Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1882)
- Date
- 1882-10-24
- Page
- Seite 709 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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709 Jeuille ton. Nachum-Isch-Cam-su. Aus dem „Rußki Jewrej", übersetzt von H. Mendelsohn. (Fortsetzung.) RaLbi Nachum hielt inne und senkte sein Haupt. Als ich meinen Blick auf ihn richtete, wurde ich tief verstimmt. Er war nicht mehr wieder zu erkennen: das sanfte Lächeln war geschwunden, anstatt dessen nahm sein Gesicht den Ausdruck brennenden Schmerzes an, den er vergebens Zu verbergen suchte. Die Wunden seiner Brust waren gewiß schmerzhafter, als er vorgab. Nachdem er endlich mit großer Kraft sich beherrscht hatte, erhob er stolz sein edles Greisenhaupt, und — seinen Blick forschend in die Ferne gerichtet — flüsterte er sein gewohntes: Gam su, gam su letowa!" Ich unterbrach das Schweigen, und an die letzte Phrase anknüpfend, sagte ich: „Ja,. Rabbi, gar Viele werden untergehen müssen, sehr Viele; zudem spricht man von noch weiteren, noch größeren Beschränkungen der erlaubten Erwerbszweige. Habt Ihr, Rabbi, daran gedacht, wie viele tausende Menschen eines schönen Tages plötzlich brodlos sein werden? Bis die Händler Ackerbauer werden, bis dahin — wird ein großer Theil dem Hunger, dem Typhus und anderem Elend als sicheres Opfer anheimfallen. Was werdet Ihr dazu sagen, Rabbi?" „Ich sage", erwiederte der Greis: „Gam su letowa!" „Wie? Hunderttausende sterben eines qualvollen Hungertodes und Ihr, Rabbi, sagt: Gam su letowa?!" „Sie werden nicht sterben", setzte der Greis fast versichernd hinzu, „sondern irgend wie zu einer anderen Existenz greifen. Wenn auch sehr viele darunter leiden werden, — was läßt sich da machen? — Mr Kinder der Gegenwart, Söhne des heutigen Geschlechts, Ihr könnt Euch natürlich damit nicht versöhnen. .... Sei gewiß,, mein Sohn, mir ist das Geschick eines jeden einzelnen, wie das meines ganzen Volkes, hoch und theuer . . . Wie würde es mich freuen, ja innig freuen, wenn z. B. dem schändlichen Wuchergeschäft kein einziger Jude mehr seine Hand bieten möchte; denn dieses'Gewerbe ist ein Schandfleck für jeden, der sich damit befaßt.Ja es muß, es wird anders werden! Den Verhältnissen sich leicht zu accommodiren, dazu haben viele Jahrhunderte den Juden fähig gemacht; und wenn viele von ihnen gleich mir, statt des geraubten Goldes „Erde" bekommen werden, daun, werden sie sicher und freudig meinem Wahlspruche, „Gam su letowa" beipflichten. Gelingt es ihnen nicht hier, so wird es ihnen anderswo gelingen, den rechten Boden Zur Bearbeitung zu finden. Thut nichts, die' Veränderung des Klimas ist zuweilen auch ein sehr gutes Heilmittel, für den Einzelnen, wie für die ganze Masse." — „Man sollte glauben", erwiederte ich scherzend, „daß unsere Feinde nur daran denken, uns zu bessern, nur darum sich bemühen, uns ideal sittlich zu machen!" „Zum Theil, mein Sohn, ist das auch wahr. Gebe Gott, daß es ihnen gelinge! — Sie haben uns gewaltsam Laster eingeimpft, sie impfen uns gewaltsam auch Tugend ein. Unsere Wanderung unter den Völkern ist eine Schule von ununterbrochenen Prüfungen, eine Schule, aus der wir, wie aus allen Schulen des Alterthums, mit dem Guten auch manches nicht Gute mitgenommen Habens und wir werden noch lange wandern, vieles noch lernen und vieles verlernen müssen! Nicht umsonst sagt der Prophet: Und Könige werden Deine Erzieher sein. — Was wir nicht gutwillig lernen wollen, werden wir gezwungen lernen müssen. Mußte nicht die Masie unseres Volkes gewaltsam aus dem Wahne der Unwissenheit gerissen werden, in welchem sie bis vor Kurzem versunken war? Wurde ihr nicht die Liebe zur allgemeinen Aufklärung, zur europäischen Bildung gewaltsam eingeimpft? Und wahrlich — die Bildung ist eine Kraft, die unserem Volke in mancher schweren Stunde noch zustatten kommen wird." — „Nur gemach, Rabbi, jetzt fehlt es dem russischen Juden an jeglicher Ermunterung zur Bildung und Aufklärung, im Gegentheil, man hat für alle, die sich die Landessprache und wolksthümlich russische Bildung aneignen wollen, ein neues Hepp, Hepp erdacht; anstatt dessen, daß sich die ersten Russen über die angestrebte Russificirung der Juden freuen sollten, sind sie jetzt dahin bemüht, die nationalen Eigenheiten der Juden in ihrer ursprünglichen Form wieder herzustellen: man will das Melamedwesen in seiner ganzen Erquicklichkeit wieder restauriren und sucht fast eine specielle Verfolgung der gebildeten Juden in Seene zu setzen." — „Gam su letowa! Denn jemehr man den Juden der Bildung fern zu halten suchen wird, desto inniger wird er darnach streben. Es war nur schwer, sie für dieselbe zu begeistern; jetzt aber sie von der europäischen Bildung zu verdrängen, — ist zu spät, ist vergebens. Schon Moses nannte sie ein hartnäckiges Volk: Wenn man die Bildung für sie zur verbotenen Frucht macht, wenn ihrem Streben darnach Hindernisse in den Weg gelegt werden, so wird man dadurch ihre Liebe zur Wissenschaft nur noch mehr entflammen. So war es auch mit ihrer Religion. Die Juden sind zum Theil auch deshalb ihrer Religion so ganz hingegeben, weil sie in der alten Zeit um dieselbe so viel zu leiden hatten." „In der alten Zeit, sagt Ihr? — Haben denn jetzt die Angriffe auf die jüdische Religion aufgehört? Erheben sich nicht auch jetzt Stimmen gegen diese Religion, die man