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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-17 · Heft 42 (17.10.1882) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 42 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 691 (sequence 11)
Language
German
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„Grenzboten" ergingen sich damals in den schmählichsten Jnvektiven gegen die Juden, und zwar weil sie — das Kapital beherrschten! Nun, eine Wandelung zum bessern ist. immer erfreulich. Das Obige richtet sich auch gegen Stöcker und den „Reichsboten." —- Bei der letzten Volkszählung erwies es sich, daß die jüdische Bevölkerung im Verhältniß zur Gesammtbevölkerung am stärksten in der Stadt Posen mit 10,7 Prozent war, dann folgen Frankfurt a. M. mit 10,1 Prozent, Breslau mit 6,4 Prozent und dann erst Berlin mit 4,8 Prozent. — Wie weit es die Antisemiten treiben und mit welchen Mitteln, ersieht man abermals aus Folgendem: Eine verwerfliche Unsitte, die zuerst ziemlich vereinzelt auftrat, ist, so schreibt die ),Post", zu einem solchen Unfug ausgeartet, daß neuerdings schon behördliche Maßnahmen dagegen nöthig geworden sind. In antesemitischen - Kreisen kamen vor längerer Zeit farbige Stempel, sogenannte Selbstfärber in Kours mit Inschriften wie „Kauft nicht bei Juden!" oder „Juden raus!" u. s. w, Ursprünglich zum Abstempeln von Briefbogen und Kouverts bestimmt, fanden die bequem in der Tasche zu tragenden oder in Form von Berloques gefertigten Stempel bald auch Verwendung zum Verunzieren von Büchern, Zeitungen und Wänden. Soweit konnte die Stempelwuth noch als Kinderei, wenn auch sehr geschmacklose, gelten. Man ging aber bald noch weiter, indem man in Gasthöfen und Restaurants Tische, Tapeten und Servietten stempelte, und in den letzten Wochen hat man namentlich auch die Polsterüberzüge der Eisenbahnkoupös vielfach mit dem bezeichneten Stempeldruck, der bekanntlich so gut wie unauslöschlich ist, übersäet. Die Verwaltung der Hamburger Bahn z. B. war genöthigt, mehrere Koupös I. und H. Klasse mit neuem Ueberzuge versehen zu lassen. Um dem Unfug zu steuern oder dock die Sachbeschädigungen zur strafrechtlichen Verfolgung zu bringen, sind, die Bahnbeamten zu verschärfter Wachsamkeit angewiesen, und wir zweifeln nicht, daß das bessere Publikum aller Parteien die Beamten bei dieser Aufgabe unterstützen wird. — Stöcker tritt als Kandidat im ersten Berliner Landtagswahlkreise auf und hielt am.3. in einer Versammlung seine Kandidatenrede. Bemerkt wurde, daß auch der Mi-- nister von Puttkamer dieser Versammlung beiwohnte. — Stöcker's Rede in seiner Wählerversammlung hat ihre Antwort erhalten. Am 5. Abends fand eine überaus große Wählerversammlung statt, in welcher u. A. Eugen Richter sprach, und im Laufe seiner Rede sagte: Nun noch einige kurze Bemerkungen über Herrn Stöcker. Ich habe bei einer früheren Gelegenheit Herrn Stöcker als den Urheber der antisemitischen Ausschreitungen bezeichnet und daß ich damit das Richtige getroffen habe, beweist, daß er das gewöhnliche Maß seiner Schmähung meiner Person in seiner vorgestrigen Rede noch überschritten hat. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Rede die weiteste Verbreitung auch durch die liberalen Blätter fände, um dem Volke zu zeigen, was für ein Heiliger Herr Stöcker ist. (Heiterkeit.) Es ist bekannt, daß die Antisemitenfrage immer von Zeit zu Zeit wieder aufgefrischt werden muß und Stöcker hat vorgestern eine Galavorstellung in der Judenhetze gegeben, vielleicht zu Ehren der Anwesenheit des Ministers des Innern. (Lebhafte Zustimmung.) Stöcker verwahrt sich stets gegen die Behauptung, .daß er die Jndenhetze hervorgerufen hätte; er sollte wirklich ganz ruhig sein, denn er ist um keines Haares Breite besser, als die Hetzer in Ungarn. Nur unsere deutsche Bevölkerung, unsere deutschen Arbeiter sind besser als die Ungarn; es ist bei ihnen ein sittliches Gefühl vorhanden, welches nichts vom Unterschiede der Abstammung, nichts vom Unterschiede der Religion wissen will, und diesem sittlichen Gefühle unseres Volkes haben wir es zu verdanken, daß die Thätigkeit des Herrn Stöcker nicht die Folgen gehabt hat, wie es in Ungarn der Fall gewesen ist. (Lang anhaltender Beifall.) Nur eins ist hier anders, wie in Ungarn, denn dort hätte kein Minister Sr. Majestät es für richtig gehalten, einer solchen Judenhetze beizuwohnen, wie es hier der Minister des Innern von Puttkamer für angemessen befunden hat. (Stürmische Zustimmung.) Herr Stöcker hat auch die Dreistigkeit gehabt, sich in seiner Rede auf das Hohenzollerngeschlecht zu berufen, und da muß ich ihm denn entgegenhalten, daß ein Hohenzoller, unsere Hoffnung für die Zukunft, es gewesen ist , der gesagt hat, daß Bestrebungen, wie sie Herr Stöcker schürt, eine Schmach für die deutsche Nation seien. Nach diesen Worten erhob sich ein ungeheurer, sich fortwährend steigernder und nicht enden wollender Beifall, der von Rufen des Abscheus gegen Stöcker unterbrochen, wurde. Mitten unter den Beifallsrufen erhob sich plötzlich die ganze Versammlung und brachte ein dreifaches, donnerndes Lebehoch auf die „Hohenzollern" aus. Nachdem endlich die Aufregung und die Begeisterung sich gelegt und die Versannnlnng wieder Platz genommen Hatte, fuhr der Redner fort: Niemals ist mir die Berechtigung dieses hohenzollernschen Wortes mehr vor die Augen1 getreten, daß es eine Schmach für ganz Deutschland ist, wenn ein kaiserlicher Hofprediger so spricht, wie vorgestern, als ich die Rede des Herrn Stöcker gelesen habe, (Erneuter stürmischer Beifall.) — In seinem Vortrage in oben erwähnter Wählerversammlung sagte Stöcker nach dem Bericht des „Deutsch. Tageblattes": „Zu gewaltsamen Ausschreitungen, die an anderen Orten zu beklagen sind, kann es bei uns bei der noblen, besonnenen Art, wie wir die Judenfrage behandeln und behandelt wissen wollen, gar nicht kommen." Man weiß, was derartige süßliche Worte zu bewirken bestimmt sind: sie sollen ■( 42*

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