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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-17 · Heft 42 (17.10.1882) · p. Seite 683

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 42 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 683 (sequence 3)
Language
German
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' :••••* ein „nationales" Bewußtsein behalten und gar die wahnsinnige Idee haben, irgendwo eine „Nation" bilden zu wollen. Nein, hier spricht sich ein Gesetz der Geschichte aus, das stärker ist, als alle menschliche Macht, als aller menschliche Wille. Selbst der Vers, unterliegt demselben, denn seiner Meinung nach thut den Juden eine noch größere und gleichmäßigere Bertheilung noth; sie müßten sich nicht in Ländern und Städten eoncentriren, sondern gleichmäßig durch alle Länder vertheilt sein. Also eine noch größere Zerstreuung. Der Vers, versteht diese Geschichte nicht, denn allerdings spielte die Religion die Hauptrolle darin. Die christlichen römischen Kaiser und die Conzilien schlossen die Juden aus der Gesellschaft, nicht aus Rayen-, nicht aus sozialen und. Conkurrenz-Motiven, sondern allein wegen ihrer Religion. Das kann der Vers, in den Dekreten und Novellen jener lesen, wie wir sie in mehreren Schriften zusammengestellt und übersetzt haben. Um der Religion willen blieben sie Juden, ertrugen sie ein tausendfaches Martyrium, wunderten sie von Land zu Land — ohne diese wären sie schon vor 15 Jahrhunderten verloren gegangen. Jetzt, wo ein großer Theil derselben sich in das nationale Leben der Völker völlig eingebürgert, an dem nationalen Bewußtsein derselben vermöge des Vateslandes, der Sprache, der Bildung, der gleichen politischen und materiellen Interessen den lebendigsten Antheil hat, jetzt ihnen zuzumuthen, dieses aufzugeben und statt des jüdisch-religiösen Bewußtseins sich ein jüdisch-nationales anzuschaffen, ist eine thörichte Phantasterei. Woran der Mann kränkelt, das ist die russisch-nihilistische Anschauung. Diese läßt ihn glauben an Krankheit und Tod, nicht aber an Genesung und höhere Ziele. Er glaubt an die Ewigkeit der „Judophobie", einer „hereditären Krankheit". Nun, die Menschheit hat doch schon eine ganze Reihe von Krankheiten überwunden, wie Hexerei, Astrologie, Tortur, Inquisition u. s. w. Sie kommen immerhin noch oft und in ganzen Ländern vor; aber überwunden sind sie und vor jedem Lichtstrahl der Kultur schwinden sie immer mehr. Der Vers, glaubt nicht an die Verwirklichung der Humanitätsidee, daß die staatliche Gesellschaft fortschreitet in Toleranz und Gerechtigkeit. Wer das leugnet, kennt die Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte nicht. Da er nun nicht leugnen kann, daß die Juden in vielen Staaten die bürgerliche Gleichberechtigung erlangt haben, flüchtet er sich dahinter, daß die bürgerliche Emanzipation noch lange nicht die gesellschaftliche bedeute. Nun, unsre Meinung ist, daß die Juden zu viel verlangt und erwartet haben, und deshalb in den jüngsten Vorgängen eine bittere Eirttäuschung fanden. Wer die Geschichte jener Emanzipation kennt, mußte auch erwarten , daß sie in den Staaten , wo sie nur in schwerem Ringen erreicht worden, auch noch mancherlei Rückschläge zu bestehen haben werde. Wer bedenkt, wie viele Jahrhunderte das Borurtheil gegen die Juden geherrscht hat, wird nicht voraussetzen, daß es binnen weniger Jahrzehnte geschwunden sein sollte. Darum brauchen wir nicht unsre Zustände vom russischen Standpunkte aus zu beurtheilen. Diesseits der Weichsel hat sich dem Antisemitismus — außer etwa Herr v. Treitschke — kein einziger Mann von Bedeutung und Ruf angeschlossen, vielmehr traten ihm die würdigsten und edelsten Männer offen entgegen. Was auch geschehen — wir sprechen immer nur von diesseits der Weichsel — gerade die Grundsätze der Gleichstellung und Humanität haben in diesen schwierigen Tagen die Probe bestanden, und erwiesen, daß sie bereits stark genug geworden, um jeden Anprall, jede Wiederbelebung uralter dunkler Mächte zurück' weisen zu können. Sehen wir so das Licht in der einen Hälfte der Menschheit siegen, so sind wir berechtigt zu glauben, daß der Tag auch jenseits der Weichsel anbrechen werde. Wir werden uns deshalb in unsrer Anschauung nicht russifiziren lassen. — So glaubt denn auch der Vers, nicht, „daß wir mit unsrer Zerstreuung eine providenzielle Mission erfüllen"; er nennt dies „eine Wahnvorstellung, an welche Keiner glaubt". Wir möchten nicht einmal glauben, daß selbst in Rußland „Keiner daran glaubt". Wer selbst keinen Glauben hat, der setzt gewöhnlich voraus, daß Andere ihn auch nicht haben. Darin seid Ihr nun allzu bescheiden. Soweit vorwärts seid Ihr nur, aber Millionen sind dahinter geblieben; sie halten noch fest an der Ueberzeugung einer solchen Mission, welche unsre Glaubensgenossenschaft von den Propheten geerbt und in ihren Gebeten Jahr für Jahr bekannt haben. Sie haben auch die Geschichte für sich, welche die Menschheit auf ihrem Entwickelungsgange vom Fetischdienste zu immer reinerer Gotteserkenntniß fortschreitend zeigt und deshalb Träger und Verbreiter der letzteren anerkennt. Wir müssen daher dem Verf. die „Wahnvorstellung" zurückgeben. In Rußland kennt man jetzt nichts als den „Kampf ums Dasein", dessen der Verf. gar zu oft erwähnt. Aber daß dieser Kampf einen höheren Zweck, ein höheres Ziel, die Erreichung einer allgemeinen Kultur, die Erfüllung edlerer staatlicher und gesellschaftlicher Grundsätze habe, das entgeht den jungen Leuten jenes großen Landes noch. Doch hoffen wir, daß sie dahin kommen werden. Es wundert uns daher nicht, daß der Verf. von „Verzweifeln, Selbstmord" und dgl. spricht. Das ist auch Krankheit, die sich einige Zeitlang hereditär fortpflanzt, dann aber doch dem besseren Wesen der Menschheit weicht. — Weiter wollen wir uns in die Beurtheilung der vorliegenden Broschüre nicht einlassen. Sonst hätten wir noch Sätze und Ausdrücke auf jeder Seite zu bestreiten, die wir hier aus dem Munde eines „russischen Juden" hören, während wir sie nur aus der Feder der Antisemiten fließen zu sehen gewohnt sind. WM

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