Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1882)
- Date
- 1882-10-24
- Page
- Seite 699 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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699 ganze Buch ist an die in Babel gefangenen Israeliten gerichtet. Im ersten Abschnitt (40—48) kommt der Retter Cyrus, zieht gen Babel, besiegt es, belagert es, erobert es. Der Zweck des Abschnittes ist, den Israeliten diesen Untergang Babels als ihre Befreiung zu verkünden und sie zu mahnen, den babylonischen Götzendienst zu verlassen und dem Einigen anzuhangen. Der zweite Abschnitt (49—57) zeigt Babel gefallen, aber die Israeliten wenig geneigt, es zu verlassen. Sie halten sich für zu schwach, sie fürchten das wüste Land und die Beschwerden des Zuges. Deshalb bezweckt er, das zukünftige Israel als groß und herrlich zu verkünden, das Unglück Israels nur aus seiner Sündhaftigkeit zu erklären, daß aber jetzt der Einige sich wieder zu ihm wenden und Israel geehrt und glücklich machen werde. Der dritte Abschnitt endlich 58—66 stellt den Heimzug als gewiß und zu Stande kommend dar, aber er zeigt sich gering, von verhältnißmäßig Wenigen beschlossen. Er will demnach die Abtrünnigen züchtigen, die obwaltenden Zweifel bekämpfen, das Häuflein Getreuer ermuthigen; den Abfälligen wird ihr Untergang verkündet, Jerusalem verherrlicht, die^Zölker sammeln sich zu ihm und werden ausgenommen. Hieraus erkennen wir, daß die Reden nach einander mit der Entwickelung der Begebenheiten selbst fortschreiten und nach einander verfaßt sind, dann aber zusammengestellt und abgeschlossen wurden. Nichts wird aber zugleich unzweifelhafter, als daß dieses Buch nur von einem Propheten herrühren kann, der mit im babylonischen Exil während der zu Grunde liegenden Ereignisse selbst, also gegen Ende des Exils gelebt haben muß. — Wir begnügen uns mit diesem kurzen Hinweis, da die Gelegenheit, das Weitere hierüber kennen zu lernen, genügend gegeben ist. Aber auch anderweitig ist die große Verschiedenheit zwischen den beiden Büchern jedem unbefangen Prüfenden offenbar. Wir werden, was den dogmatischen Inhalt betrifft, noch Mehreres zu sagen haben. Aber auch' die Sprache in beiden Werken ist sehr verschieden. Während Jesaias kräftig, gedrungen, bilderreich in einer eminenten Fülle der Gedanken spricht: hat das zweite Buch bei großen Vorzügen doch Breite, Weitschweifigkeit, Wiederholung, Wortfülle und Mangel an kräftigen Bildern. Die Paronomasien sind selten und meist -schwach. Aus diesen und noch weiteren Gründen kann uns die bloße Anhänglichkeit an den nur äußerlichen Umstand, daß das Buch Kapp. 40—66 an das bereits durch den Siegesgesang und den geschichtlichen Anhang abgeschlossene Buch des Propheten Jesaias angehängt worden, weil der eigentliche Name des exilirten Propheten verloren gegangen war — er nennt sich nirgends, während Jesaias in seinem Buche wiederholt vorkommt — wir sagen, dieser Umstand kann uns nicht verhindern, den so überaus nachhaltigen Beweisen, ihr Recht einzuräumen. Denn es handelt sich hier nicht etwa bloß um eine literar-historische Frage, sondern das richtige Verständniß des Ganzen wie des Einzelnen hängt davon ab. Auf diesem Boden treten wir nun auch der Auslegung des Prophetenstückes näher, über das der bez. Vortrag handelt. (Fortsetzung folgt.) Der »iederöflerreichische Landtag. Mit anerkennenswerther Entschiedenheit hat in seiner dritten Sitzung am 3. Oktober der niederösterreichische Landtag dem Antisemitismus ein glänzendes Fiasko bereitet. Er ist diesem nicht ausgewichen, sondern hat ihn, als er seine Schwelle betrat, sofort zurückgewiesen. Im Einlaufe befand sich nämlich eine Petition „ mehrerer Bewohner Wiens und der Vororte um Regelung der Judenfrage". Das Machwerk war von dem bekannten antisemitischen Wühler Abg. Schönerer. Abg. Dr. Weitlof: Ich stelle den Dringlichkeitsanttag auf Uebergang zur Tagesordnung über diese Petition , ohne daß dieselbe überhaupt einem Ausschüsse zugewiesen werden sollte. Ich bitte über die Dringlichkeit die Unterstützungssrage zu stellen. Abg. Schönerer: Ich bin durchaus nicht überrascht über den Antrag, der hier gestellt worden ist. Um seine Judenfreundlichkeit zu dokumentären, wird man, das weiß ich aus Erfahrung, zu den rücksichtslosesten Mitteln greifen. Der Inhalt der von mir überreichten Petitton ist von"Niemandem zu beanständen. Wenn die Bevölkerung in dieser Frage den gesetzlichen Weg betritt, so soll man sie nicht daran hindern, sondern ihre berechtigten Wünsche wenigstens eingehend prüfen. Wenn Sie, meine Herren, dies nicht thun, dann darf es Sie nicht Wunder nehmen, wenn die Bevölkerung gleichfalls in gewaltthätiger Weise die Lösung dieser Frage selbst in die Hand nimmt. (Stürmische Oho-Rufe.) Landmarschall Baron Felder: Ich bitte zu bedenken, daß solche Worte auch in einer legislativen Körperschaft nicht gesprochen werden sollen. (Zustimmung.) Abg. Schönerer (ruft): Es wird doch so sein! (Zischen und Heiterkeit.) Abg. Dr. Weitlof: Ich bitte nun, die Petition zu verlesen. Die Petition lautet: „Hoher Landtag! Jene tiefgehende soziale, wirtschaftliche Bewegung, welche unter dem Namen der Judenfräge schon seit geraumer Zeit in zwei Nachbarstaaten und in der östlichen Reichshälfte die vitalsten Interessen der christlichen Bevölkerung berührt und die öffentliche Aufmerksamkeit beschäftigt, gewinnt auch in dem Gebiete der itn Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder von Tag zu Tag an Bedeutung. Die Unterzeichneten Bewohner Wiens und der Vororte sind von der Ueberzeugung durchdrungen, .daß die Regelung der Judenfrage ein unabweisliches Gebot 43*