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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-31 · Heft 44 (31.10.1882) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 44 (31.10.1882)
Date
1882-10-31
Page
Seite 714 (sequence 2)
Language
German
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land Md jüngst in Ungarn stattgefunden, werfen, um das Charakteristische zu erkennen, das denselben einwohnt. Dies besteht eben darin, daß sich an ihnen allen Gemeinsames kundgiebt. Sehen wir zunächst auf den Ausgang derselben, so fällt es uns auf, daß in allen diesen Ländern diese Excesse, mitten in ihrem Tosen, sofort ein Ende nahmen, sobald die betr. Regierungen sich entschieden gegen sie erklärten und Ernst machten mit der Anwendung der staatlichen Macht und des Strafrichters. Ein Erlaß des Oberpräsidenten und des Ministers des Innern genügten in Pommern und Preußen die Ruhe wieder herzustellen, und zwar in dem Augenblicke, wo die Excesse in Schievelbein zu einer, Eigenthum und Leben bedrohenden Höhe angewachsen waren; in Rußland brachte die Entlassung Jgnatiews und die ernsten Befehle des neuen Ministers des Jnnnern, des Grafen Tolstoi eine solche Wirkung hervor, daß die grauenhaften Mißhandlungen der Juden in Städten und Dörfern und selbst die Brandstiftungen aushörten und eben nur noch hie und da ein kleines, schnell unterdrücktes Nachspiel fanden. Im Preßburger Komitat hat das energische Einschreiten des Regierungs-Kommissars und die Bedrohung mit dem Standrecht dem Aufstand ein gebieterisches Halt! zugerufen. Wir sehen also hierin dieselbe Wirkung auf dasselbe Vorgehen Seitens der Regierungen. Es entspann sich nirgends ein längerer Kampf zwischen der Regierungsgewalt und den excedirenden Pöbelhaufen; es fand kein, weiteres Lsufbäu.men des Volkes gegen die gesellschaftliche Ordnung, gegen die staatliche Autorität statt. — Nächst diesem Ausgang interessirt uns das Entstehen dieser Hetzen und auch hier gewahren wir eine vollständige Gleichheit. Aller Orten gingen jahrelang Aufhetzungen in Zeitungen, Versammlungen, durch Flugblätter, Schmähschriften des scheußlichsten Inhalts, der greulichsten Lügen und Verleumdungen voran; eine ganze Fluth antisemitischer Literatur ergoß sich durch die gebildete Welt und von Plakaten, Karrikaturen und Brandschrifteil unter das Volk. Dann stellten sich Agitatoren, demagogische Aufhetzer, bald aus der konservativen, bald aus der radikalen Partei ein, welche das Volk haranguirten, in Schnaps- und Weinläden erhitzten und Geld austheilten, wenn auch dies in geringem Maße. Erst dann, wenn durch lange Vorbereitung, durch Schrift, Wort und Beispiel die unteren Klassen aufgehetzt, ihnen die Billigung seitens der Regierungen insinuirt, in Rußland z. B. ein geheimer kaiserlicher Ukas vorgespiegelt, Straflosigkeit verheißen und gute Beute in Aussicht gestellt worden, brachen die Excesse los. Alles dies ist durch Thatsachen allseits erwiesen. Man sah überall Personen aus den sogen, feineren Klassen die Rolle der ersten Führer, Leiter und Ordner spielen, bis der Pöbel in gehörige Bewegung gesetzt war und seiner Zerstörungs-, Plünderungs¬ und Mißhandlungswuth überlassen werden konnte. Aber ebenso gleichen sich diese Excesse, so verschieden auch der Boden war, auf welchem sie sich abspielten, in ihrem Verlaufe. Ein kleinerer Pöbelhaufen schritt vor, begann zu lärmen, zu schimpfen und zu fluchen; ein größerer Haufe sammelte sich darum; die Neugierigen vermehrten die Exeedenten und wurden zu solchen; man warf die Fenster ein, bombardirte Läden und Thüren, drang in die Häuser, schleppte fort, was sich rauben ließ, zerstörte das Uebrige, ließ die Personen unangetastet, wenn sie sich nicht widersetzten, verhöhnte und schlug sie, steckte hier und da in Brand und in Rußland wüthete die Bestie weiter und vollbrachte Mord und Schändung; war es doch auch hier, wo die Regierungsorgane seihst zahllose Juden aus ihren Heimstätten vertrieben. Wo diese Excesse stattgefunden, läßt sich Nachweisen, daß bte _ Sicherheitsbehörden mit geringer Ausnahme ihre Schuldigkeit nicht thaten oder, weil zu schwach, nicht thun konnten, daß aber, sobald dieselben mit genügender Energie und Machtmitteln austraten, die Pöbelhaufen schnell zerstreut wurden. An vielen Orten waren die Aufstände gegen die Juden so lange und so offenbar vorbereitet, daß die Connivenz vieler Ortsbehörden für die Exeedenten gar nicht zu leugnen ist. Wir können behaupten, daß diese Angaben sämmtlich richtig sind und vor jeder unparteiischen Prüfung vollständig bestehen werden. Aus dieser Gleichartigkeit haben wir nun die Folgerungen zu ziehen. Zuerst, daß die neuerlichen Excesse gegen die Juden nirgends spontan aus dem Volke hervorgegangen, sondern erst aus langen teuflischen Hetzereien, Vorspiegelungen und Vorbereitungen. Man hat sie dem Volke mundgerecht gemacht, als leichte, genießbare Speise vorgesetzt, nach der es nur die Hand auszustrecken braucht, und für die es noch Lohn in Empfang zu nehmen habe.. Aller Orten fand sich eine Anzahl Agitatoren ein, von denen die geringste Zahl -überzeugte Judenfeinde, die Meisten solche waren, die ein Geschäft damit trieben, einen Zweck verfolgten. Diese traf nun zunächst williges Ohr und Hülfe innerhalb einer gewissen Schicht der Bürger, in der. nämlich der Konkurrenzneid, die Mißgunst aus scheinbare oder vermeintliche Erfolge von Juden und derartige niedere Leidenschaften lebendig waren. Und diese nun im Verein — Bürgermeister, Sekretaire, Polizeibeamte u. _s. w. gehörten mit zu ihnen — schürten die Pöbelmasse zu ihren Ausschreitungen , Lehrlinge, Handwerksgesellen, Bauerlümmel, Tagelöhner, Alle, die Freude haben am Tumultuiren, Schabernack treiben, am Zerstören und Plündern, bei günstiger Gelegenheit Etwas wegzuschleppen, sich als Beute anzueignen, an Hauen und Mißhandeln. Deren giebt es überall und zu allen Zeiten, gegen Jedermann und für alle Gelegenheiten die große Menge. -r- Ganz analog erweist aber auch das Ende der Excesse, wie wir.es oben gekennzeichnet, daß ein wirklicher Haß des Volkes, eine Bolkswuth, ein Fana-

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