Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1882)
- Date
- 1882-10-10
- Page
- Seite 677 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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677 Vor alter grauer Zeit war über Juda eine schreckliche Noth hereingebrochen; ihm drohte der Zorn eines asiatischen Tyrannen, in dessen Hand damals fein Schicksal gestanden. Diesen Herrscher gütig zu stimmen, vermochte nur die Weisheit und Milde des Rabbi Nachum; und so wählte ihn das Volk zu seinem Vertreter. Nach der Sitte des Orients erschien kein Gesandter vor dem Antlitz eines Königs ohne gebührende Geschenke. Es wurde nun alles Kostbare, das sich in dem Besitze der Juden vorfand, zu diesem Zwecke hingegeben und in ein reich verziertes Kästchen gelegt. Unterwegs aber — beraubte einer der Wirthe, bei dem der vertrauensvolle Rabbi übernachtet hatte, das Kästchen seines reichen Inhaltes und füllte dasselbe mit Erde. „Gam su letowa,“ rief unverzagt der Rabbi aus, als er den Raub bemerkte, und erschien mit diesem Geschenk vor dem erzürnten Herrscher. „Diese Erde senden Dir als Zeichen der Ergebenheit Deine treuen Unterthanen die Judäer. Mögest Du wohlwollend diese Gabe aufnehmen und uns. deine Gnade gewähren."— „Wie", schrie drohend der asiatische Herrscher, sie spotten meiner! Mit dieser Hand voll Erde wollen sie mir ihre Ergebenheit beweisen?! Vertilgen will ich sie alle!" „Alles zum Heile!" flüsterte mit bebender Stimme Rabbi Nachüm. „Was, — zum Heile"? versetzte der Tyrann; „erkläre Dich deutlicher!" „Vielleicht", fiel hier Einer aus dem königlichen Gefolge ein, „vielleicht ist das von jener Wundererde, durch welche ihr Patriarch Abraham einst vier Könige fammt ihren mächtigen Heeren besiegt hatte. Versuche seine Kraft, mein König! vielleicht bringen dir die Juden mit dieser Gabe Sieg über deine Feinde." — So war Juda gerettet. . . . . Die statt des Goldes und der Edelsteine hineingelegte Erde war wirklich heilbringend. Allein kehrt jedes Jahr auch das Purimfest wieder, so geschieht doch nicht jedes Jahr ein Wunder. O, wärest du auch jetzt bei uns, du frommer Leidensdulder, du unbesiegbarer Rabbi-Nachum! — - Während dieser Wunsch lebhaft in mir erwachte, ging die Thür meines Kabinets geräuschlos auf und ich vernahm hinter mir leichte Schritte. Ich erhob meinen Blick und staunte. Vor mir stand die edle, majestätische Gestalt eines silberlockigen Greises in orientalischer Tracht, mit dem Turban auf dem Haupte. Das offene liebevolle Antlitz des Greises war von einem breiten, schneeweißen Barte umrahmt; um seinen Mund spielte ein melancholisch sanftes Lächeln. Nur seine . Augen schienen ungeachtet ihres wunderbaren Glanzes die nahen Gegenstände nicht zu unterscheiden, sondern in unendliche Ferne zu schauen. Ich erhob mich rasch von meinem Platze und verharrte in Unentschlossenheit. Zu meinem nicht geringen Staunen näherte sich mir der Greis mit den Worten: „Ich bin Rabbi Nachum Jsch-gam-su und bin auf deinen Wunsch hierher erschienen." — „Wie", ftagte ich erstaunt, „seid Ihr denn noch unter den Lebenden?" — „ Menschen, wie ich, sterben nie", war die Antwort. „Aber Ihr wäret ja gelähmt und blind auf beiden Augen; woher und wie seit Ihr nun in dieser Mitternacht hier erschienen?" — Der Greis zögerte, als würde er warten, bis ich von meinem Staunen wieder zu mir gekommen und beruhigt sei. Dann, nachdem er sich aus den ihm dargebotenen Lehnsessel niedergesetzt hatte, hoben sich seine dichten Augenbrauen und er sprach: „Ja, mein Sohn, meine Hände sind, wie du siehst, — in der That gelähmt, ich kann nichts thun; aber meine Beine dienen mir schon lange wieder und vortrefflich: Gehen, wandern das ist meine Specialität. Oft natürlich bin ich genöthigt zu irren, mir nutzlos die Füße abzulaufen, oft vergebens Kraft zu verschwenden; immer jedoch komme ich schließlich zu dem mir bestimmten Orte. Was meine Augen betrifft, so sind sie in der That trübe und dunkel; aber in die Ferne sehe ich klar und weit." Bei diesen Worten lächelte der Greis so selbstzufrieden, ja so freudig, daß ich ungehalten wurde. Mein früherer Kummer, der sich etwas gemildert hatte, erwachte wieder heftig in meiner Brust und ich unterbrach den gutmüthigen Greis mit der Frage, ob er auch wisse, was bei uns in letzter Zeit vorgegangen ist? „Ich weiß, ich weiß, mein Sohn, antwortete er seufzend, doch ohne sichtbare Erregung. „Nun, was sagt Ihr dazu, Rabbi?" „Gam-su-letowa, gam-su-letowa!" Ich fiel fast vom Stuhle vor Aufregung.' „Wie", rief ich bestürzt, „auch Ihr, Rabbi, könnt von euerem Optimismus nicht lassen, selbst angesichts des großen Elendes, das über unser Volk jetzt hereingebrochen. Das hieße ja über seine Leiden spotten. Wenn Tausende von Menschen ihrer ganzen Habe beraubt, in die Welt hinausgestoßen werden, wenn Tausende aus ihren Nestern vertrieben, wie Schatten einherschleichen und fliehen — ohne zu wissen wohin, aufs Gerathewohl — dem Zufall und all seinen traurigen Folgen preisgegeben; — könnte das zum Heile sein? — Nein, Rabbi, nicht zum Heile ist das, sondern zu unseren: völligen Verderben!" Anstatt der Antwort erhob sich der Greis, schlug den Kragen seines Talars weit auf und entblößte vor meinen Augen seine Brust. Sie war ganz von tiefen, schweren