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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-17 · Heft 42 (17.10.1882) · p. Seite 686

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 42 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 686 (sequence 6)
Language
German
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Kreise kleinliche persönliche Reibungen in den Vordergrund treten, und daß sogar die soziale Krankheit des Antisemitismus Terrain in Ihrem Vereine zu gewinnen scheint." An der Regierung liegt es, der Verirrung ein Ende zu machen. Die meisten Pester Blätter fordern die strengsten Maßregeln, um Auftritte wie die in Preßburg zu verhindern, und eine exemplarische Strafe' nicht nur der Straßenjungen, sondern auch jener angeblich intelligenten Individuen, welche die Hetze schürten. Die Herren Jstoczy und Onody, die mit Herrn Hofprediger Stöcker und Genossen in Dresden tagten, fangen auch schon an, sich etwas ungemüthlich zu fühlen. Einer der Ihrigen, Okolicsanyi, muß im Preßburger Antisemitenblatt ihre Schuld vorweg ableugnen. Er thut dies in einer Reihe überschwenglicher Phrasen und schließt mit folgender Anrede an die. Tumultuanten: „Schänden Sie nicht durch ein solches Vorgehen die Namen Jstoczy's, Onody's, Simonyi's und den weinigen, da wir dergleichen nie gewollt haben und deshalb auch keinerlei Verantwortung dafür übernehmen können!" Der Strafrichter wird über ihre Verantwortlichkeit wohl ein anderes Urtheil fällen. Diese Menschen sind eben so feige wie frech — feige,- da sie sich schnell auf den Rückzug begeben, frech, da sie jede Verantwortlichkeit zurückweisen. Nun, die Vergeltung wird für sie Alle kommen! In Preßburg herrscht Ruhe. Aber die Banden haben sich in die Umgegend geworfen, und Hausen dort fürchterlich. So ist es sehr wüst zugegangen in Wartberg, Rethe, Lanschütz und Jvanka. Die durch Pöbelhaufen aus der Umgegend jener Orte verstärkten Bauern überfielen um Mitternacht die jüdischen Behausungen, plünderten und raubten, steckten einzelne Objekte in Brand und mißhandelten die Juden' in arger Weise. Am ärgsten wurde in Lanschütz gehaust. Eine Frau, die sich den Plünderern zu widersetzen versuchte, wurde niedergestoßen und von den Bauern so schwer verletzt, daß sie Nachmittags starb. Während des wildesten Treibens erschien plötzlich der Ortspfarrer in der Mitte der Plünderer und bat mit aufgehobenen Händen, abzulassen von dem entsetzlichen Schandwerk. Diese Mahnung fand Beachtung;'ihr allein ist es zu danken, daß noch größeres Unglück verhütet wurde. Ueberhaupt ist es ein Zeichen der Zeit, daß mehrfach die katholische Geistlichkeit der Agitation viel kräftiger entgegentritt, als die protestantische. Auch in Preßburg hat der katholische Bischof bereitwilligst eine Mahnung zur'Toleranz unterzeichnet, während der evangelische Superintendent Geduly, trotz wiederholter dringender Bitten, seine Signatur beharrlich verweigerte unter dem Vorwände, als alter Mann könne er sich in konfessionellen Hader nicht mehr mischen. Arg müssen die Zustände sein, denn Feldmarschall-Lieutenant Catty hat telegraphisch ein Regiment aus Wien erbeten, um es in der Umgegend zu vertheilem Die Gegenwirkung bleibt aber auch nicht aus. Man schreibt aus Preßburg vom 1. Oktober: Der Chef der großen Kleiderfirma Leopold Todesco hat heute die Arbeit eingestellt, allen Bediensteten gekündigt und dieselben sofort ausgezahlt. Zweitausend Arbeiter, Männer und' Weiber, sind dadurch brodlos; dieselben beriefen eine Versammlung und entsandten eine Deputation an den Bürgermeister Gottl, um Todesco zu bewegen, daß er hier bleibe. Die Firma hat fünfzig Ballen Waare aus England, für hier bestimmt, telegraphisch in Wien ablagern lassen. Todesco faßte den Entschluß, nach Wien überzusiedeln. Die Kleiderfirma Löwy hat fünfhundert Arbeiter entlassen; die Fabrikanten Bunzl und Biach siedeln nach Wien über. Auch die Großhandlungsfirma Samuel Frankl's Söhne hat den Beschluß gefaßt, das Geschäft gänzlich aufzugeben, was hier großes Aufsehen erregt. Hier mögen denn die Arbeiter einsehen, was sie ohne Kapital und ohne den schaffenden Geist vermögen, und wie sehr sie ihre eigene Wohlfahrt untergraben, wenn sie sich von den Demagogen bethören lassen, gegen das Kapital und die Großindustriellen'zu wüthen! Daß übrigens die ganze Agitation sozialistisch angehaucht ist, kann nicht mehr bezweifelt werden, da drei Agitatoren auf der That,- nämlich beim Aufhetzen des Volkes, ergriffen worden und sich als Sozialisten in feinen Kleidern entpuppten. Jndeß hat die ungarische Justiz in der jüngsten Zeit sich sv unzuverlässig erwiesen, daß man auf die von ihr zu erzielenden Resultate nicht bauen kann. Der „Voss. Ztg." wird geschrieben: „Die zweifelhafte Stimmung erstreckt sich aber auch bis in die höchsten Kreise der Staatswürdenträger hinauf, so zwar, daß Pester Blätter gerade heraus dem Justizminister Panler ein gutes Theil der moralischen Verantwortung zuschieben, ja, ihn direkt des geheimen Kokettirens mit der antisemitischen Bewegung anklagen. Die Gleichgiltigkeit, womit Panler den Verschleppungen der Affaire von Tißa-Eßlar und den zweideutigen Vorgängen im Gerichtshause von Nyiregyhäza, den Zänkereien des Untersuchungsrichters mit dem Oberstaatsanwälte Kozma, so wie dem Vertheidiger Abgeordneten, Eötvös, und der lärmenden journalistischen Diskussion aller dieser Dinge ein halbes Jahr lang zusah, hat sicherlich redlich das ihrige beigetragen, die Aufregung immer intensiver zu machen und in immer weitere Kreise zu bringen. Die Stellung des Justizministers gilt daher auch für arg gefährdet." Uebrigens ist das Vorgehen der obengenannten Firmeil der erste Akt einer mannhaften Gegenwehr seitens der Juden. Die Gegner, oder wenigstens die in der Mitte Schwankenden müssen empfinden, daß die Juden nicht völlig wehrlos sind, und daß, wer sie schlägt, auch sich selbst schlägt! Eigenthümlich, wenn auch erklärlich, ist, daß mehrere große deutsche Zeitungen jetzt sich aus allen Kräften bemühen, den Aufstand in Preßburg als unbedeutend darzustellen, und zwar weil die magyarischen und czechischen Blätter

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