun schon das dritte Organ der Staatsanwaltschaft dort fungirt, die Verdächtigung aber fortbetrieben und der Mord, hier im Hause als erwiesene Thatsache dargestellt wird. Auch der Herr Abgeordnete Onody hat die Sache in seiner heutigen Rede als ganz unbezweifelbar dargestellt und gesagt, die Anklage sei richtig und man suche falsche Entlastungszeugen aufzustellen. Wo solche Empfindungen maßgebend sind und ein so entsetzlicher Fall als erwiesene, unanzweifelbare Thatsache dem Volke hingestellt wird, welches sieht, daß ein Mädchen verschwunden ist und nicht weiß, was mit demselben geschehen wird; wenn man da dem Volke sagt, es sei gar kein Zweifel möglich, diese und diese hätten das Mädchen er-, schlagen und zwar nicht weil sie eben Bösewichter sind, sondern weil ihre Religion das gebietet, so ist das ein so entsetzliches Vorgehen, daß sich darob das Gewissen jedes guten Menschen empören muß und man beginnt schier zu zweifeln, ob wir denn wirklich alle jene großen Errungenschaften durchgemacht haben, die mit dem Begriffe der Zivilisation Zusammenhängen? B. Jstoczy (ruft dazwischen): Wir haben sie durchgemacht, die Juden aber nicht) \ L. Csernatony: Der Herv Abgeordnete wird Gelegenheit haben, ein anderesmal zu antworten. V. Jstoczy: Ich behalte es mir vor. L. Csernatony: Ich ebenfalls. Wenn man diese Interpretation hört: „Ja, die Freiheit ist nothwendig, aber nicht für die Juden; wir sind Freunde der Brüderlichkeit, aber mit Ausschluß der Juden" — so glaubt man, nicht in diesem Jahrhundert zu leben. Schon am Schluß der vorigen Session haben die Herren Abgeordneten Jranyi und Somssich ihrer Entrüstung darüber Ausdruck gegeben, was geschieht. Dies genügt dafür, daß keine einzige Partei mit dem Vorgehen gewisser Leute identifizirt werde. (Zustimmung auf der äußersten Linken.) Darum sagte , ich vorhin, ich sei überzeugt, daß Dasjenige, was mit jener großen politischen Wendung, die wir die französische Revolution nennen, im Widerspruch steht und mit ihren großen Prinzipien, was im Widerspruch steht mit den Errungenschaften der Wissenschaft und der heutigen Kultur, daß Alldies nicht lange bestehen, die öffentliche, Meinung nicht lange dominiren kann. Eine gesunde Strömung wird es hinwegfegen, als ob es nie gewesen wäre, und dann werden entweder Diejenigen lachen, welche vorausgesagt haben, daß es so sein werde, oder Diejenigen.werden sich schämen, welche in diese Bewegung hineingegangen. Ich sage nicht, daß sie. nicht dons. Läo hineingegangen; aber der Mann in Kotzebue's „ Rehbock" glaubte ja ebenfalls "bona fide , daß er aus Glas sei. Also möglich, daß sie ' - '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.