Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1882)
- Date
- 1882-10-17
- Page
- Seite 685 (sequence 5)
- Language
- German
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685 und durch die grenzenlos unfläthige Art, in welcher man für dieselbe ein gewisses Publikum zu interessiren suchte. Unbegreiflich ist es freilich, wie die Behörden diesen öffentlichen Sammlungen zusehen konnten, ohne ihre Pflicht polizeilicher Intervention zu üben, und so nahmen denn diese „Spenden" — freilich mit einem kläglichen materiellen Resultate — ihren Fortgang." Der Ministerialrath Jekel-Falussy erklärte selbst: „Soweit hätte es aber überhaupt nicht kommen müssen, wenn die hiesigen Lokalbehörden schon am 27. d. M., wo sich die ersten Anzeichen einer größeren Antisemitenbewegung bemerkbar machten, sofort mit mehr Umsicht und Energie eingegriffen hätten. Statt dessen wurden die Excesse geheim gehalten, und Ministerpräsident Tisza selbst erhielt vom großen Krawalle vom 28. erst gestern durch die Zeitungen Kenntniß." Deshalb begann der Ministerialrath seine Aktion mit einer energischen Reprimande an Bürgermeister und Kommune über deren unverantwortliche Nachlässigkeit bei Beginn des Krawalles. Sogar der Platzkommandant Feldmarschall- Lieutenant Catty entgeht den Vorwürfen nicht wegen des umständlichen Verfahrens, von dem er die Requisition militärischer Hilfe durch die beiden der Munizipalbehörde beigegebenen Offiziere abhängig gemacht. Ja, die offiziöse „Presse" nimmt einen Bericht auf, dem zufolge ein Patrouillenführer, Angesichts einer Plünderungsscene, Rechts um, kehrt! kommandirt und seine Mannschaft nach einer ganz ruhigen Straße abgeführt hatte. Einer der „Vertreter Ungarns" bei dem Kongreß in Dresden war Simonyi. Er wird als einer der Haupturheber der Excesse angesehen. Am Sonnabend stattete auch Simonyi unaufgefordert Jekel-Falussy einen Besuch ab. Er sei gekommen, sagte er, um sich gegen die Verdächtigungen zu verwahren, daß er der Urheber der gegenwärtigen Unruhen sei. Der hiesige Stadthauptmann soll hierauf bemerkt haben: „Sie allein sind an Allem schuld", wogegen Simonyi dem Regierungskommissär bedeutete, daß er sich ihm, ohne Rücksicht auf seine Immunität, die ihn vorläufig schützen würde, zur Verfügung stelle, wenn die Untersuchung gravirende Momente zu Tage fördern sollte. Hiermit war die Audienz beendet. Simonyi, der heutige Kernmagyare, Juden- und Deutschenfresser, war allerdings Anno Bach-Thun Germanisator und Judenfreund mit dem doppelt ominösen süßen Namen „Zuckermann" — vielleicht gar selber ein Alt-Testamentarier. Onodyi hat als Komitatsherr die Folter angewendet, um in der Tißa-Eßlarer Affaire Geständnisse zu erpressen. Anläßlich der jüngsten Vorgänge in Preßburg hat nun der Ministerpräsident Tisza sämmtlichen Munizipien einen Erlaß zugehen lassen, in welchem er die Ueberzeugung ausspricht, die Munizipien würden, entrüstet über die schmachvollen Excesse, welche in Preßburg unter dem Aushängeschild des Antisemitismus verübt wurden und in einigen Gemeinden des Preßburger Komitates Nachahmung fanden, ähnlichen Vorfällen pflichtgemäß Vorbeugen, eventuell vorkommende Unruhen mit voller Energie Niederschlagen und den Schuldigen gegenüber die ganze Strenge des Gesetzes anwenden. Ein Bersäumniß oder laues Borgehen werde nicht geduldet werden. Die Sicherheit der Person und die Habe der Bürger ohne Rücksicht auf Rang, Race oder Konfession zu wahren, sei die vornehmste Pflicht der Staatsgewalt. Die öffentliche Sicherheit und der gute Ruf des ungarischen Staates dürften nicht unter.den sträflichen Bemühungen einzelner Agitatoren leiden, noch auch die Ordnung nur um den Preis des Blutes der Jrregeführten hergestellt werden. Der Minister spricht schließlich die Erwartung aus, daß die Munizipien etwa versuchte Agitationen im Keime ersticken und die Agitatoren der Strenge des Gesetzes überliefern würden. Der Minister werde die Munizipien dabei mit der ganzen Kraft der Staatsgewalt unterstützen. Die Führer der Bewegung hatten bereits so ganz ungenirt gehandelt, daß sie dem gedungenen Pöbel förmliche Anweisungen auf Wein und Schnaps quantum satis gaben, die bei bestimmten Wirthen anstandslos honorirt wurden. Wo die Wirthe ihre Bons gegen Paar umzusetzen haben, ist ein öffentliches Geheimniß in der ganzen Stadt. Die Excedenten rekrutiren sich zum größten Theile aus Arbeitern ge^ meinsten Kalibers in den umliegenden Steinbrüchen und aus kleinenzu Grunde gegangenen Handwerkern, Häuslern, den Slyvaken der oberen Gebirgsgegend, die jährlich zu Tausenden zur Weingärtnerarbeit hierher kommen, heuer aber in Folge Mißwachses im Weingebirg schlechten Erwerb haben, — kurz aus Allem, was man spezifisch Preßburger Proletariat nennt. Unter den Leitern, die als solche stadtbekannt sind, finden'sich leider auch Leute der Intelligenz, Pensionisten u. dergl. Jetzt freilich wird es etwas anders. In Pest kann man in allen gebildeten Kreisen das Bestreben wahrnehmen, die Solidarität mit den Antisemiten-Hetzereien demonstrativ abzulehnen. Bei dem gestern Abends stattgehabten Banket des eben versammelten ungarischen Juristentages brachte Dr. Rudolph Dell A'dami, einer der hervorragendsten jüngeren Juristen, einen Toast auf die Toleranz und Brüderlichkeit aus, indem er die gegenwärtige Strömung als höchst verderblich für die moderne Entwicklung Ungarns bezeichnete. Es ist aber auch hohe Zeit, denn wie weit der Antisemitismus um sich gegriffen, geht z. B. aus der Anrede des Unterrichtsministers Trefort an eine Deputation hervor, welche der ungarische Mittelschullehrer-Verein am Sonntag an ihn abgeschickt hatte, um ihn zu seinem zehnjährigen Amtsjubiläum zu beglückwünschen. „Ich möchte gerne", sagte der Minister, „Ihren Verein als Vertrauensorgan in didaktischen Fragen betrachten. Mit Bedauern erfuhr ich jedoch, daß in Ihrem