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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-24 · Heft 43 (24.10.1882) · p. Seite 704

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 43 (24.10.1882)
Date
1882-10-24
Page
Seite 704 (sequence 8)
Language
German
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Bevor man gegen die Juden Anklagen erhebt, solle man bedenken, daß denselben als Parias der Gesellschaft Jahrhunderte lang jeder anständige Beruf verschlossen -gewesen ist und daß von-den Andersgläubigen Alles gethan wurde, um nur die Juden, auf der niedrigsten Stufe der Kulturentwicklung zu erhalten. Was Wunder also, wenn die Juden in der kurzen Spanne Zeit, seitdem das Prinzip der Gleichberechtigung zur Geltung kam, die aus ihrer Leidensepoche herrührenden Eigenheiten noch nicht vollständig abgelegt haben? Uebrigens ist es auch erforderlich, daß das Prinzip der Gleichberechtigung von den nichtjüdischen Mitbürgern in allere Form sanktionirt werde, damit die theoretische Gleichberechtigung auch in die Praxis übergehe. Merunowicz that sehr entrüstet deswegen, weil die Juden immer auf Seite der Intelligenz, die überall mächtig ist, zu finden seien. Nun in dieser Hinsicht haben die Juden ihre eigenen Ansichten, und Merunowicz wird sich darein finden müssen, wenn die Juden auch fernerhin alle Bestrebungen der Civilisation und Humanität unterstützen werden. (Langanhaltender Beifall. Redner wird von vielen Abgeordneten, darunter auch Pater Buchwald, beglückwünscht.) . Der Vorsitzende, Vize-Landmarschaü Bischof Stupnicki, ertheilt sodann dem Abgeordneten Merunowicz das Wort. Dieser polemisirt gegen die Ausführungen des Borredners und erklärt kurz und bündig, daß er trotz der Aufklärungen Zucker's sich nicht veranlaßt sehe, auch nur Ein Wort von dem zurückzunehmen, was er früher gegen die Juden vorgebracht. Die Ergründung der im Talmud enthaltenen Geheimnisse sei sehr wünschenswerth, denn wenn der Inhalt desselben wirklich sich durch so humanitäre Lehren auszeichnet, wie Zucker vorgiebt, so sollten dieselben Jedermann zugänglich gemacht werden. Ich habe nicht behauptet, sagt Merunowicz, daß alle Juden die Vorschriften wegen Benützung des Ehristenblutes zu rituellen Zwecken befolgen. Die intelligenten Juden thun es gewiß nicht, aber vielleicht wird diese religiöse Anordnung, von Anhängern obscurer jüdischer Sekten in Ehren gehalten. Ich identifizire mich keineswegs mit den Tendenzen eines Schönerer, allein es muß doch etwas zur Regelung der Ausnahmsstellung, welche die Inden bisher einnahmen, gethan werden. .Ich bin zwar momentan nicht in der Lage, einen Fall anzusühren, aus dem hervorgehen könnte, . daß Judengemeinden ihren gesetzlichen Wirkungskreis überschritten haben, aber wem wäre es unbekannt, daß diese.Gemeinden wegen Befreiung ihrer Glaubensgenossen von der Assentpflicht interveniren. . Der dritte Redner, vr. Goldmann, Abgeordneter der Stadt Lemberg, widerlegt die Behauptung Merunowicz', daß die Juden es nur mit den Mächtigen zu halten Pflegen, und verweist auf Warschauwo die Juden in den ersten Reihen der Insurgenten ihr Blut für die polnische . Sache vergossen haben. Sollen die jüdischen Märtyrer ebenfalls als Anhänger der mächtigen' Majorität angesehen werden? Um seine unrichtigen Thesen wahrscheinlicher zu machen, hat sich Merunowicz auf. ein Dokument des-Wiener Rabbinats berufen, welches ihn ganz, und gar desavouirt hat. Nichtsdestoweniger gebraucht heute Merunowicz allerhand Ausflüchte, um sich gegen den Borwurf, daß er eine Unwahrheit gesagt, zu. schützen. Sein Auftreten hat somit lediglich einen agitatorischen Zweck. (Oho! Widerspruch von Seite der klerikalen Abgeordneten.) Graf Krukowiecki: Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß die Juden unbilligerweise Privilegien in Galizien genießen. Sonst habe ich gegen die Juden nichts einzuwenden, und ich würde es für ein großes Unglück betrachten,, falls Galizien ebenfalls zum Schauplatz bedauerlicher Juden-Excesse ä la Preßburg werden sollte. Christus hat nichts dem Talmud entnommen/ und die Lehre von der Nächstenliebe entsprach seiner eigenen Anschauung. Ich protestire deshalb, wenn Jesus mit -dem Talmud in Zusammenhang gebracht wird. Wenn ich auch kein Freund von Judenhetzen bin, so muß ich dennoch offen erklären, daß ich die Juden in Galizien für eine Landplage ansehe. Dr, Goldmann bezeichnte die Warschauer Juden als polnische Patrioten. Mag sein, daß dort einige Ausnahmen vorhanden sind, das-' Gros der jüdischen Bevölkerung in Rußland war aber immer russisch gesinnt, vr. Goldmann verlangt ferner, daß wir uns mehr für die Hebung der Volksaufklärung unter den jüdischen Massen interessiren sollten. Ich glaube, daß dies die Pflicht derjenigen Spekulanten wäre, welche in Galizien Reichthümer erworben haben. Die Lehren des Talmud müssen doch nicht so menschenfreundlich sein, wenn sich zu denselben auch diejenigen Juden bekennen, welche Andersgläubige unbarmherzig ausbeuten.l) Daß die Juden Vorrechte besitzen, sei ja allgemein bekannt. Haben sie denn nicht eigene Spitäler, Armenhäuser re.??) Auf Antrag des Grasen Golejewski wird der Schluß, der Debatte angenommen. Berichterstatter Wolfahrt versichert, daß die Verwaltungs- Kommission die Motive Merunowicz' nicht acceptirt und nur deshalb seinen Antrag modifizirt habe. Bei der Abstimmung wird der Resolutions-Antrag der Kommission einstimmig angenommen. 1) Der edle Graf wird auf Logik nicht viel Anspruch erheben dürfen. Giebt es keine Christen, die dem Chrislenthmne auyängen, und doch gegen die-Moralgesetze handeln? Wird Jemand hieraus einen Rückschluß auf die Moral des Cyristenthums wagen dürfen? Redaktion. 2) Wer hat diese jüdischen Spitäler, Armenhäuser rc. gestiftet, und erhält sie? L)och wohl die Juden selbst. Und haben andere Konfessionen nicht ebenfalls solche Wohlthätigkeitsanstalren? Wo ist da em Privilegmm zu finden? Wie können doch vernünftige Menschen solchen Unsinn Vorbringen! Jndeß die Leidenschaft gegen die Juden bringt uns täglich solche und noch üblere Ausgeburten bes Unverstandes. Redaktion. ■

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