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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-17 · Heft 42 (17.10.1882) · p. Seite 682

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 42 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 682 (sequence 2)
Language
German
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. Landstrich im Orient oder in Amerika aufzusuchen. Man soll die Zeit der Ruhe benutzen, um ein solches Werk ins Leben zu rufen. Wir glauben, daß nach den gemachten bitteren Erfahrungen, und da die Möglichkeit einer Wiederholung jener Ereignisse leider nicht ausgeschlossen ist, dieser Gedanke, so unreif er sich von vornherein noch darstellt, der ernstesten Erörterung werth sei, und eigentlich eine Eonsequenz alles dessen ist, was vorgegangen und geschehen ist. Schwebt uns das Bild jener Verfolgungen und Bedrängnisse vor, erinnern wir uns an die allgemeine Theilnahme und Bereitwilligkeit, Hülfe zu leisten, bedenken wir, daß immerhin eine nicht unbeträchtliche Zahl von Flüchtlingen untergebracht und versorgt worden ist, daß aber ein anderer, Theil des Hülfswerks Schisfbruch gelitten, weil das ganze Werk tumultuarisch und ohne genügende Sachkenntniß unternommen werden mußte: so wird jeder Einsichtsvolle zugeben müssen, daß man für zukünftige Vorkommnisse praktische Vorkehrungen treffen solle. Hierzu kommt, und das ist von großem Gewicht, daß das Bedürfniß der Auswanderung stets vorhanden ist, für einzelne und ganze Familien wenigstens. Dieses Bedürfniß besteht in den wohlgeordnetsten Staaten und in fast allen Klassen der Bevölkerung, wie sollte es nicht unter den, in so vielen Ländern durch Ausnahmegesetze beschränkten und so oft'mißhandelten Juden Vorhandensein;? Diesem Bedürfniß gesicherte Wege zu öffnen und die nöthigen Mittel zu bieten, ist gewiß eine ernste und würdige Aufgabe, ja eine Pflicht. Man sieht, daß wir dem Verfasser gern Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo er auf realem Boden steht. Sonst müssen wir uns gegen seine ganze Broschüre entschieden erklären. Das meiste, was wir zu ihrer Widerlegung zu sagen hätten, haben wir bereits in den Artikeln in Nr. 39 und 40 ausgeführt. Der Vers, dringt bei den Juden auf „nationales Bewußtsein." Ja„ aus „Wiederherstellung der jüdischen Nation." Er selbst gesteht jedoch zu, daß es den Juden an den wichtigsten Elementen einer Nationalität fehlt, an gemeinsamen Vaterland, Sprache, Volksbildung, politischen und bürgerlichen Interessen. Woraus will er denn „sein nationales Bewußtsein" zusammensetzen? Meint er, daß diese Dinge sich durch eine Versammlung, ein Direktorium dekretiren lassen? Meint er, daß das Produkt einer Geschichte won 18 Jahrhunderten sich mit einigen Phrasen beseitigen läßt? Meint er, daß man im Handumdrehen eine Nation zu schaffen vermag? Der Vers, begeht den Jrrthum, an die Rumänen, Serben, Bulgaren u. s. w. zu erinnern. Aber diese waren immer Nationen, hatten ununterbrochen eine Nationalität, und was sie jetzt errungen haben, ist nicht eine solche, die sie schon hatten, sondern die Freiheit und Selbstständigkeit. Auch wir arbeiten seit einem halben Jahrhundert, das Bewußtsein als Juden in den Juden zu wecken und zu beleben. Dieses jüdische Bewußtsein ist aber kein „nationales"; was wir darunter verstehen, haben wir in jenen Artikeln gesagt. Es ist vorzugsweise das religiöse, das Bekenntniß der Gotteslehre auf ihrem geschichtlichen Grunde. Wenn der Vers, am jüngsten Versöhnungstage in einer Synagoge gewesen, was hat da sämmtliche Juden (mit geringer Ausnahme) versammelt, zusammengedrängt, viele Stunden lang festgehalten? Kein „nationales" Bewußtsein, sondern das religiöse, der innerste Drang, den einigen Gott anzubeten, den ihre Väter seit fast vier Jahrtausenden anbeten, sich Ihm zu uähern, vor Ihm ihre Wünsche, Hoffnungen und Schmerzen auszuschütten. In diesem Bewußtsein fühlten sie sich zusammengehörig, fühlten sie sich eine Einheit und beteten für Israel, als dessen Glieder sie sich empfanden. Dies ist aber der Grundschaden an dem Verfasser und seiner Broschüre, daß das religiöse Bewußtsein ihm völlig verloren gegangen, daß in seiner Broschüre nicht die geringste Idee davon vorhanden ist. Das rächt sich an ihm, denn auch ein Verständniß für das Leben und die Geschichte der Juden gebricht ihm deshalb gänzlich. Was, fragen wir, sollen die Juden mit diesem „nationalen" Bewußtsein, wenn ohne das religiöse und dessen Wesenhaftigkeit? Nehmt ihnen dieses, und nach wenigen Geschlechtern giebt es keine Judenfrage mehr, weil es keine Juden mehr.giebt. Außerdem, wenn der Vers., den früheren Geschlechtern den Vorwurf macht, daß sie niemals versuchten, ihre Nation wieder herzustellen, bezeugt er nur, daß er die Geschichte des Judenthums und der Juden gar nicht kennt, und wir müssen ihm rathen, diese erst zu studieren, ehe er darüber aburtheilt. Studieren mag er die Geschichte der Zerstreuung der Juden, um über eine Sammlung derselben seine Stimme abgeben zu können. Jene beginnt mit der Zerstörung. Samariens (720 vor d. gew. Zeitr.) und der Verpflanzung der zehn Stämme nach Assyrien. Seitdem hat sie ununterbrochen fortgedauert bis zum heutigen Tage. Das babylonische Exil folgte, und nur ein Theil der Juden kehrte nach Palästina, zurück. Eroberer kamen und führten Hunderttausende nach Alexandrien, Seleucia, Antiochia. Die fortwährenden Kriege zwischen Egypten und Syrien trieben zahllose Juden nach allen Weltgegenden. Das kleine, zum Theil nur mühsam zu bearbeitende Land drängte seine Söhne über seine Grenzen hinaus. Noch stand Jerusalem, noch waren die Juden Be-, sitzer ihres Landes und schon breiteten sich ihre Colonien doch Indus bis nach Gallien , und Germanien aus. Das Schtbert der Römer trieb die palästinensischen Juden durch die Länder, verbannte sie aus ihrer Heimath, verbot ihnen, Jerusalem zu betreten. Die Ströme der Völkerwanderung riß sie vollends dahin, wohin ihr Fuß noch nicht gekommen war; die späteren Verfolgungen vollendeten dies. So in kleinen Gruppen über die Erde vertheilt, wie sollten sie da

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