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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-31 · Heft 44 (31.10.1882) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 44 (31.10.1882)
Date
1882-10-31
Page
Seite 715 (sequence 3)
Language
German
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■ - ' ' 715 . ' tismus gegen die Juden nicht vorhanden, da sonst die bereits weithin verbreitete Seuche auf den Befehl und das erste kräftige Einschreiten der Staatsautorität nicht so schnell und nicht so vollständig stille gestanden und sich verloren hatte. Jene Lust am Tumultuiren, Zerstören und Davonschleppen liegt der Volksmasse an der Oberfläche zwar, aber nicht in der Tiefe, und ist gewohnt, auf obrigkeitlichen Befehl sich einzuschränken und hintenanzuhalten. Anders ist es mit einer wirklichen aufflammenden Volkswuth, mit einem tiefgehenden Hasse, der die Schranken durchbricht und sich nur schwer bändigen und in das Bett der Ordnung zurückbringen läßt. — Nicht minder bezeugt der Verlauf, wenn wir eine Anzahl russischer Greuelscenen ausnehmen, daß die Excesse gegen das Eigenthum und die Ruhe der Juden, nicht aber gegen ihr Leben gerichtet -war. Der russische Pöbel, der an Knuten und Bastonnaden gewöhnt ist, blieb allerdings nicht immer bei der Achtung vor der Person stehen. Aber zu einer mittelalterlichen Metzelei gelangte auch er nicht; bei den jüngsten Aufläufen in Ungarn kamen nur wenige, in Pommern und Preußen gar keine persönlichen Mißhandlungen vor. Um so greller freilich und bezeichnender tritt uns die Zerstörungs- und Raublust entgegen, die sich im Zertrümmern der Häuser, der Mobilien und alles dessen kundgab, was sich nicht schnell genug fortschleppen ließ. Man wollte die Juden ihres Eigenthums berauben, sie arm und zu Bettlern machen. Es ist zu bemerken, daß nur in sehr wenigen Fällen die reichen Juden und die größere Etablissements besitzen angegriffen wurden, die Masse sich vielmehr nur gegen dieHäuser der mittleren und geringeren Klasse wandte, die sie ihrem eigenen Proletariat zugesellen wollte. Ob dabei die Menge an eine Vertreibung der Juden aus dem Orte dachte, ist sehr zweifelhaft. Wo dergleichen Austreibungen in Rußland vorkamen, hat man in Städten und Dörfern die Entfernung der Juden zum eigenen Schaden sehr bald empfunden und bedauert. — Endlich muß sich das Urtheil dahin bilden, daß bei diesen Excessen eigentliche revolutionäre Motive nicht zum Vorschein kommen. Allerdings sind diese in den Agitatoren vorhanden, welche eine Veränderung in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung beabsichtigen und durch-ihre-Wühlereien zu erwirken hoffen. In Preußen haben die meisten dieser Agitatoren zugleich sozial-politische Tendenzen angekündigt, Stöcker an ihrer Spitze, Tendenzen, welche bei ihrer Ausführung die ganze Gestalt des gesellschaftlichen Lebens umwälzen würden. Politische Zwecke verfolgte sicherlich Jgnatiew bei seinen Judenverfolgungen und nicht umsonst bot die „äußerste Linke" in Ungarn den Antisemiten ihren Schutz und ihre Förderung, wie die Conservätiven in Preußen. Hier ist also das revolutionäre Element bei diesen Vorgängen aufzusuchen: bei der Mengewar davon keine Spur. In Rußland war dem Volke der Glaube beigebracht, die Judenhetze geschehe nach einem Ukas des Czaren, in Preußen, die Regierung sei den Antisemiten zugeneigt'. Vergebens suchte man auch jene Excesse auf sozialistische und nihilistische Quellen zurückzuführen. Der Nachweis ist bis jetzt in exacter Weise nirgends gelungen, wenn' auch immerhin die russischen Nihilisten diese Vorgänge gern gesehen haben mögen. In Preußen bemühten sich sogar die Agitatoren, durch sozialistische Redensarten und Verheißungen die Sozialisten auf ihre Seite zu ziehen, doch es gelang ihnen nicht, sie fanden vielmehr in ihnen entschiedene Gegner. Ueberschauen wir dieses.Resultat, so entspricht es allerdings weder den Voraussetzungen, noch den Absichten und Zielen des Antisemitismus. Die Anhänger des letzteren setzten im Volke ein so massenhaftes Vorurtheil und einen so lebendigen Haß gegen die Juden voraus, daß sie einen ungeheuren Zündstoff vor sich zu haben glaubten, bei welchem nichts weiter nöthig wäre, als einen starken Funken oder einen brennenden Scheit hineinzuwerfen. Sie wollten daher mit ihren Hetzreden und Brandschriften einen allgemeinen Volksbrand entzünden. Sie beabsichtigten dadurch diejenigen, welche noch einen Begriff von Gerechtigkeit und Humanität hätten, zum Sillschweigen zu zwingen; sie hofften sich die Stimmen des Volkes bei den Wahlen so zu verschaffen, daß Gesetzgebung und Verwaltung fortan in ihren Händen läge. Jedoch ihre Voraussetzung war falsch; der Brand, den sie entzündeten, war nur örtlich, nur bei einer gewissen Volksklaffe" und erlosch schnell wieder vor der ersten tüchtigen Brandspritze. Da schlugen denn auch ihre Absichten fehl und ihr Ziel erreichten sie nicht. Die edelsten und bedeutendsten Männer erhoben ihre Stimme wider sie; die von ihnen angeregten Vorgänge flößten Abscheu und Ekel ein; das Volk im großen Ganzen wandte sich von ihnen ab, und bei den Wahlen machten sie Fiasco. In Rußland lagen die Dinge anders; die Rolle des Mahners fiel hier der übrigen civilisirten Welt zu; aber schließlich konnte es doch bei solchen Zuständen nicht verbleiben, und Jgnatiew fiel, nachdem er von seiner eigenen Partei, den Panslavisten, verlassen war. — Demungeachtet dürfen wir uns nicht verhehlen, daß aus diesen Vorgängen - sich doch die Beobachtung aufdrängt, daß ein großer Theil des Volkes noch immer bereit ist, die Juden als ein besonderes, fast als ein fremdes Element anzusehen; daß die Anschauung, das Glaubensbekennt' niß und die Beschäftigung hätten auf die Stellung und Berechtigung in der Gesellschaft keinen Einfluß,- sondern es komme nur auf die Gesetzmäßigkeit, die Gewissenhaftigkeit und die Pflichttreue jedes Einzelnen an, noch lange nicht die Geister in ihrer Mehrheit beherrscht; daß es deshalb noch eines langen und unablässigen Strebens bedürfen werde, um Vorgänge unmöglich zu machen, wie wir sie eben erlebt haben.

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