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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-10 · Heft 41 (10.10.1882) · p. Seite 678

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 41 (10.10.1882)
Date
1882-10-10
Page
Seite 678 (sequence 14)
Language
German
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678 Wunden bedeckt; neben den zahlreichen alten, vernarbten waren viele frische Wunden sichtbar, aus denen noch das Blut flöß. ''Es überlief'mich eiskalt vor diesem schrecklichen Anblicke, ich "mußte mich abwenden und ließ kraftlos mein Haupt sinken. V 'Doch der Gröis sprach: „Hier, in dieser' von Wunden und Narben durchfurchten Brust ist die ganze Leidensgeschichte meines viel geprüften Volkes eingeschrieben. Wie -sollte ich ^eren Illusionen trösten?!-^Aber EZHKUe8^e^1rüfs Neue klaffenden Wunden sind hier de Spuren längst verharschter Beulen, längst verheilter Upe. Ach, welchen Schmerz hatten diese einst verursacht! -^Wenn man dem Bofte eine-neue Wunde schlägt, so schreit eMlaut vor Schmerz auf; der Anblick des strömenden Blutes es iurSchre^epl-'/AbeU-gläube mir^ tausendfach ver^ heerend er wirken auf den Organismus eines Volkes jene Mimischen Gebrechen, die gleich giftigen Säften allmählich fMen Körper verzehren und unaufhörlich sein Blut vergiften. verursachen ihmzwär keine heftigen Schmerzen; aber ^s ist um so schlimmer für das Volk; weil es dann umso Eniger an muß-dEArzt neue WündeU einsAneiden, "irnu'chronische," welche keiner Salbe weichey wollen, zücheilen.'. Solche alte chronische Wunden' werden durch Pflaster- und Salben vielleicht ein weniger widerliches Aeußere annehmen, aber nach Innen werden sie den.Organismus wie früher zerstören und nicht eher heilen bis die Bedingungen seiner Ernährung radieal geändert, bis seine hygienischen Verhältnisse zweckentsprechend eingerichtet worden sind. — Wenn die Juden in Folge der. letzten?Plünderungen und Raubscenen gezwungen sein werden, sich umzuschauen und nachzudenken, wenn sie in Folge dessen die Bedingungen ihres Erwerbs ändern werden, dann können wir mit voller Befriedigung sagen: Gam su letowa." „Und Ihr Rabbi glaubt, daß das Volk sich jetzt umschauen und-zur-Einsicht kommen werde? O, wenn dem so Äf t2 Allein'Ich./zfveifle daran. .... Jetzt -ist nicht die Zeit dazu, jetzt, wo sie so verfolgt, so gehetzt werden, daß sie sich kaum ümMsch'aüen .wagen.— So war es der Verwaltung des Fonds für Handirer und Ackerbauer kaum gelungen, hie ärmeren Städte Litthauens von einigen Dutzend darbender Handwerker zu befreien,, als dahin hunderte FamiliM i Msückkehresi \ Mufjfen, die nur aus dem einen Gouvernement Orel ausgewiesen wurden^ Zur Förderung des Ackerbaues irgendwiezu wirken, dazu war der Fond gänzlich unzureichend, und jetzt, in Folge der Plünderung wurde ganz darM^erMemf^-^-;-^ „Man wird wieder daran denken; dessen sei gewiß, mein Sohn. Was das Gefühl der Wohlthätigkeit nicht vermochte, daß wird das Gefühl der Selbsterhaltung thun. War.-es-i dem Freunden nicht gelungen, die -jüdische Masse zur -bessern Einsicht zu bringen, so wird solches ihren Feinden gelingen. Mein guter Freund, Aba-bar-Kohana hat einst sehr richtig geäußert, indem er sagte, däß die Üdbergabe des königlichen Siegels awkHa'manvon Seiten - des -persischen Herrschers für Israel wichtiger war, als die ermahnenden Predigten aller 48 Propheten und der sieben Prophetinen, die zu verschiedenen Zeiten dem Volke geweissagt hatten.l) Ja, mein Sohn, die Hanrane 'aller Zeiten und Völker haben, ohne - es'-zu wollen — uns stets viel Gutes gethan. Erst jetzt ist man endlich zu der Einsicht gelangt, daß nur in der productiven Arbeit unsere Rettung zu finden ist, daß der Handel als ausschließlicher Erwerb uns überall und immer überflüssig macht, überflüssiig in der Fremde und unmöglich, ja undenkbar bei uns daheim. Für den Landmann findet sich ' überall auf der großen Erde ein Plätzchen, besonders für den fleißigen, thätigen. Ohne Ackerbau haben wir Juden ' keine Zukunft, weder in Amerika, noch in Palästina; dort werden wir Andern überflüssig sein, hier für uns selbst uns ^untauglich erweisen." „Nach euerer Ansicht, Rabbi Nach um,, liegt dieHauptursache der ganzen^ Feindschaft gegen die Juden nur in den ökonomischen Verhältnissen. Wie wollt Ihr, Rabbi, aber das erklärendaß die Plünderung überall vorzüglich an der armen, arbeitenden Klasse verübt worden, ist, und daß.die Ackerbau treibenden Colonisten am wenigsten davon verschont wurden?" — ,; „Nur in den ökonomischen Verhältnissen? Das habe ich nicht gesagt," erwiederte der Greis. „Diese ganze Geschichte, mein Sohn, ist das Resultat mannigfacher, äußerst complicirter Ursachen, unter denen sehr viele nicht im Juden liegen und von ihnen weder materiell, noch geistig verschuldet sind, für welche sie: aber, wie oft geschehen, zum Sündenbock gemacht worden. „Einen Liegenden schlägt man nicht", sagt ein Sprichwort. Aber wenn die Unzufriedenheit einmal in die rohe Faust gefahren ist und manseinen Unmuth gern über irgend jemand ergehen lassen will, so -ist's doch am bequemsten, auf den Liegenden loszuschlagen. Es ist zwar 'nicht edel, aber um sowenigerriskirt. Wir müssen uns ernstlich bestreben, endlich aus der Rolle des Liegenden zu kommen. Die Bildung und der Productive Fleiß, sie werden uns dahin führen; nur dadurch können wir unser Wohl fördern. Dann werden wir nirgends mehr Gefahr laufen, dem Hungertode anheimzufallen, der jetzt so vielen unserer Glaubensgenossen droht." (Fortsetzung folgt.) 1) Megila.

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