Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1882)
- Date
- 1882-10-24
- Page
- Seite 710 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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verwerflich zu nennen sich nicht entblödet, hört man nicht jetzt noch die Zeloten schreien, der Gott der Juden sei nicht der Gott der Liebe, sondern der Gott der Rache n. s. w.? Und das sagt man von einer Glaubenslehre, die zu allererst nicht nur, „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbstsondern, „Liebe den Fremdling, mit größtem Nachdruck geboten hat!-... * ♦"; „ „Garn su letowa! antwortete Rabbi Nachum, und sein melancholisches Lächeln nahm einen scherzhaften Ausdruck an, indem er hinzufügte: „Den lieben Gott brauchen wir wahrlich nicht zu vertheidigen, oder vor Leiden zu wahren, wenn Er auch durch den Mund des Propheten spricht: In ihren Leiden ist auch mein Leid.'" — «Ihr scherzt Rabbi, da Ihr die große Gefahr verkennt, die jetzt die Religion bedroht, welche Ihr im Laufe eueres ganzen Lebens euern Schülern, wie eurem Volke so eifrig gelehrt habt. Dieses Volk hat um seine Religion genug gelitten, genug erduldet; und nun aufs Neue Leiden und Verfolgung. Jede Geduld hat ihre Grenze. Glaubt Ihr nicht an die Möglichkeit, daß das Volk — des Druckes und der Verfolgung müde — schließlich diese schwere Bürde abwerfen und seinen jahrhundert alten Traditionen, die ihm für's Leben hinderlich sind, den Rücken kehren werde? — Wenn der Jude leidet, so leidet er als Träger eines gewissen Cultus. Sagt er sich, eines schönen Tages von diesem Cultus los, so sind auch ihm alle Wege offen, — selbst das Recht, mit spirituosen Getränken zu handeln, tpird ihm dann keiner'streitig machen. Oder solltet Ihr, Rabbi, vergessen haben, welche Masse dem Judenthume zur Zeit der spanischen Verfolgung abtrünnig geworden sind? Bedenket, Rabbi, daß heutzutage das religiöse Gefühl lange nicht so die Menschen beherrscht, wie im Mittelalter. Dann ist auch nichts jeder im Stande, sich von der Heimath loszureißen, wenn ihm das Leben dort schwer gemacht wird. Die angeborene Liebe zur Heimath erstickt vielleicht jedes andere Gefühl. Ist doch der Jude auch ein Mensch^, und liebt er vielleicht sein Heimathsland mehr, als es seine Feinde glauben, mehr als er selbst voraussetzt. " Rabbi Nachum Hörte ruhig meine lange Tirade an und sprach '— ' das Haupt gedankenvoll gesenkt — kaum vernehmbar vor sich hin: „Möge Jeder, dem sein Vaterland theuer ist, bleiben, wo er ist und so lange dulden, wie lange er dulden kann, so lange — bis eine bessere Zeit anbricht, wo es im Vaterlande weder Hellenen noch Juden, sondern nur Menschen geben wird, wo der Mensch im Menschen seinen Bruder suchen und man nicht mehr fragen wird, welchen Gott er anbete, sondern welchem Herrn er diene. Und diese Zeit wird kommen. . ... (Schluß folgt.) Korrespondenz. Russische Flüchtlinge. Berlin, den 10. Oktober. * Die hiesige jüd. Gemeinde hat 39 Knaben der russischen Unglücklichen hierher genommen, um sie zu erziehen und sie zu Menschen heranzubilden. Vorläufig wohnen dieselben in der Fruchtstraße, doch wird für sie in Pankow eine Erziehungsanstalt gebaut, wohin die Kleinen bald übersiedeln werden. Am letzten Sukkoth-Tage sah ich die Knaben in der neuen-Synagoge, wohin sie von ihrem Erzieher geführt wurden. Ich begleitete dieselben bei ihrem Heimwege, um mir das Leben.in dem Asyl für die russischen Flüchtlinge anzusehen. Dort angekommen, fand ich auch Erwachsene, welche von'Amerika und England zurückkamen, um nach ihrem früheren Vaterlande expedirt zu werden. Die Meisten waren aus der Gegend des schwarzen Meeres. Nachdem die Kinder Platz genommen hatten, erhielt jedes ein Weißbrödchen, dann Wurst mit Schwarzbrot), hierauf Thee. Das' Alter der Knaben ist zwischen 6 und 12 Jahren. Wie ich aus dem Gespräche, das ich, mit ihnen führte, ersah, fühlen sie keinerlei Heimweh und sind frohen Muthes. So z. B. frug ich einen Knaben: „Woher bist Du?" „Aus Kischinrev." „Wo sind Deine Eltern?" „In Brody." „Willst Du zu Deinen Eltern, zurück?" „Nein." „Warum nicht?" „Hier ist es besser", war die Antwort des Kindes. Einen andern frug ich: „Woher bist Du?" „Aus Odessa." „Wo sind Deine Eltern?" „Mein Vater ist tobt, ich habe bloß eine Mutter." „Willst Du wieder zu Deiner Mutter?" „Nein." „Warum nicht?" „Weil man hier lernt und bei uns nicht." An einer Ecke saß ein ganz kleiner Knabe, der unschuldsvoll aus seinen Augen blickte und seine Wurst verzehrte. Ich frug ihn: „Wie alt bist Du?" . „6 Jahre." „Wo sind Deine Eltern?" „In Paris." Auch er empfand kein'Heimweh, weil er es hier besser hätte. Bald wurde ich von den Erwachsenen bestürmt, die mich mit Fragen überhäuften. Ich frug sie, warum sie nicht in.Amerika geblieben feien, worauf ich zur Antwort erhielt: „Wir wollten gerne. arbeiten, aber wir fanden keine Arbeit und das Komits kümmerte sich nicht um uns. .Was sollten wir also thun?" Wie ich aus ihren Reden ersah, kehren sie gerne in ihr Vaterland zurück, nur fürchten sie sich vor den russischen Eisenbahnbeamten, die ihnen den Rest ihrer Habe abnehmen und sie womöglich noch schlagen. Das Aussehen beinahe Aller war nicht das von Juden, sondern wie das von echten Germanen. B.