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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-17 · Heft 42 (17.10.1882) · p. Seite 684

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 42 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 684 (sequence 4)
Language
German
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684 Der Äufstanin Preßburg. n. ^Jm richtigen Instinkte haben wir schon bei den ersten Nachrichten von den Excessen in Preßburg diese in voriger Nummer mit obiger Inschrift bezeichnet. Denn das stellt sich immer mehr heraus und wird den Einsichtigen immer klarer, daß es sich bei dieser ganzen Antisemitenagitation auch in Oesterreich-Ungarn eigentlich gar nicht um die Juden und deren politische und soziale Stellung handelt, sondern um das uiederträchtigste Demagogenthum, das sich der alten Vorurtheile gegen die Juden als Mittel zu seinen Zwecken bedient. Die Brutstätte der ganzen Agitation ist nicht das untere Volk selbst, sondern gewisse Schichten der sogenannten gebildeten Welt, ein Haufen von Leuten, die, an sich macht- und ansehnslos, nach beiden streben und jedes Mittel, das dahin führen könnte, zu benutzen bereit sind. Als nächste Cohorte dient diesen Demagogen die Klasse der Kleinbürger, welche in der Konkurrenz der Juden ihren persönlichen Nachtheil sehen und empfinden. Dies sind die Helfershelfer. Im Vereine mit diesen regen jene Demagogen die Raub- und Plünderungssucht des Pöbels, die Lust an Krawallen und Zerstörung auf, und eines Tages, nachdem die nöthigen Vorbereitungen getroffen, ist der Exceß fertig und-nimmt eine größere oder geringere Ausdehnung- und Jntensivität an. Hierzu verhilft in der Regel die Schwäche und Nachlässigkeit der Ortsbehörden, die auch bisweilen mit inr-Eomplot, qder wenigstens von der Schadenfreude über die Mißhandlung von Juden nicht frei sind. Diesen Weg nahmen die- Excesse in Pommern und Preußen, in Rußland und jetzt in Ungarn. Der Unterschied ttat nur insofern ein, als in Preußen die Staatsregierung, sobald die bis dahin geduldete, von gewissen Seiten her geförderte Agitation bis zu den Excessen gelangt war, energisch eintrat; in Rußland hingegen der Minister des Innern.die Excesse begünstigte, bis sein Nachfolger den Tumulten ein Halt! zurief; in Ungarn der Ministerpräsident die Anwendung der staatlichen Gewalt kräftig betreibt und, wie wir hoffen, mit Erfolg. , Ob dieses demagogische Treiben gegen die bestehende gesellschaftliche Ordnung und gegen die rechtsgültigen Gesetze von konservativer Seite ausgeht, wie in Preußen, von panslavistischer, wie in Rußland, oder von der radikalen Partei, wie es in Ungarn der Fall ist,'bleibt sich gleich — das Ziel ist der Umsturz der sozialen Ordnung. Daß es dies ist, zeigt sich in allen diesen Excessen offenbar. Wo Plünderung, Raub, Brandstiftung feffellos auftreten, wo diese von den Agitatoren befohlen werden, wo in der Hitze des Tumultes Mord und Schändung stattfinden und der Widerstand gegen die obrigkeitliche und militärische Gewalt so weit geübt wird, wie die Kräfte reichen — da ist doch der Umsturz aller gesetzlichen Macht undOrdnung, des Rechtes, des Eigenthumes und des Lebens jfo handgreiflich, daß es Blödsinn ist, darin einen Unterschied zu finden, daß zunächst das Objekt des Aufstandes die Juden sind. Es ist Aufstand, Empörung, Umsturz in vollstem Maße! — Wie gesagt, die Erkenntniß kommt. Man braucht nur den Leitartikel des „Pest. Lloyd" vom 30. September zu lesen, um dessen gewiß zu werden. Jetzt freilich wird telegraphirt, daß die „äußerste Linke" des ungarischen Abgeordnetenhauses ebenfalls Front gegen die niederträchtige Bewegung machen wolle. Dies wird ihr nichts helfen, um aus. der Erinnerung zu bringen, daß sie es war, die um der gegenwärtigen Regierung Verlegenheiten zu schaffen und sich bei dem Volke populär zu machen — gerade wie die Konservativen in Preußen sich dadurch Stimmen bei den Wählen zu erwerben meinten — den Antisemitismus unter ihren Schutz nahm, den Reden Jstoczy's und Onody's in der Kammer ein Relief gab und daß einige ihrer Mitglieder zu den thätigsten Wühlern gehörten. Sie haben mit dem Feuer gespielt, mögen sie sich die Finger dabei verbrannt haben. Als Belege zu unseren obigen Sätzen und um die Vorgänge in Preßburg zu charakterisiren, stellen , wir aus den Berichten der ungarischen Blätter selbst Einiges zusammen. Die magyarischen Blätter flüchten sich hinter den Umstand/ daß Preßburg zum allergrößten Theile eine deutsche Stadt sei, und wollen damit das Magyarenthum rein waschen. Sie verhöhnen Preßburg, das auf seine „Bildung" stolz sei und eine dritte Universität verlange, während es bis jetzt nur eine Rechtsschule hatte. Hierbei wollen wir bemerken, daß sowohl von dem Professorat als von den Studenten dieser Rechtsschule selbst die nachdrücklichste Erklärung abgegeben und veröffentlicht worden, daß die Studenten sich in keiner Weise an den Excessen betheiligt hätten. Daß die Hetze vorbereitet und orgänisirt war, daß der Magistrat eine schuldbare Nachlässigkeit bewies, so daß der- Bürgermeister erst auf telegraphische Aufforderung Tisza's über den Auflauf berichtet, ist durch die Thatsachen ins hellste Licht gestellt. Man staune: Der „P. L. berichtet: „Gerade heute stellt uns ein Freund unseres Blattes ein Eirkular zur. Verfügung, welches ihm und vielen anderen Personen zugeschickt wurde von einem Preßburger Konventikel, worin sich Abgeordnete, Advokaten, Stadtrepräsentanten u. s. w. finden, durch welches Zirkular das Publikum aufgefordert wird, Spenden zu Gunsten der antisemitischen Internationale einzusenden. Das ganze Schriftstück spricht in unverfälschtem Kärbonari-Tone zu der Dummheit der besitzenden Leute, damit diese doch „den Mangel an Geldkräften ersetzen", wobei den hochherzigen Spendern versichert wird, daß „jeder einlangende Brief allsogleich vernichtet wird". Alle unsere Informationen stimmen darin überein, daß , die Preßburger Excesse zunächst durch die Sammlung hervorgerufen wurden

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